Kunst, interaktive Kulturprojekte und non-verbale Ausdrucksformen bilden einen zentralen Pfeiler von Versöhnung, Vergangenheitsbewältigung und Friedensaufbau in Nachkriegsgesellschaften und Konfliktländern. Die wissenschaftliche Literatur hat die Schlüsselrolle von Kunst für transformative oder transitional justice erkannt, aber jenseits der Vermittlung von akademischem Wissen und Forschungsmethodik finden das Verstehen, Erleben und (selbst)reflektive Lernen von solchen „Alltagspraktiken“ in der politikwissenschaftlichen Lehre keinen Raum. Die besondere Leistung des eingereichten Seminars ergibt sich daher aus drei Aspekten, die so im „normalen“ Studien- und Prüfungsbetrieb politikwissenschaftlicher Studiengänge kaum regelmäßig umzusetzen sind.
Ziele und besondere Leistung des Seminars für politikwissenschaftliche Lehre
Das Seminar war insbesondere innovativ durch die engmaschige Verzahnung von drei verschiedenen Lehrformaten und didaktischer Methoden. Im Fokus der Wissensvermittlung standen dabei nicht nur politikwissenschaftliche Ansätze im Bereich transitional justice und Konfliktbearbeitung, sondern ebenfalls interdisziplinäre Konzepte aus den Kunstwissenschaften und der Pädagogik sowie qualitative Forschungsmethodiken. Komplementär dazu wurde dieses Wissen im Rahmen von zwei Exkursionen in der Praxis angewendet und verglichen, zum KZ Buchenwald anlässlich der 80jährigen Feier der Befreiung sowie nach Srebrenica (Bosnien und Herzegowina) im Zuge des 30jährigen Gedenkens des Genozids. Dies ermöglichte ein Lernen, welches allein auf Basis von Seminarlektüre so nicht denkbar gewesen wäre. So war etwa der Vergleich zwischen den unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Buchenwald und Srebrenica im Hinblick auf die explizite Darstellung von Gewalt und Täterschaft sehr eindrücklich. Den dritten Pfeiler bildete ein dokumentarischer Filmworkshop in Bosnien und Herzegowina, der unter Anleitung von Filmmacher Ado Hasanovic stattfand. Studierende sprachen dafür eigenständig mit Überlebenden des Genozids im Rahmen von narrativen Interviews und dokumentierten so deren Resilienzstrategien im Umgang mit Trauma und Gewalterfahrung.
Ein Schlüsselinstrument, um die Internationalisierung politikwissenschaftlicher Lehre zu stärken, bildete die Pluralität der Erfahrungs-, Lehr- und Lernräume des Seminars. Es kamen nicht nur deutsche und internationale Studierende zusammen, deren direkter Austausch bereits einen hochgradig diversen und globalen Lernraum etablierte. Dank der Lehrkooperation mit der Universität Erfurt sowie der Erasmus-Plus-Kooperation mit der Universität Sarajevo und Studienreisen wurde ebenfalls ein internationaler, teils auch extra-universitärer Lernraum für die Studierenden geschaffen.
Erfolge und Ergebnisse
Critical Encounters – Begegnung und Dialog: Viele Studierende hatten zunächst sehr große Vorbehalte und Ängste, entweder über eigene Konflikterfahrung zu berichten oder auch vor Ort mit Überlebenden des Genozids von Srebrenica zu sprechen. Dank der drei oben genannten zentralen Pfeiler konnten diese Ängste Schritt für Schritt abgebaut werden, gerade über künstlerische Formate. Insbesondere die einfühlsame, gleichwohl persönlich respektvolle und zugewandte Leitung der dokumentarischen Aufnahmen durch Filmmacher Ado Hasanovic, selber als Kind aus Srebrenica geflüchtet, baute viele Vorbehalte ab und etablierte zwischen Opfern und Studierenden eine vertrauensvolle und sehr berührende Atmosphäre. Die positive Rückmeldung und Dankbarkeit durch diese Überlebenden für die Aufmerksamkeit, für Nicht-Vergessen und Zuhören, ermöglichte Studierenden eine völlig andere Perspektive auf die eigene Verantwortung im Umgang mit Vergangenheitsbewältigung: Nicht Distanz und Zurückhaltung, sondern (durchaus auch naive) Wissbegierde und Visibilisierung sind ein Schlüssel im Umgang mit vergangenem Unrecht.
Verantwortungsbewusste „Feldforschung“: Teil der Ausbildung im Seminar sowie in den Masterstudiengängen sind auch ethische Standards für qualitative Feldforschung, die im Rahmen von Literatur aber auch in der konkreten Anwendung geübt wurden, etwa zur Vorbereitung der Interviews. Gleichzeitig erlebten aber auch die Studierenden die entstehenden Dilemmas zwischen ethischen Anforderungen, eigenen Kapazitäten und Praktikabilität. So mussten viele Gespräche spontan umgeplant werden, fanden teils erst spät am Abend statt oder in veränderter Konstellation.
Selbstwirksamkeit durch eigenständige Kunstprojekte: Das Seminar sah für die Studierenden sehr unterschiedliche Mitwirkungs- und Gestaltungsformate vor, die durchweg positiv aufgefasst wurden und dem Thema „Kunst und Versöhnung“ sehr viele Facetten gab (z.B. durch eigene Musik), ohne dabei auch die (für die Politikwissenschaft) durchaus kritischen Dynamiken wie Instrumentalisierung, Polarisierung oder Simplifizierung gesellschaftlicher Debatten aus dem Blick zu verlieren. Gerade die Podcasts zu Kunstprojekten stellten für Studierende einen Experimentierraum für alternative Prüfungsleistungen dar. Die Mitwirkung an einem Dokumentarfilmprojekt stärkte ebenfalls die Selbstwirksamkeit. Leider konnte der Film aufgrund finanzieller Restriktionen noch nicht fertig editiert werden.
Vermittlung von Lehrkompetenzen: Ein positives Ergebnis des Lehrprojektes war zudem, dass durch die zu 100% gemeinsame Lehre Schlüsselkompetenzen vermittelt werden konnten und somit auch gezielt eine Q-Wissenschaftlerin gestärkt wurde. Solveig Richter konnte umfassende Erfahrungen in Studienreisen und projektbezogenen Seminaren in regelmäßigen Supervisions- und Mentorgesprächen an Malin Nissen weiterreichen.
Herausforderungen und besonderes Engagement der Lehrenden
Heterogenität und Diversität der Studierenden Das Seminar brachte eine große Vielfalt an Studierenden mit unterschiedlichen Vorkenntnissen, biografischen Erfahrungen und Erwartungen zusammen. Dies erforderte eine intensive Vor- und Nachbereitung der Studienreisen, um Vertrauensverhältnisse untereinander zu etablieren, sichere Räume für vulnerable Studierende (z.B. mit Konflikterfahrung) und niedrigschwellige Gesprächsangebote während der Reisen zu etablieren, um die direkte Erfahrung von Krieg und Gewalt aufzufangen, ohne diese zu relativieren.
Professionelle Rolle und persönliche Nähe Als Dozentinnen standen für uns professionelles Verhalten, didaktischer Anspruch und Supervision als Ziele im Vordergrund. Gleichzeitig waren die Besuche der unterschiedlichen Gedenkstätten und Museen sowie Gespräche auch für uns eine emotionale Erfahrung, die es mit sich brachte, eigene Verletzlichkeiten gegenüber Studierenden zu offenbaren. Professionelle Verantwortung und persönliches Erleben in Einklang zu bringen und als Teil von reflexiver „Feldforschung“ somit an Studierende weiterzugeben, konnte gleichwohl nur dank umfassender Vorbereitung und einer hohen Vertrauensbasis zwischen allen Beteiligten gelingen.
Zeitlich-organisatorische Intensität Die Durchführung ging für alle Beteiligten weit über den üblichen zeitlichen Umfang eines Seminars hinaus, beinhaltete etwa zeitlich, organisatorisch und emotional intensive Studienreisen, galt es doch gerade, die Interessen der Studierenden 24/7 (z.B. adäquate Pausen) mit den Bedürfnissen der lokalen Gesprächspartner und logistischen Hürden zu vereinbaren. Die finanzielle Durchführung des Projektes konnte nur dank Unterstützung durch die Willy Brandt School of Public Policy, Berufungsmittel von Prof. Dr. Solveig Richter sowie Institutsmittel des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Leipzig durchgeführt werden und ist auch aufgrund dessen kaum nochmalig durchzuführen.
Anhänge / Material
Statt Syllabus etc. würden wir gern zwei Blog-Beiträge verlinken sowie unseren Praxispartner Cortivisioni mit Regisseur Ado Hasanovic:
Blog-Beitrag Tamim Karadamur, Universität Leipzig:
Blog-Beitrag Nour Alwan, Willy Brandt School of Public Policy, Universität Erfurt:
Cortivisioni, Film-Workshop von Regisseur Ado Hasanovic:
Über die Autorinnen:
Solveig Richter ist Professorin für Internationale Beziehungen und transnationale Politik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig. In Forschung und Lehre befasst sie sich schwerpunktmäßig mit Friedens- und Konfliktforschung, insbesondere mit Nachkriegsgesellschaften und Perspektiven aus dem Globalen Süden.
Malin Nissen ist seit 2024 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig. In ihrer Dissertation befasst sie sich mit transnationalen zivilgesellschaftlichen Beziehungen im „post-Sowjetischen“ Raum vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen zwischen der EU und Russland.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2026 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Julian Eckl für sein Lehrprojekt „Spiele und Weltpolitik“ im Wintersemester 2025/26 an der Universität St. Gallen verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: