Die Durchführung der Veranstaltung erfolgte im Rahmen des Bachelorstudiums Lehramt Grundschule für Lehramtsstudierende mit dem Fach Sachunterricht an der Universität Münster. Das Studium des Fachs Sachunterrichts ist in hohem Maße interdisziplinär geprägt: Der Sachunterricht vereint sieben Perspektiven, u.a. die technische und die biologische Perspektive. Die sozialwissenschaftliche Perspektive kann dabei in vielfacher Hinsicht als von Marginalisierung bedroht betrachtet werden: 1) Wie an vielen anderen Universtäten gibt es keine Professur für Sachunterrichtsdidaktik, die die gesellschaftswissenschaftliche Perspektive vertritt. 2) Die sozialwissenschaftliche Perspektive wird im Studienverlaufsplan als letzte der Perspektiven geführt und erst im fünften Semester durch die Studierenden besucht. 3) Auch im späteren Professionsalltag der Sachunterrichtslehrkräfte wird die sozialwissenschaftliche Perspektive als nachrangig wahrgenommen und politische Bildung teils delegitimiert (vgl. Bade 2022). 4) Es gibt trotz bestehender Forschungserkenntnisse (z.B. van Deth et al. 2007, Asal & Burth 2016, Oberle et al. 2018) noch immer Vorbehalte gegenüber politischen Inhalten in der Grundschule.
Vor diesem Hintergrund wurde die hier skizzierte vertiefende Übung durchgeführt, die im Studienmodul von einer Vorlesung begleitet wird, die in die Fachinhalte einführen soll. Das Übungsseminar hatte die Aufgaben, die Fachinhalte aus der Vorlesung zu vertiefen, fachdidaktische Inhalte einzuführen, sowie Wissen über fachspezifische Arbeits- und Erkenntnismethoden zu vermitteln und dabei stets eine Brücke zwischen sozialwissenschaftlicher Fachdidaktik und Sachunterrichtsdidaktik zu schlagen. Zu meinem persönlichen Ziel dieser Lehrveranstaltung hatte ich es außerdem gemacht, Interesse und Motivation für die Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen – und, als Politikwissenschaftler, insbesondere mit politischen – Inhalten zu fördern und für diese zu sensibilisieren. Dies erschien vor dem Hintergrund der Zielgruppe (dies sind keine intrinsisch motivierten, politisch interessierten Politikwissenschaftsstudierenden) und der mangelnden Auseinandersetzung mit sozialwissenschaftlichen Studieninhalten sinnvoll.
Der thematisch breit aufgestellte Seminarplan ist beigefügt. Eine Frage, mit der die Veranstaltung auch im Vorhinein ausgeschrieben wurde, stand dabei immer wieder im Fokus: Wie können außerschulische Lernorte sinnvoll für Lehr-Lern-Prozesse in der sozialwissenschaftlichen Perspektive genutzt werden? So stellten die Studierenden Überlegungen zu forschendem Lernen mit Grundschüler*innen an, beispielsweise im Kontext eines Besuchs der örtlichen Kommunalverwaltung. Es sollte einen freiwilligen Besuch des Münsteraner Wochenmarkts geben, bei dem die Potenziale des Lernorts mittels Beobachtung erkundet werden sollten, der jedoch leider kurzfristig ausfiel. Stattfinden konnte eine freiwillige Exkursion zum nordrhein-westfälischen Landtag, bei dem die Studierenden im Grundschulprogramm des Besucherdienstes hospitierten, das didaktische Angebot des Landtags danach mit einer Mitarbeiterin kritisch besprachen und dann mit Frank Müller, MdL und Mitglied des Schul- und Bildungsausschusses, über den Bericht der Enquetekommission Chancengleichheit in der Bildung, das Lehramtsstudium und den Lehrkräfteberuf diskutierten.
Ein weiterer Fokus der Übung bestand in der Auseinandersetzung mit Medien in dreierlei Hinsicht: 1) Die Arbeit mit realen Unterrichtsmaterialien sowie deren kritische Analyse und Weiterentwicklung: Diesem Fokus liegt eine oft bemängelte vermeintliche Praxisferne des Lehramtsstudiums zugrunde, aus der die Notwendigkeit, Praxisrelevanz herzustellen, abgeleitet wurde. In nahezu jeder Seminarsitzung erfolgte daher die Auseinandersetzung mit Unterrichtsentwürfen, -medien und -ideen. Die Studierenden wurden so ermutigt und befähigt, Unterrichtsmaterialien kritisch zu bearbeiten. 2) Arbeiten mit und über KI: Digitalität als Merkmal heutiger kindlicher Lebenswelten und digitale Bildung wurden diskutiert, u.a. die Frage, inwiefern KI in der Grundschule behandelt werden kann. Außerdem erprobten und reflektierten die Studierenden die Arbeit mit KI im Rahmen von Unterrichtsplanung und -gestaltung, nicht zuletzt, weil Lehrkräfte-KI-Tools wie to teach AI und paddy mittlerweile weit verbreitet sind. Die Ergebnisse einer Befragung der Studierenden wurden in einer praxisrelevanten Zeitschrift veröffentlich (Schröter Draband & Kindlinger 2026). 3) Das politische und politisch-bildnerische Potenzial von Kindermedien kennenlernen und dafür sensibilisieren. „Ziviler Ungehorsam im entpolitisierten Neustadt?“ – so lautet der Titel eines Aufsatzes von Oliver Emde (2016). Und wer genau hinsieht und -hört, kann nicht nur bei Benjamin Blümchen, sondern z.B. auch in Musikvideos von Influencer*innen, bei Pünktchen & Anton und in der Neuauflage des Films Momo (2025) viel Politisches entdecken. Fragen nach den intendierten und nicht intendierten möglichen Folgen für die politische Sozialisation von Kindern und nach der möglichen Einbindung in den Sachunterricht gingen die Studierenden nach. In diesem Kontext war ein weiteres Highlight, dass Ruprecht Polenz in einer Sitzung sein Kinderbuch „Wer bestimmt auf unserem Hof?“ vorstellte und mit den Studierenden diskutierte. Die Frage nach der Eignung des Buchs für die politische Bildung im Sachunterricht wurde dann durch die Studierenden bearbeitet.
Eine Reihe von Zielen wurde im Rahmen der Lehrveranstaltung erreicht:
Insbesondere vor dem Hintergrund der Marginalisierung der sozialwissenschaftlichen Perspektive im Sachunterricht ist die Aufnahme in die DVPW-Blog-Reihe 2026 ein positives Signal. In den letzten Jahren ist vermehrt die Erkenntnis gewachsen, dass politische Bildung und Demokratiebildung bereits im Primarbereich (und in der frühkindlichen Bildung) ansetzen sollten. Wenn dies gewährleistet werden soll, müssen wir uns für mehr gute politikwissenschaftliche Lehre auch für Lehramtsstudierende im Primarbereich einsetzen.
Lehrende
Die Veranstaltungen des Moduls umfassten eine Vorlesung, die von Oliver Krebs gehalten wurde, sowie insgesamt fünf vertiefende Übungen, die von Oliver Krebs (1), Dr. Tim Rogge (1) und Till Schröter Draband (3) durchgeführt wurden.
Oliver Krebs ist Oberstudienrat im Hochschuldienst in der Fachdidaktik der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.
Dr. Tim Rogge ist Studienrat im Hochschuldienst in der Fachdidaktik der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.
Weitere Materialien:
Seminarplan Vertiefung zur Einführung in die Sozialwissenschaften
Über den Autor:
Till Schröter Draband ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Fachdidaktik der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2026 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Julian Eckl für sein Lehrprojekt „Spiele und Weltpolitik“ im Wintersemester 2025/26 an der Universität St. Gallen verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: