1. Inhalt, Ablauf und Materialien der Lehrveranstaltung
Global steigen antidemokratische, autoritäre Tendenzen und national wie international häufen sich Krisendiagnosen, die Phänomene wie Polarisierung, Populismus, den Anstieg rechtsextremistischer Tendenzen, aber auch die Bedrohung von Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und anderen, substanziellen Bestandteilen der Demokratie in den Blick nehmen.
Bereits im 19. Jahrhundert hat sich Alexis de Tocqueville im Rahmen seiner umfassenden Demokratiestudie „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840) mit den internen und externen Bedrohungen der liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie, aber auch möglichen Stabilisierungsfaktoren auseinandergesetzt und vor einem potenziellen Zukunftsszenario der Demokratie gewarnt: Je nachdem, wie aktiv partizipierend, kritisch denkend und gut informiert die demokratische Bürgerschaft ist, wird sich entweder eine Demokratie im liberalen, rechtsstaatlichen Sinne etablieren oder die Demokratie schafft sich aus sich selbst heraus ab und mündet in einen Zustand, den Tocqueville als „sanften Despotismus“ beschrieben hat: Gemeint sind antidemokratische Tendenzen, die wesentliche Bestandteile der Demokratie, wie Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Minderheitenrechte, etc. unterminieren und die durch demokratische Wahlen, mitten in der Demokratie, entstanden sind. Ein Zustand also, der u.a. durch die MAGA-Bewegung in den USA oder die wachsende Beliebtheit der AfD heute aktueller scheint, denn je.
Ein Ziel des englischsprachigen Hauptseminars „Tocqueville and the Future of Democracy“, das ich im Sommersemester 2025 für fortgeschrittene Bachelorstudierende der Politikwissenschaft und Masterstudierende des Studiengangs „Demokratiewissenschaft“ an der Universität Regensburg angeboten habe und das mit der Konferenz „Democracy in Crisis: Tocqueville’s Theory of Democracy and its Relevance in the Age of (Global) De-Democratization“ verknüpft war, war somit, den Studierenden ein umfassendes Verständnis von Tocquevilles Demokratietheorie zu vermitteln und das Potential von Tocquevilles Demokratietheorie zur Erklärung und Lösung heutiger demokratieimmanenter (Struktur-)schwächen kritisch zu reflektieren.
Um dieses und andere Teilziele zu erreichen, haben wir erstens ein intensives Textstudium der Primärtexte von Tocqueville vorgenommen. Zweitens haben wir auch Sekundärliteratur zu Tocqueville gelesen, und zwar vor allem in Form von Konferenzpapieren, die auf der bereits angesprochenen, internationalen und interdisziplinären Tagung vorgestellt wurden, die im Sommersemester 2025 stattfand. Die Studierenden haben sich hierbei jeweils ein Konferenzpapier ausgesucht, das sie zusammenfassen und kritisch kommentieren sollten – ganz im Sinne der Rolle eines commentators zu einem paper, wie man es aus dem internationalen, insbesondere angloamerikanischen Konferenzkontext kennt. Die Kommentare zu den Papieren wurden im Seminar präsentiert und diskutiert und über die Lernplattform GRIPS allen Seminarteilnehmer*innen zur Verfügung gestellt, was eine sehr intensive Vorbereitung auf die Konferenz war und somit eine aktive, niedrigschwellige Teilnahme ermöglicht hat.
Zu den Kursmaterialien zählten drittens auch aktuelle Analysen, Umfragewerte, Podcastbeiträge, (populär-)wissenschaftliche Artikel und Blogposts oder Posts auf Social Media, die teilweise von mir als Kursleitung zur Verfügung gestellt wurden und teilweise von den Studierenden recherchiert worden sind, um so nicht nur die inhaltliche Verknüpfung zur Aktualität, sondern methodisch auch Interaktivität und eine gemeinsame Kursgestaltung auf Augenhöhe zu gewährleisten. Den Studierenden sollte so ermöglicht werden, eigene Schwerpunkte zu setzen und eigene Interessen in Bezug auf Demokratietheorie und Demokratiegefährdung einbringen zu können, wie ich unter drittens (didaktische Methoden der Lehrveranstaltung) noch näher erläutern werde.
Neben der Übernahme eines ca. zwei bis dreiseitigen, englisch- oder deutschsprachigen Kommentars zu einem der Konferenzpapiere, sollten die Studierenden ein englischsprachiges Kurzreferat übernehmen und – je nach Verbuchung in FlexNow – nach Ende des Semesters ein wissenschaftliches Essay oder eine Hausarbeit schreiben, um die Studien- und Prüfungsleistung zu erfüllen.
2. Inhaltliche Innovationen im Rahmen der Lehrveranstaltung
Das Seminar „Tocqueville and the Future of Democracy“ ist die erste Lehrveranstaltung am Institut für Politikwissenschaft, die aktiv mit einer Konferenz verknüpft war und dementsprechend von Anfang an als Tandemveranstaltung zur Konferenz konzipiert wurde. Seit einigen Semestern spiegeln die Evaluationsergebnisse in den Kursen der Politischen Philosophie, Theorie und Ideengeschichte wider, dass den Studierenden der Zusammenhang von Forschung und Lehre, Theorie und Praxis sowie die zeitgenössische Relevanz von ideengeschichtlichen Texten nicht ganz klar wurde.
Das Seminar diente schon durch die Thematik – Demokratietheorie, Demokratiekritik, Gefahren der Demokratie und potenzielle Lösungsstrategien – und der dreiteiligen Auswahl von Materialien (siehe oben) dazu, zu zeigen, dass Politische Theorie anwendungsbezogen und eng mit Fragen der politischen Praxis verzahnt sein kann und dass auch ideengeschichtliche Texte hilfreiche Werkezeuge für aktuelle politikwissenschaftliche Probleme sein können.
Darüber hinaus sollte die Verknüpfung mit der Tagung dem Wunsch der Studierenden nachkommen, Forschung und Lehre stärker miteinander zu verbinden. Indem die Studierenden in die Rolle eines commentators zu einem paper geschlüpft sind, haben sie sich nicht nur vorab intensiv mit den Konferenzpapieren befasst und hatten damit Gelegenheit, sich inhaltlich über die Lektüre von Tocqueville hinaus einzuarbeiten, sondern haben auch methodisch gelernt, wie man einen Kommentar zu einem paper verfasst. Dadurch, dass die Kommentare vor der Konferenz im Rahmen des Seminars vorgetragen und allen Teilnehmer*innen via GRIPS zur Verfügung gestellt wurden, konnten sich alle gut vorbereiten und hatten auf der Konferenz Gelegenheit, die Autor*innen der Forschungspapiere kennenzulernen und mit Fragen zu konfrontieren, die während des Seminars aufgekommen sind. Da die paper auch auf der Tagung von internationalen Politikwissenschaftler*innen kommentiert wurden, konnten die Studierenden ihre eigenen Kommentare mit denen auf der Tagung vergleichen und haben nicht nur methodisch weiter dazu gelernt. Sie erhielten darüber hinaus auch multiperspektivische Interpretationen und Analysen zu den Textauszügen von Tocqueville und bekamen durch die Verknüpfung mit der Tagung somit Perspektiven vermittelt, die über meine eigenen Ansätze als Seminarleiterin hinausgehen. Nach der Konferenz haben wir den Input und die Diskussionen auf der Konferenz im Rahmen des Seminars kritisch reflektiert und nachbearbeitet, sodass die Verknüpfung von Konferenz und Seminar mehrfach und wechselseitig inhaltlich fruchtbar gemacht wurde.
Ein weiterer Wunsch, der im Rahmen von vergangenen Evaluationsergebnissen kommuniziert wurde, ist ein größeres Angebot von englischsprachigen Lehrveranstaltungen. Im Teilbereich Politische Philosophie, Theorie und Ideengeschichte werden bisher keine englischsprachigen Lehrveranstaltungen angeboten und auch am Institut für Politikwissenschaft insgesamt gibt es nur vereinzelt englischsprachige Lehrveranstaltungen. Da englischsprachige Seminare nicht nur Studierende, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, besser integrieren, sondern auch den internationalen politikwissenschaftlichen Standards entsprechen, halte ich es für wichtig – in Ergänzung zu deutschsprachigen Lehrveranstaltungen – auch englischsprachige Seminare anzubieten, um den Studierenden eine qualitativ hochwertige politikwissenschaftliche Ausbildung zu ermöglichen.
3. Didaktische Methoden der Lehrveranstaltung mit einem besonderen Fokus auf ihren innovativen Charakter
Neben dem inhaltlich innovativen Charakter der Lehrveranstaltung und der Verknüpfung von Konferenz und Seminar als neuem Format, das ich zukünftig regelmäßig in mein Lehrrepertoire aufnehmen möchte, habe ich auch einige (innovative) didaktische Methoden angewandt.
Gute Hochschullehre und der Lernerfolg von Studierenden sind für mich grundsätzlich kein Zufallsprodukt oder eine Frage der reinen Begabung. Vielmehr bin ich überzeugt davon, dass Dozierende qualitativ hochwertige Lehre aktiv gestalten müssen und lernen können – etwa in Form von hochschuldidaktischen Weiterbildungsmaßnahmen, weshalb ich 2022 das Zertifikat Hochschullehre erworben habe. Seitdem integriere ich regelmäßig Methoden (etwa bestimmte Formen von Gruppen- und Partnerarbeiten oder Feedbackbögen für das Bewerten von Seminararbeiten) und Tools, die ich in diesem Zusammenhang kennengelernt habe (wie z.B. Mentimeter für Quizfragen und Umfragen oder miro für das Erstellen von mindmaps im Kursraum). Darüber hinaus entwickle ich auch selbst stetig neue Methoden, um eine abwechslungsreiche, zeitgemäße Lehre, die verschiedene Lerntypen anspricht, anbieten zu können und auf Verbesserungspotential zu reagieren, das in Evaluationsergebnissen geäußert wird. Hierzu führe ich zusätzlich zu den Evaluationen, die am Ende des Kurses stattfinden, auch regelmäßig zwischendurch, etwa nach der Hälfte des Kurses, anonyme Evaluationen durch, um flexibel auf das Kursklima und die Wahrnehmung der Studierenden im konkreten Kurs reagieren zu können und nicht nur für die Zukunft und andere Kurse dazu zu lernen.
So habe ich etwa im Rahmen des Seminars „Tocqueville and the Future of Democracy“ eine Methode entwickelt, um die Referatsgestaltung und das Referatsfeedback vorzustrukturieren und dadurch einen möglichst ertragreichen Lernerfolg für alle Studierenden zu gewährleisten. Neben den klassischen formalen Anforderungen an das Referat, wie der Anfertigung eines Handouts und einer PowerPoint-Präsentation, sollten die Studierenden auch in die Rolle der Moderierenden schlüpfen und sich pro Referat drei Diskussionsfragen an das Plenum überlegen. Auf das Referat folgte sodann ein mehrdimensionales Feedback: Vor jedem Referat erhielten vier Studierende jeweils eine Feedback-Kategorie (1. Struktur/Inhalt, 2. Rhetorik/Vortragsstil, 3. Gestaltung Handout und Präsentationsfolien, 4. Interaktivität/Moderation). Die Studierenden beobachteten gezielt, formulierten differenziertes Feedback und reflektierten zugleich selbst Qualitätskriterien gelungener Präsentationen. Die Vortragenden erhielten dadurch mehrperspektivisches Feedback durch Peers und Lehrperson im geschützten Rahmen nach der Veranstaltung, aber auch die Feedbackgebenden Personen lernen etwas dazu. Diese Methode stärkt sowohl die Qualität der Referate, indem die Anforderungen transparent kommuniziert sind, als auch Reflexions- und Kommunikationskompetenzen der Studierenden und fördert ein respektvolles, lernorientiertes Miteinander auf allen Seiten, weshalb ich sie auch in Zukunft weiterverfolgen möchte.
4. Abschließende Bemerkungen zum innovativen Charakter der Lehrveranstaltung
Insgesamt war das Seminar „Tocqueville and the Future of Democracy“ aus dem Sommersemester 2025 somit von Anfang an auf mehreren Ebenen als innovative Veranstaltung konzipiert und wurde auch während des Seminars mit innovativen Methoden angereichert. Sowohl bei der inhaltlichen Konzeption (Verzahnung von Konferenz und Seminar) und methodisch-didaktisch (z.B. Feedback-Methode), als auch in Bezug auf das Format der Lehrveranstaltung (englischsprachige Veranstaltung und dreiteilige Materialauswahl, die ideengeschichtliche Texte, Forschungspapiere und moderne Formate zu zeitgenössischen Herausforderungen der Demokratie verbindet) wurden Innovationen umgesetzt, die auf Evaluationsergebnisse früherer Lehrveranstaltungen und das Feedback von Studierenden reagieren, um so die Qualität der politikwissenschaftlichen Lehre an der Universität Regensburg zu verbessern.
Über die Autorin:
Sarah Rebecca Strömel ist akademische Rätin a.Z. an der Universität Regensburg und visiting scholar an der University of Oxford.
Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“
Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2026 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Julian Eckl für sein Lehrprojekt „Spiele und Weltpolitik“ im Wintersemester 2025/26 an der Universität St. Gallen verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.
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