Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

FachProfis

Autorin: Kerstin Pohl

 

 

Demokratie braucht politische Bildung und eine gute politische Bildung braucht gut ausgebildete Lehrkräfte für den Politikunterricht. Auch wenn die Rückmeldungen aus den rheinlandpfälzischen Studienseminaren zeigen, dass die Absolvent*innen unseres Instituts gut auf die Schulpraxis vorbereitet sind, äußern Lehramtsstudierende in Gesprächen, in Lehrveranstaltungsevaluationen oder im Rahmen von Akkreditierungen ihrer Studiengänge häufig den Wunsch, dass sich neben den politikdidaktischen auch die politikwissenschaftlichen Veranstaltungen stärker an ihrer späteren Berufspraxis orientieren. Sie möchten als Gruppe von Studierenden mit ihren spezifischen Bedürfnissen in den Lehrveranstaltungen stärker wahrgenommen werden. Die überwiegende Mehrheit der Studierenden teilt dabei trotzdem die Überzeugung der Lehrenden an unserem Institut: Eine gründliche politikwissenschaftliche Ausbildung ist auch für Lehramtsstudierende eine Notwendigkeit und die gemeinsamen Lehrveranstaltungen für alle Studierenden stellen dafür die beste Grundlage dar. 

Wie kann man dann aber dem Wunsch der angehenden Politiklehrerinnen und -lehrer nachkommen, neben den politikwissenschaftlichen Kompetenzen auch weitere Professionskompetenzen in den politikwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen zu fördern? Eine Antwort darauf bietet das von mir initiierte und geleitete Projekt „Professionskompetenzen im Blick: Berufspraktische Relevanz politikwissenschaftlicher Lehrveranstaltungen stärken“ – kurz „FachProfis“. Das Projekt wurde vom Gutenberg Lehrkolleg über drei Semester durch eine Deputatsreduktion für mich und Mittel für studentische Hilfskräfte sowie für eine Projektpräsentation auf einer Fachtagung gefördert. Im Projekt habe ich in enger Kooperation mit insgesamt 17 Kolleg*innen des Instituts und unseren Studierenden aus allen Studiengängen 35 berufsrelevante Bausteine für insgesamt 31 politikwissenschaftliche Lehrveranstaltungen entwickelt, umgesetzt und evaluiert. 

Was ist ein „Baustein“? Eine Gruppen von Studierenden übernimmt die Verantwortung für eine Sitzung oder eine Phase einer Sitzung. Die Studierenden setzen eine Methode um, durch die sie neben politikwissenschaftlichen auch didaktische, methodische, pädagogische, organisatorische und kommunikative Kompetenzen erwerben. Kompetenzen, die für die spätere Berufspraxis in der Schule, aber auch in fast allen anderen Arbeitsfeldern relevant sind.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

Seminar „Struktur und Wandel des deutschen Parteiensystems

Dr. Alexandru Filip  - Baustein Expertenbefragung

Thema der Seminarsitzung 10: Parteienwettbewerb und Koalitionen

Die Studierenden der zuständigen Arbeitsgruppe bereiten mit Unterstützung durch mich und 
Alexandru Filip die Sitzung vor, indem sie         
-einen Experten gewinnen (hier: Markus Kurth, MdB 2002-2025, B90/Die Grünen, zuletzt Mitglied im Haushaltsausschuss und an den Beratungen zum Schuldenpaket beteiligt),      
- die Seminargruppe auf die Befragung vorbereiten: auf Grundlage eines vorbereitenden wissenschaftlichen Textes formulieren ihre Kommiliton*innen Fragen, die dann geclustert werden, 

-eine Ergebnissicherung vorbereiten (hier: arbeitsteilig von der Gruppe zu erstellendes Protokoll in einem geteilten Online-Dokument).

Die Studierenden der zuständigen Arbeitsgruppe moderieren die Expertenbefragung. Im Anschluss leiten sie – mit Unterstützung durch mich und Alexandru Filip – die inhaltliche und methodische Auswertung der Befragung.

Alle Bausteine des Projekts wurden von mir und den entsprechenden Dozierenden der Lehrveranstaltung passgenau für jede Veranstaltung entwickelt:

Aus einer Vorschlagsliste, die ich mit Studierenden in der Pilotphase entwickelt habe und die projektbegleitend durch neue Vorschläge von Studierenden oder Kolleg*innen ergänzt wurde, haben die Dozierenden einen oder mehrere passende Baustein für ihre Lehrveranstaltung ausgewählt und mit mir zusammen auf die konkrete Veranstaltung zugeschnitten (siehe Anhang).

Ich habe – sofern terminlich möglich – in der jeweils ersten Sitzung das Projekt vorgestellt und dann die Studierenden bei der Vorbereitung des Bausteine gemeinsam mit oder ergänzend zu den jeweiligen Dozierenden beraten. Bei der Umsetzung des Bausteins habe ich wenn möglich an der Sitzung teilgenommen und mich an der inhaltlichen und methodischen Auswertung der Methode in Absprache der Kollegin/dem Kollegen und den verantwortlichen Studierenden beteiligt.

Nach dem Pilot-Baustein zur Entwicklung politischer Problemfragen vor Projektbeginn im SoSe 2024 wurden im WiSe 2024-2025 in sieben Lehrveranstaltungen die fünf Bausteine Problemfragen entwickeln, Einstiege planen und umsetzen, Lehrplaninhalte identifizieren, simulative Makromethoden umsetzen (Fishbowl und Pro-Contra-Debatte) und Concept Maps gestalten umgesetzt.

Im SoSe 2025 wurden in insgesamt zwölf Lehrveranstaltungen die fünf Bausteine aus dem WiSe 2024-2025 erneut umgesetzt, dazu kamen die Bausteine Expertenbefragungen durchführen, Exemplarität und Verallgemeinerungsmöglichkeiten herausarbeiten, Kontroversitätsanalysen durchführen, Arbeitsaufträge zur Analyse von Statistiken/Schaubildern formulieren.

Im WiSe 2025-2026 wurden in zwölf Lehrveranstaltungen insgesamt 15 Bausteine umgesetzt  – neben vielen zuvor erprobten Bausteinen kamen die neuen Bausteine Lehrervortrag planen und videografieren sowie Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Schule und Unterricht angesichts von Vertrauensverlusten in die Demokratie neu hinzu. Zudem wurde das Repertoire der handlungsorientierten Makromethoden um Talkshow und Deliberatives Forum erweitert. 

Ein Darstellung der Bausteine finden Sie im angehängten pdf-Dokument.

Das Projekt wurde vom Zentrum für Qualitätssicherung durch eine Eingangs- und Abschlussbefragung aller Lehramsstudierenden des Instituts sowie durch individuelle Evaluationen aller beteiligten Lehrveranstaltungen begleitet. Zudem habe ich alle beteiligten Kolleg*innen mit leitfadengestützten Interviews zu ihren Erfahrungen befragt und meine Mitarbeiterin Dr. May Jehle hat insgesamt acht Gruppeninterviews mit beteiligten Studierenden durchgeführt. Alle Interviews wurden aufgezeichnet und transkribiert und werden in den kommenden Monaten noch mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. 
 

Kommentrare zum Projekt finden sie auch auf dem angehängten Poster,  das ich im Juni 2025 auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung erfolgreich präsentiert habe (siehe Anhang).Der innovative Charakter des Projekts wurde durch die Rückmeldungen der Kolleg*innen aus der Politikdidaktik bestätigt. Hervorgehoben wurde insbesondere die Bereitschaft der vielen Kolleg*innen am Mainzer Institut für Politikwissenschaft zur Kooperation in der Lehre im Interesse der Lehramtsstudierenden. Dieses wurde als außergewöhnlich und sehr wünschenswert wahrgenommen.

Das Material zu den entwickelten Bausteinen steht allen interessierten Institutsmitgliedern über die Open Source Cloudspeicher Software Seafile auch langfristig zur Verfügung. Es enthält Hinweise für die Umsetzung der Bausteine und Begleitmaterial für die Studierenden. Die Bereitschaft der Kolleg*innen, die Bausteine auch in künftigen Lehrveranstaltungen eigenverantwortlich umzusetzen, ist angesichts der positiven Rückmeldungen der Studierenden groß.

Indem im Projekt „FachProfis“ leicht einsetzbare, flexibel handhabbare Bausteine zur Steigerung der berufspraktischen Relevanz fachwissenschaftlicher Lehrveranstaltungen entwickelt wurden, ist zugleich ein exemplarisches Modell zur Bewältigung einer grundlegenden Herausforderung aller Lehramtsstudiengänge entstanden, das auch über das Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg Universität hinaus anderen Instituten und Universitäten wertvolle Anregungen für die Lehrkräftebildung bieten kann. Informationen zu den Bausteinen stelle ich gerne allen Interessierten auf Nachfrage zur Verfügung!

 

Beteiligte Kolleg*innen FachProfis:

Dr. Theresa Bernemann arbeitete im Bereich Innenpolitik und politische Soziologie zu den Schwerpunkten Räumliche Disparitäten und rechtspopulistisches Wahlverhalten.

Dr. Maria Paola Feretti arbeitet im Bereich Politische Theorie und Public Policy zu den Schwerpunkten Analytische und normative Theorien, Demokratietheorien sowie Theorien der Verantwortung.

Dr. Alexandru Filip arbeitet im Bereich Innenpolitik und Politische Soziologie zu den Schwerpunkten Demokratieforschung, politische Institutionen und Euroskeptizismus.

Dr. Cornelia Frings arbeitet im Bereich Politische Theorie und Public Policy zu den Schwerpunkten Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimapolitik, Kooperationstheorie und Verteilungsgerechtigkeit.

Julian Frinken arbeitet im Bereich Politische Theorie und Public Policy zu den Schwerpunkten Deliberative Demokratietheorie, Demokratie-Innovationen und globale Klimapolitik.

Prof. Dr. Sascha Huber arbeitet im Bereich Empirische Politikforschung zu den Schwerpunkten politische Partizipation, Wahlverhalten und experimentelle Methoden.

Dr. Alexander Jedinger arbeitet am GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln zu den Schwerpunkten politische Einstellungen, Ideologien und Vorurteile.

Dorothea Klotter arbeitete im Bereich Politische Ökonomie zu den Schwerpunkten Sozialtheorien, Wirtschaftstheorien und Kapitalismuskritik.

Prof. Dr. Claudia Landwehr arbeitet im Bereich Politische Theorie und Public Policy zu den Schwerpunkten Demokratietheorie, Deliberation sowie Handlungs- und Entscheidungstheorie.

Dr. Johannes Muntschick arbeitet im Bereich Internationale Beziehungen zu den Schwerpunkten Internationale Institutionen und Organisationen, Theorien der Internationalen Beziehungen und Regionale Integration.

Dr. Friedrich Plank arbeitet im Bereich Internationale Beziehungen zu den Schwerpunkten Friedens- und Konfliktforschung sowie internationale Organisationen.

Dr. Holger Reinermann arbeitet im Bereich Empirische Politikforschung zu den Schwerpunkten Wahlforschung, politische Kommunikation, quantitative Methoden.

Prof. Dr. Armin Schäfer arbeitet im Bereich Vergleichende Politikwissenschaft zu den Schwerpunkten vergleichende politische Ökonomie und empirische Demokratieforschung.

Dr. Annette Schmitt arbeitet im Bereich "Politische Theorie und Public Policy" und forscht insbesondere zu liberaler politischen Philosophie.

Weitere Materialien:

FachProfis - Bausteine und Umsetzung in Seminaren

FachProfis_Poster_final

Über die Autorin:

Kerstin Pohl ist Professorin für die Didaktik der politischen Bildung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 

 

Über die Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“ 

Dieser Beitrag wurde für den Lehrpreis Politikwissenschaft 2026 eingereicht. Der gemeinsame Preis von DVPW und Schader-Stiftung wurde 2020 neu geschaffen, um die besondere Bedeutung der politikwissenschaftlichen Hochschullehre sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Der Lehrpreis Politikwissenschaft wurde in diesem Jahr an Dr. Julian Eckl für sein Lehrprojekt „Spiele und Weltpolitik“ im Wintersemester 2025/26 an der Universität St. Gallen verliehen. Die Jury möchte mit dieser Blog-Reihe die Vielzahl der Einreichungen innovativer und didaktisch anspruchsvoller Lehrprojekte würdigen.

Weitere Beiträge in der Reihe „Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft“: