Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Archivieren und Teilen von qualitativen, sensiblen Forschungsdaten aus politikwissenschaftlicher Forschung: Das Forschungsdatenzentrum Qualiservice.

Autorin: Paula Lein

 

Qualitative politikwissenschaftliche Forschungsdaten sind in der Regel sensibel und basieren oftmals auf einem engen Vertrauensverhältnis zwischen Forschenden und Forschungsteilnehmenden. So sind beispielsweise die Teilnahme an Forschungsvorhaben in autoritären Regimen und die daraus resultierenden personenbezogenen Forschungsdaten mit besonderen Risiken für die Beforschten verbunden. Zugleich sind diese Forschungsdaten aber reichhaltig, einzigartig und entstehen häufig in schwer zugänglichen Forschungsfeldern. Deshalb sollte eine langfristige Archivierung, die auch eine wissenschaftliche Nachnutzung ermöglicht, regelmäßig in Erwägung gezogen werden – auch wenn ein großer Teil des Materials aus rechtlichen und/oder ethischen Gründen nicht unbeschränkt öffentlich zugänglich gemacht werden kann. Um Forschungsteilnehmende zu schützen sind daher hohe Anforderungen an die Archivierung dieser Forschungsdaten und spezielle Schutzvorkehrungen notwendig. Wenn Forschende ihre sensiblen Daten der wissenschaftlichen Nachnutzung zur Verfügung stellen wollen, brauchen sie also eine angemessene Archivierungsumgebung, welche Qualiservice im Rahmen des Fachinformationsdienstes (FID) Politikwissenschaft bereitstellt.

Qualitative, politikwissenschaftliche Daten nachnutzen

Gerade weil qualitative, politikwissenschaftliche Forschungsdaten einzigartig, besonders reichhaltig und teilweise schwer zugänglich sind, lohnt es sich die Archivierung und Bereitstellung zur wissenschaftlichen Nachnutzung solcher sensiblen Forschungsdaten in Betracht zu ziehen. Denn ist einmal eine sichere Schutzumgebung für die Daten gegeben, sind vielfältige Szenarien der Nachnutzung denkbar: Indem die archivierten Daten unter neuen Forschungsfragen oder mit anderen Methoden ausgewertet werden, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten für Sekundäranalysen (z.B. in qualitativen Längsschnitten oder Zeitvergleichen). Auch in Fällen, in denen der Zugang zu speziellen Forschungsfeldern nur eingeschränkt möglich ist, es an Projektmitteln fehlt oder Forschungsteilnehmende tendenziell überforscht sind, kann die Arbeit mit Sekundärdaten eine Alternative darstellen. Zudem können archivierte Daten interessantes Material für Methodenforschung liefern oder für die Lehre zugänglich gemacht werden. Im Übrigen wird auch die Sichtbarkeit von Publikationen erhöht, wenn diese mit den archivierten Datensätzen verknüpft sind, auf denen sie beruhen.

Das Forschungsdatenzentrum Qualiservice

Im FID Politikwissenschaft arbeiten wir seit 2022 gemeinsam mit dem Forschungsdatenzentrum Qualiservice als neuem Projektpartner an der Universität Bremen am Aufbau einer angemessenen Archivierungsumgebung für die speziellen Bedarfe politikwissenschaftlicher Forschung. Dazu werden die bereits existierenden Infrastrukturen und Services von Qualiservice so erweitert, dass auch Daten aus politikwissenschaftlicher Forschung (insbesondere Expert*inneninterviews und Dokumente) unter kontrollierten Bedingungen professionell archiviert und nachgenutzt werden können. Durch die Projektpartnerschaft wurde eine für die Politikwissenschaft fachspezifische Anlauf- und Beratungsstelle für die Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer politikwissenschaftlicher Forschungsdaten geschaffen.

Qualiservice ist ein vom Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten (RatSWD) akkreditiertes Forschungsdatenzentrum und bisher das einzige Forschungsdatenzentrum in Deutschland, das qualitative sozialwissenschaftliche Forschungsdaten unabhängig von Disziplin und Thema archiviert und für wissenschaftliche Nachnutzungen in Forschung und Lehre bereitstellt. Das Portfolio erstreckt sich mittlerweile auf die gesamte Bandbreite qualitativer Forschungsdaten und -materialien, beispielsweise textbasierte Daten wie Interviewtranskripte, Beobachtungsprotokolle und Feldtagebücher, aber auch Mixed-Methods-Daten, Fotos, sowie audio-visuelle Daten. Dabei besteht die Expertise insbesondere in der Archivierung sensibler, das heißt in der Regel personenbezogener Forschungsdaten sowie den damit verbundenen ethischen, rechtlichen und technischen Voraussetzungen. Kennzeichnend für die Archivierung mit Qualiservice ist dabei, dass die Vorbereitung der Datenarchivierung als kooperative Aufgabe von Forschenden und Forschungsdatenzentrum verstanden wird.

Schritte der kooperativen Datenarchivierung

Der erste Schritt der Datenarchivierung mit Qualiservice besteht in einer möglichst frühzeitigen Kontaktaufnahme, idealerweise noch vor einem Antrag auf Forschungsförderung. In einem ersten Beratungsgespräch erhalten Forschende dann Informationen über Möglichkeiten der Archivierung und wie dafür geeignete Voraussetzungen geschaffen werden können. Zudem unterstützt Qualiservice bei der Kalkulation der notwendigen Ressourcen, die im Forschungsprojekt und bei Qualiservice für die Datenaufbereitung notwendig sind, und in den Projektantrag einfließen können. Die Archivierung von Forschungsdaten mit Qualiservice geht mit einer flexiblen, individuellen und forschungsorientierten Beratung und praktischer Begleitung während der gesamten Projektlaufzeit einher (siehe Abb. 1).

Abbildung 1: Services von Qualiservice (Qualiservice 2022 https://www.qualiservice.org/de/daten-services.html (zuletzt entnommen am: 19.12.2023)).

So können Forschende etwa zur passenden Ausgestaltung der „informierten Einwilligung“ beraten werden, welche zur Verarbeitung personenbezogener Forschungsdaten notwendig ist. Zu diesem Zweck bietet Qualiservice juristisch geprüfte Vorlagen für die Primärforschung, sowie für die Archivierung und Nachnutzung an, welche individuell unter Anleitung einer Handreichung angepasst werden können. Die Forschungsdaten werden im Forschungsprojekt selbst vorbereitet und anonymisiert, wobei das Anonymisierungstool QualiAnon kostenfrei genutzt werden kann. QualiAnon ermöglicht es, das Qualiservice-Konzept der flexiblen Anonymisierung bei der Anonymisierung textbasierter Daten halbautomatisiert umzusetzen.

Im zweiten Schritt wird die Datenübergabevereinbarung abgeschlossen und der Datentransfer über einen besonders gesicherten „Upload-Space“ vorgenommen. In der Datenübergabevereinbarung legen Forschende fest, welche Forschungsdaten und Kontextmaterialien archiviert werden sollen. Zudem können Forschende bestimmen, wann und unter welchen Bedingungen eine wissenschaftliche Nachnutzung der Daten möglich ist. So können beispielsweise spezifische Schutzmaßnahmen und studienspezifische Überlegungen basierend auf dem individuellen Forschungsdesign und Forschungsgegenstand festgelegt werden. Im Anschluss findet die Datenkuration bzw. Datenvorbereitung bei Qualiservice statt. Dabei wird die Anonymisierung aller übermittelten Forschungsdaten/-materialien durch ausgebildete Sozialwissenschaftler*innen hinsichtlich möglicher Risiken für die Identifizierung von Interviewten oder Dritten geprüft und falls erforderlich, zusätzliche Maßnahmen zur Anonymisierung und zum Schutz der Daten ergriffen. Datengebende erhalten dann noch einmal die Möglichkeit, ihre Studie nach der Aufbereitung zu begutachten und freizugeben.

Im dritten Schritt werden die Daten durch Qualiservice auffindbar und nutzbar gemacht. Dazu gehört die Publikation der Metadaten und des Studienreports als wichtige Projektpublikation. Im Studienreport können Forschende eine studienspezifische Kontextualisierung ihrer Forschungsdaten vornehmen, sodass Dritte den Entstehungskontext der Daten nachvollziehen und das Nachnutzungspotential einschätzen können. Dafür gibt es eine Handreichung und eine Autor*innenvorlage. Der Studienreport, wie auch die Forschungsdaten selbst werden mit persistenten Identifikatoren (Digital Object Identifier, DOI) versehen und somit zitierbar gemacht. Durch ein umfangreiches Metadatenschema werden die Forschungsdaten für Dritte auffindbar.

Spezielle Schutzvorkehrungen für sensible Forschungsdaten

Da sensible, qualitative Forschungsdaten besondere Schutzmaßnahmen für ihre Archivierung und Nachnutzung benötigen, hat Qualiservice spezielle Lösungen entwickelt. Qualiservice berät Forschende dahingehend, wie sie in individualisierten, flexiblen und studienspezifischen Datenübergabe- und Nutzungsvereinbarungen Schutzmaßnahmen festlegen können, die ihren schutzbedürftigen Forschungsdaten gerecht werden. Beispielsweise können zeitliche Embargos eingerichtet oder auch die ausschließliche Nutzung vor Ort in einem speziell geschützten Raum für Gastwissenschaftler*innen bestimmt werden. Wenn andere Wissenschaftler*innen später Zugang zu den sensiblen archivierten Daten erhalten möchten, müssen sie eine Nutzungsvereinbarung mit Qualiservice abschließen, in welcher diese individuell zugeschnittenen Schutzmaßnahmen als Bedingungen für die wissenschaftliche Nachnutzung festgelegt sind. Die bei Qualiservice archivierten Forschungsdaten sind also nicht offen zugänglich, sondern nur durch individuelle Zugangsbestimmungen kontrolliert nutzbar. So können auch hochsensible Forschungsdaten mit Qualiservice in einer angemessenen Archivierungsumgebung geschützt werden und gleichzeitig auch eine wissenschaftliche Nachnutzung ermöglicht werden.

 

Über die Autorin:

Paula Lein (M.Sc.) ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Forschungsdatenzentrum Qualiservice und Ihre Ansprechpartnerin für politikwissenschaftliche Forschungsdaten. Um Sie individuell beraten zu können, schreiben Sie gerne eine Nachricht an: pleinuni-bremende oder an: infoqualiserviceorg

 

Über die Rubrik "Pollux. Für die Politikwissenschaft"

In der Rubrik “Pollux. Für die Politikwissenschaft” berichtet das Team vom Fachinformationsdienst (FID) Politikwissenschaft - Pollux regelmäßig von neuen Angeboten und Entwicklungen aus den Bereichen Literaturrecherche, Open Access, Forschungsdatenmanagement, Wissenschaftskommunikation und weiteren Themen, die Informationsinfrastrukturen betreffen. Wir freuen uns über Ihre Rückmeldungen, Anregungen, Fragen und Kritik an kontaktpollux-fidde.

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