Die Brandmauer auf Bundes- und Landesebene manifestiert sich auch in vielen Parlamentsreden, in denen ein Abgrenzung von der AfD stattfindet. Doch gilt dies auch für die Kommunalpolitik, wo Reden weniger öffentliche Aufmerksamkeit erfahren? Unsere Studie nutzt erstmals Videoaufzeichnungen von Kreistagssitzungen als Datenquelle und zeigt: Auch vor Ort distanzieren sich alle Parteien rhetorisch deutlich von der AfD, wenngleich mitte-links spürbar schärfer als mitte-rechts. Dies ist auch auf die disziplinierende Wirkung sozialer Normen zurückzuführen.
Die Schuldenbremse gilt vielen als Investitionsbremse. Gerade die politische Linke fürchtet seit Jahren, strenge Fiskalregeln schnürten dem Staat die Luft ab und gingen zulasten von Infrastruktur, Klimaschutz und digitaler Zukunft. Unsere neue Studie über die Haushalte der deutschen Bundesländer zeichnet ein differenziertes und in Teilen überraschendes Bild: So finden wir zwar keine Anzeichen dafür, dass rigide Fiskalregeln den Investitionsanteil in den Länderbudgets gedrückt haben. Der Anpassungsdruck scheint an anderer Stelle aufzutreten – vor allem beim laufenden Sachaufwand, dessen Vernachlässigung hinsichtlich des Zustands der Infrastruktur im wahrsten Sinne tiefe Risse geschlagen hat.
Trotz ihrer Relevanz haben Ordnungsrufe in der Parlamentsforschung bislang nur begrenzte systematische Aufmerksamkeit erfahren. Wir führen eine regelbasierte Methode zur Erkennung und Annotation von Ordnungsrufen in parlamentarischen Redebeiträgen ein und präsentieren einen neuartigen Datensatz deutscher Parlamentsdebatten über einen Zeitraum von 72 Jahren, in dem die Ordnungsrufe ausgezeichnet sind. Darüber hinaus entwickeln wir das erste Klassifikationssystem für Auslöser von Ordnungsrufen und analysieren die mit ihrem Auftreten verbundenen Einflussfaktoren.
Um die europäische Energiewende voranzutreiben, nutzt die EU Experimentalist Governance: Unter einem gemeinsamen Zielhorizont entwickeln die Mitgliedstaaten eigene Strategien und Lösungen. Wie gut hat das bisher funktioniert? Gemeinsam haben die Mitgliedstaaten das EU-Ziel von 20 % erneuerbarer Energien bis 2020 sogar übererfüllt. Allerdings verbleiben erhebliche nationale Differenzen. Nationale Pfadabhängigkeiten und bröckelndes politisches Commitment erschweren weitreichende Transformationen.
Anfang 2024 folgte auf ein Treffen Rechtsextremer in Potsdam eine der größten Protestwellen der deutschen Geschichte. Was erklärt ihren außergewöhnlichen Mobilisierungserfolg? Unsere Analyse deutet darauf hin, dass offene Schlagworte in der Vorberichterstattung heterogene Gruppen vereinten und dass Linkspopulismus in diesem Fall eine systemstabilisierende Wirkung entfaltete.
Physische Attraktivität und Wahlkampf in den sozialen Medien hängen beide positiv mit Wahlerfolg zusammen. Doch können sich diese beiden Faktoren gegenseitig verstärken? Bei der Bundestagswahl 2021 hat eine Social-Media-Präsenz attraktiveren Kandidierenden mehr genutzt als weniger attraktiven. Meine Analyse deutet darauf hin, dass sich speziell die Nutzung von Facebook im Wahlkampf insbesondere für attraktivere Kandidierende in Form von Erststimmenanteilen ausgezahlt hat.
Die Bundestagswahl 2025 stellte viele Wähler*innen vor neue strategische Entscheidungen: Welche Rolle spielt die Erststimme im personalisierten Verhältniswahlsystem angesichts des Aufstiegs der AfD? Unsere Analysen zeigen, dass in Wahlkreisen mit knappen Rennen Wähler*innen ihre Erststimme teilweise gezielt auf die aussichtsreichste Nicht-AfD-Kandidatur bündelten. Individualdaten belegen, dass insbesondere politisch interessierte Wähler*innen bereit waren, ihre Präferenz zugunsten der stärksten Konkurrenz anzupassen. Strategisches Kandidat*innenwählen wirkt damit wie eine informelle Korrektur des Wahlsystems unter Mehrheitsbedingungen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Erststimme nicht nur symbolische Bedeutung hat, sondern aktiv genutzt wird, um lokale Wahlausgänge zu beeinflussen.
Demokratiebildung in der Schule soll junge Menschen befähigen, informiert, urteilsfähig und aktiv an einer pluralen Gesellschaft teilzunehmen. Der Beitrag erklärt Demokratiekompetenz als Ziel dieser Bildung – verstanden als Bündel aus Wissen, Haltung, Handeln, Urteil- bzw. Medienkompetenz sowie sozialen Fähigkeiten. Zugleich zeigt er Grenzen: Schulen arbeiten in klaren Hierarchien, Lehrkräfte sind oft überlastet, und digitale Desinformation (wie KI-Deepfakes) erhöhen den Druck. Wirksame Demokratiebildung braucht deshalb realistische Formate, gelebte Beteiligungskultur, klare Wertearbeit und Kooperation mit externen Partnern.
Auch jenseits kommerzieller Verlagsmodelle lässt sich Open Access nachhaltig und qualitätsgesichert organisieren. Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Open Gender Journal. Der Beitrag führt durch die Praxis der Redaktionsarbeit, beleuchtet Potenziale des digitalen Publizierens und spricht über Ressourcenfragen und Zukunftsaussichten. Dabei wird deutlich: Diamond-Open-Access-Initiativen eröffnen nicht nur kostenfreie Publikationswege, sondern gestalten das Wissenschaftssystem aktiv mit.
Sind Oppositionsparteien eher in der Lage, democratic backsliding durch die nationale Exekutive zu verhindern, wenn die Opposition mehr subnationale Regierungen kontrolliert? Basierend auf einem neuen Datensatz zu subnationalen Wahlergebnissen in 84 Demokratien (1990-2021) zeigt die Studie, dass oppositions-kontrollierte subnationale Regierungen helfen, die Demokratie auf der nationalen Ebene zu festigen. Dies gilt selbst in unikameralen und unitarischen Demokratien. Oppositionelle Gouverneur*innen und Bürgermeister*innen intensivieren die Prinzipal-Agent-Probleme der nationalen Exekutive und befähigen die Opposition, elektoral kompetitiv zu bleiben. Effektiver Widerstand gegen democratic backsliding erfolgt somit auch in oppositions-kontrollierten Städten und Regionen.