Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Digital Technologies in Global Security: Doing Critical Security Studies with (and against) AI

Autor: Delf Rothe

 

 

Idee und Ziele 

Das Projektseminar “Digital Technologies in Global Security: Doing Critical Security Studies with (and against) AI” verknüpfte die politikwissenschaftliche Analyse digitaler Sicherheitstechnologien mit deren praktischer, reflexiver Erprobung. Die leitende Annahme dabei war, dass eine fundierte Kritik von KI-Systemen, Überwachungsinfrastrukturen und algorithmischer Steuerung voraussetzt, die zugrundeliegenden Technologien nicht nur theoretisch zu durchdringen, sondern auch praktisch zu kennen. 

Das Seminar verfolgte zwei eng verknüpfte Ziele: Erstens sollten die 16 Masterstudierenden ein analytisch belastbares Verständnis der politischen Dimensionen digitaler Sicherheit entwickeln – von algorithmischer Kriegsführung und KI-gestützter Überwachung bis zu digitalen Grenzregimen und der Machtwirkung großer Sprachmodelle. Zweitens sollten sie KI-Werkzeuge nicht nur als Untersuchungsgegenstand, sondern auch als Forschungsinstrument einsetzen und dabei gleichzeitig ihre Grenzen kritisch reflektieren lernen. Im Sinne eines forschenden Lernens waren die Studierenden mithin nicht lediglich Rezipient*innen, sondern aktive Ko-Produzent*innen kritischer Erkenntnis. 

Ansatz 

Das Seminar gliederte sich in drei Teile: einen theoretisch-konzeptionellen Block zu Grundlagen der Erforschung von Technologien in den Internationalen Beziehungen und kritischen Sicherheitsstudien, einen empirisch-analytischen Teil zu konkreten Feldern digitaler Sicherheitspolitik und schließlich eine eigenständige Projektphase. Was das Seminar von anderen unterschied, war die didaktische Verschränkung dieser drei Teile: Theorie, Empirie und forschendes Experimentieren mit Technologie wurden nicht nacheinander abgearbeitet, sondern miteinander verwoben und aufeinander bezogen. 

In mehreren Sitzungen erprobten die Studierenden digitale Werkzeuge praktisch und reflexiv: Sie fertigten material-ästhetische Artefakte an, um Sicherheit als verkörperte Alltagspraxis zu begreifen, analysierten maschinelle Lernmodelle, um KI-gestützte Bildannotation und ihre sicherheitspolitischen Implikationen zu verstehen, und setzten generative KI-Systeme als Sparringspartner für ihre eigene Forschung ein. 

Hochschuldidaktischer Beitrag 

Generative KI wird – zu Recht – als große Herausforderung für Wissenschaft und Lehre diskutiert. Das Projektseminar ist das Ergebnis einer längeren persönlichen Auseinandersetzung mit der Frage, wie politikwissenschaftliche Lehre diese disruptiven Technologien konstruktiv einbinden kann, ohne dabei deren Risiken und Herausforderungen aus dem Blick zu verlieren. Übungen wie das Experimentieren mit „machine-vision“-Modellen oder die praktische Erprobung von Big-Data-Analysen im Sicherheitsfeld wären ohne generative KI als didaktisches Werkzeug für mich schlicht nicht umsetzbar gewesen – weder in der Vorbereitung noch in der Durchführung. Das hat das forschende Lernen im Seminar auf ein Niveau gehoben, das meine eigenen fachlichen Grenzen überschritt. Gleichzeitig wurden durchgehend – in allen Übungen, Präsentationen und Texten – die negativen politischen, sozialen, epistemologischen und ökologischen Folgen dieser Technologie thematisiert. Die innovative Prüfungsform – ein Lernportfolio – verpflichtete die Studierenden zur kontinuierlichen Reflexion ihres Forschungsprozesses und ihres KI-Einsatzes. Forschendes Lernen, eigenverantwortliche Projektarbeit und eine reflexive Prüfungsform bildeten so eine didaktisch kohärente Einheit. Das didaktische Konzept wurde von den Studierenden in der Evaluation positiv honoriert. 

Ergebnisse und Wirkung 

Im Zentrum des Seminars standen fünf eigenständige Forschungsprojekte, in denen die Studierenden selbstständig Themen wie KI-gestützte Videoüberwachung im öffentlichen Raum in Hamburg, digitale Grenzkontrollen an der europäischen Außengrenze, die ökologischen Kosten von KI-Systemen und ökonomische Machtstrukturen digitaler Infrastruktur untersuchten. Die Ergebnisse wurden in unterschiedlichen Formaten aufbereitet – darunter interaktive Karten, qualitative Interviews mit KI-Chatbots und Podcasts – und am 24. Februar 2026 in einer hybriden Postersession präsentiert. Alle fünf Projekte sind öffentlich zugänglich auf der Seminarwebsite (digital-security-studies.de). 

Darüber hinaus entstanden weitere Lernressourcen, die über das Seminar hinaus wirken. Erstens ein kuratiertes Fachglossar mit 75 verifizierten Einträgen: Ich habe KI gezielt genutzt, um zugängliche Erklärungen zentraler Fachbegriffe zu erstellen – mit verifizierten Quellen und redaktioneller Kontrolle –, um Studierenden die Lektüre schwerer und theoretisch komplexer Grundlagentexte zu erleichtern und ihnen eine verlässliche Lernressource zu bieten. Das Glossar steht auf OpenOlat allen Lehrenden der Universität Hamburg zur freien Nachnutzung zur Verfügung. Hinzu kommt ein semesterbegleitender Research Feed auf OLAT mit 41 kuratierten Einträgen zu aktuellen Publikationen, Nachrichtenbeiträgen und Lernressourcen – ein Instrument, das OpenOlat über einen Semesterapparat hinaus zu einem lebendigen Lernraum machte. 

Weitere Materialien:

Seminarplan: Digital Technologies in Global Security: Doing Critical Securuty Studies with (and against) AI

Über den Auor:

Delf Rothe ist Senior Researcher am IFSH und Forschungsgruppenleiter im Exzellenscluster CLICCS II – Klima, Klimawandel und Gesellschaft. Als Co-Chair de Teilprojekts „Extreme Adaption to Climate Change“ untersucht er, wie Gemeinschaften und Staaten mit den gefährlichen Folgen des Klimawandels umgehen. 

 

 

Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“ 

Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2026 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Julian Eckl für sein Lehrprojekt „Spiele und Weltpolitik“ im Wintersemester 2025/26 an der Universität St. Gallen verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.

Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: