Das Seminar „Marburger Frauen im Nationalsozialismus“ verfolgte das Ziel, universitäres Lernen, eigenständige Forschung und gesellschaftliche Wissensvermittlung eng miteinander zu verbinden. Ausgangspunkt des Lehrkonzepts war die Beobachtung, dass Studierende im Rahmen von Seminaren regelmäßig eigenständig Wissen erarbeiten, dieses jedoch nach der Benotung meist unsichtbar bleibt. Mein Ansatz setzt hier an, indem er studentische Forschung sichtbar, wirksam und öffentlich zugänglich macht. Das Seminar fand im Sommersemester 2024 im Rahmen eines Lehrauftrags am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung mit 30 Studierenden statt und mündete in eine Ausstellung, die 2025 unter Beteiligung der Studierenden gezeigt wurde und fortlaufend gezeigt wird. Damit sind die geforderten projektartigen Leistungen im Juli 2025 mit Ende des ersten Ausstellungszeitraums, an dem die Studis beteiligt waren, abgeschlossen.
Ziel des Projekts war es, Studierenden frühzeitig forschungspraktische Kompetenzen zu vermitteln und ihnen zu ermöglichen, wissenschaftliche Arbeit nicht nur als Prüfungsleistung, sondern als gesellschaftlich relevante Tätigkeit zu begreifen. Forschung wird dabei als Prozess verstanden, der sowohl dem eigenen Lernen dient als auch einen Beitrag zur demokratischen Öffentlichkeit leisten kann. Entsprechend ist das Seminar darauf ausgerichtet, Ergebnisse zu generieren, die über den universitären Kontext hinaus Bedeutung entfalten. Inhaltlich erarbeiteten sich die Studierenden in vierstündigen, zweiwöchentlichen Sitzungen die Grundlagen zu Geschlechterverhältnissen im Nationalsozialismus. Im Fokus standen dabei sowohl ideologische Aspekte – etwa das nationalsozialistische Frauenbild sowie Antisemitismus und Antiziganismus in ihren geschlechtsspezifischen Dimensionen – als auch konkrete Verfolgungsgeschichten unterschiedlicher Frauengruppen, darunter Jüdinnen, Sintizze und Romnja, als „asozial“ Verfolgte, lesbische Frauen und politisch Verfolgte. Ebenso wurden Handlungsspielräume und Beteiligungsformen von Frauen im Nationalsozialismus kritisch analysiert, etwa in ihrer Rolle als Lehrerinnen, Fürsorgerinnen, Ärztinnen oder KZ-Aufseherinnen. Ein zentrales Element des Seminars bildete die eigenständige Forschungsarbeit der Studierenden. Zu Beginn des Semesters erhielt jede*r Teilnehmende die Biografie einer Frau aus Marburg oder dem Umland im Nationalsozialismus. Diese Auswahl basierte auf umfangreichen Vorrecherchen, die sicherstellten, dass ausreichend archivalisches Material für eigenständige Forschung verfügbar war. Die Studierenden rekonstruierten im Verlauf des Semesters eigenständig Verfolgungs- oder Täterinnengeschichten und wurden dabei systematisch unterstützt.
Die didaktische Umsetzung kombinierte strukturierte Anleitung mit eigenverantwortlicher Forschung. Neben einer detaillierten Einführung in Archivrecherche und wissenschaftliches Arbeiten erhielten die Studierenden konkrete Hinweise zu Quellen und Archivstandorten. Eine verpflichtende Exkursion ins Hessische Staatsarchiv Marburg sowie eine thematische Stadtführung ergänzten die methodische Ausbildung. Wöchentliche Sprechstunden boten individuelle Betreuung, während im Seminar selbst etwa die Hälfte der Zeit dem Austausch über den Stand der Recherchen diente. Dadurch entstand ein kollaborativer Lernraum, in dem Erfahrungen, Methoden und Herausforderungen kontinuierlich reflektiert und geteilt wurden. Die Forschungsergebnisse mündeten in wissenschaftliche Hausarbeiten, deren Veröffentlichung freiwillig autorisiert werden konnte. Auf dieser Grundlage entstand eine Wanderausstellung, die Mai – August 2025 in der Universitätsbibliothek und Mai – Juli 2026 im Staatsarchiv Marburg gezeigt wurde. Sie präsentiert die von den Studierenden erarbeiteten Biografien und macht sowohl Verfolgungsgeschichten als auch Formen weiblicher Beteiligung am Nationalsozialismus einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Die Ausstellung kann ab dem Schuljahr 2026/2027 bei dem Medienzentrum Marburg ausgeliehen werden und steht damit Schulen der Region dauerhaft zur Verfügung. Im November 2025 konnte zudem ein digitaler und gedruckter Ausstellungskatalog realisiert werden. Das Projekt zeigt bereits konkrete Erfolge: Erste studentische Arbeiten wurden in Sammelbänden veröffentlicht, Studierende konnten sich mit meiner Hilfe auch international vernetzen und an wissenschaftlichen Arbeitsgruppen beteiligen.
Die besondere Leistung des Projekts liegt in der konsequenten Verbindung von Forschung, Lehre und Transfer. Studierende werden nicht nur als Lernende, sondern als aktiv Forschende ernst genommen und in die Lage versetzt, eigenständig neues Wissen zu generieren. Gleichzeitig wird dieses Wissen systematisch in gesellschaftliche Kontexte eingebracht. Dadurch entsteht ein mehrdimensionaler Lernprozess: Studierende erwerben fachliche, methodische und organisatorische Kompetenzen, reflektieren die gesellschaftliche Relevanz ihrer Arbeit und sammeln erste Erfahrungen in wissenschaftlicher Publikation und öffentlicher Vermittlung. Darüber hinaus entfaltet das Projekt Wirkung über die Universität hinaus. Die Ausstellung ermöglicht politische Bildung für unterschiedliche Zielgruppen, von interessierten Bürgerinnen bis hin zu Schülerinnen. Rückmeldungen aus früheren Projekten zeigen zudem, dass die Forschungsergebnisse auch für Angehörige der behandelten Personen von großer Bedeutung sein können, da sie neue Zugänge zur eigenen Familiengeschichte eröffnen. Das Projekt ist im deutschsprachigen Raum besonders, weil es Forschung, lokale Geschichte, Genderperspektiven und Wissenstransfer systematisch verbindet. Politikwissenschaftlich trägt es zur Analyse von Herrschaft, Verantwortung und Widerstand im Nationalsozialismus bei, macht marginalisierte Perspektiven sichtbar und stärkt die demokratische Urteilsfähigkeit. Zugleich erweitert es durch die Geschlechterperspektive etablierte Narrative.
Weitere Materialien:
Ausstellungskatalog Marburger Frauen im NS
Flyer Ausstellung Staatsarchiv
Über die Autorin:
Randi Becker ist Soziologin und Politikwissenschaftlerin. Sie promoviert an der Universität Tübingen zu Antisemitismus in postkolonialen Theorien am Beispiel von Aimé Césaire und seiner Rezeption. Als Lehrbeauftragte führte sie diverse Lehrforschungsprojekte mit Studierenden zur Erforschung der lokalen NS-Frauengeschichte durch, die in zwei Ausstellungen und diverse Publikationen sowie einen Audiowalk mündeten.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2026 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Julian Eckl für sein Lehrprojekt „Spiele und Weltpolitik“ im Wintersemester 2025/26 an der Universität St. Gallen verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
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