Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Nachhaltige Karrierewege? Podiumsdiskussion zu nachhaltigen Karrierewegen in der Wissenschaft

Autor*innen: Friedrich Plank und Michael Giesen

Nachhaltige Karrierewege in der deutschen Wissenschaft stehen aktuell im Zentrum einer Debatte – so auch auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen der 2. Perspektivtagung der DVPW (25.-26. März 2021). Auf dem Podium diskutierten hierzu Dr. Amrei Bahr (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Prof. Dr. Uwe Cantner (Friedrich-Schiller-Universität Jena, Vizepräsident), Dr. Berenike Prem (Universität Bremen) und Prof. Dr. Jule Specht (Humboldt-Universität zu Berlin).

Die zentralen Probleme nachhaltiger Karrierewege

Gegenwärtig prägen vielfältige Probleme nachhaltige Karrierewege in der Wissenschaft. Dies ist eine zentrale Erkenntnis der Podiumsdiskussion, welche diese allgemeine Beobachtung in verschiedene Problembereiche und deren Folgen ausdifferenziert hat.

Das Podium argumentierte, ein zentraler Kritikpunkt sei, dass die Entscheidung für oder gegen den dauerhaften Verbleib im deutschen Wissenschaftssystem zu einem sehr späten Zeitpunkt getroffen wird. Ein Aspekt, den folgende Zahlen verdeutlichen: Berufungen erfolgen im Schnitt im Alter von 41 Jahren. Erst fünf bis zehn Jahre nach der Promotion erhalten Wissenschaftler*innen eine Dauerstelle im Mittelbau, wenn es diese überhaupt gibt. Diese lange Phase der Unsicherheit generiert etliche Folgeprobleme. Sie führt zu einer fehlenden langfristigen Planbarkeit für Early-Career-Forschende, welche lange Phasen der Abhängigkeit impliziert. Folgen sind unter anderem, dass sich insbesondere Frauen gegen eine wissenschaftliche Karriere entscheiden, viele Forschende die Wissenschaft verlassen (müssen) oder ins Ausland gehen und ein erheblicher Verlust von Expertise in Forschung und Lehre zu verzeichnen ist. Diese Verluste seien dabei durch das Problem des „Flaschenhalses“ systemisch verursacht. Zentral sei, so etwa Dr. Amrei Bahr, welche unter anderem die Initiative „95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz“ mit ins Leben gerufen hat, dass es zu wenige Dauerstellen für hervorragend qualifizierte Wissenschaftler*innen gäbe.

Weiterhin identifizierte das Podium prekäre Beschäftigungsverhältnisse als zentrales Problem, welches sich vor allem in kurzen Stellenlaufzeiten und Teilzeitbeschäftigung trotz voller Arbeitsauslastung zeigt. Dies führe dazu, dass der Universitäts-, Forschungs- und Lehrbetrieb auf Kosten der Beschäftigten am Laufen gehalten würde. Als zentrale Ursache sehen die Diskussionsteilnehmenden das Wissenschaftszeitvertragsgesetz – also die Befristung von Stellen und eine maximale Beschäftigungsmöglichkeit von 12 Jahren in befristeten Verträgen. Darüber hinaus würden langfristige Haushaltsmittel der Hochschulen, die für unbefristete Stellen genutzt werden könnten, meist nur für befristete Stellen eingesetzt. Promotion und Habilitation sind dabei von einer ständigen Suche nach notwendiger Anschlussförderung geprägt und eine lückenlose Finanzierung gestaltet sich oftmals schwierig. Häufig werden Promotionen zumindest teilweise in Erwerbslosigkeit geschrieben. Diese prekären Bedingungen behindern eine akademische Diversität, sowohl mit Bezug auf die Herkunft von Wissenschaftler*innen, als auch mit Blick auf die Innovationskraft und Kreativität von Forschung. Die Panelist*innen kamen zudem zu dem Schluss, dass die COVID-19-Pandemie als Brandbeschleuniger in vielen dieser Probleme fungiert.

Lösungsansätze – die top-down Perspektive

Neben der Identifikation und Diskussion von zentralen Problemen in Bezug auf nachhaltige Karrierewege in der Wissenschaft, widmete sich das Podium verschiedenen Lösungsansätzen. Die Diskutierenden formulierten als zentrales Ziel eine bessere Planbarkeit von wissenschaftlicher Karriere und Arbeit. Das Podium hat hier aus einer top-down Perspektive zunächst Lösungen auf struktureller und politischer Ebene eingeordnet.

Ein wichtiger Punkt war dabei die Forderung nach der Abschaffung oder kompletten Überarbeitung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Befristete Stellen sollten demnach nur während der Promotionsphase, und dabei lange genug für die komplette Absicherung der Promotion, bestehen und anschließend Dauerstellen geschaffen werden. Hier wurden auch individuelle Handlungsspielräume von Professor*innen und Hochschulen hervorgehoben. Darüber hinaus betonte Prof. Dr. Jule Specht, Berechnungen der Jungen Akademie hätten ergeben, dass die bisherige Finanzierung der Hochschulen ausreichen würde, um mit den gleichen Kosten Departmentstrukturen einzurichten, in denen unbefristete Stellen der Standard wären. Positive Begleiteffekte wären dabei der Abbau von Hierarchien und Abhängigkeiten, frühere Entscheidungen über den Verbleib in der Wissenschaft und damit eine bessere Planbarkeit und Sicherheit. Zudem würde die Diversität in der Wissenschaft steigen. Eine Entfristung und angemessene Bezahlung wären nicht nur für nicht-professoral Forschende ein großer Gewinn, sondern vor allem für das System, so die Panelist*innen.

Allerdings stellte Prof. Dr. Uwe Cantner bei diesem Punkt in Frage, inwieweit Departmentstrukturen beispielsweise die Flaschenhalsproblematik vollständig beseitigen würden. Vielmehr ist zusätzlich die Grundfinanzierung der Hochschulen essenziell, zusammen mit der Notwendigkeit einer intensiven Aufklärung über (attraktive) wissenschaftliche Karrieren außerhalb der Hochschulen.  

Lösungsansätze – die bottom-up Perspektive

Neben Lösungen auf einer strukturellen Ebene haben die Panelist*innen Lösungsansätze aus einer bottom-up Perspektive diskutiert. So hob Dr. Berenike Brem hervor, dass Departmentstrukturen auch durch individuelle Initiativen an Hochschulen angestoßen werden könnten. Weiterhin kam in der Diskussion zur Sprache, dass eine Vertretung und Teilhabe von Qualifikationsakademiker*innen in Gremien der akademischen Selbstverwaltung und Verbänden, z.B. in der DVPW, wichtig ist. Die Perspektivtagung wurde dabei als wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewertet. Verbunden hiermit wurde die Wichtigkeit von personeller Vernetzung und Austausch, sowohl inneruniversitär (z.B. Promovierendenvernetzung) als auch hochschulübergreifend, sowie ein gemeinsames Arbeiten für Veränderungen betont. Zugleich wurde diskutiert, dass persönliche Grenzziehungen, etwa hinsichtlich der eigenen Ausnutzung, sowie eine offene Kommunikation und Sichtbarmachung der skizzierten Probleme wichtig sind, um ein Bewusstsein zu schaffen und letztlich das System zu verändern.

Fazit

In der anschließenden Diskussion mit dem Plenum haben die Teilnehmenden angemahnt, dass eine wechselseitige Durchlässigkeit zwischen inner- und außeruniversitärer Beschäftigung nötig sei. Es bestünden momentan kaum Anreize für junge Forschende, in der Wissenschaft zu bleiben oder wieder zurückzukommen. Universitäten, so ein weiterer Punkt der Diskussion, müssten viel stärker einzelne Karriereplanungen unterstützen. Zuletzt wurde diskutiert, inwieweit die Habilitation Qualifikationshemmnis oder -voraussetzung für Karrierewege sei, da sie immer weniger mit internationalen Publikations- und Kooperationsformen kompatibel scheint. In diesem Zusammenhang stellte sich die Frage, inwieweit es als deutsches Spezifikum noch zeitgemäß sei.

Letztendlich war sich das Podium bei der Analyse der grundsätzlichen Probleme in der derzeitigen deutschen Wissenschaftslandschaft größtenteils einig, diskutierte allerdings aus verschiedenen Perspektiven unterschiedliche kurz- und mittelfristige Lösungswege. Klar ist, dass nötige und grundlegende Veränderungen nur gemeinsam unter allen Statusgruppen, Hochschulverantwortlichen und der Politik erreicht werden können.

 

Über die Autor*innen

Michael Giesen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen, Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Dr. Friedrich Plank ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bereich Internationale Beziehungen der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und zur Zeit Ko-Sprecher der Early Career Gruppe Internationale Beziehungen.

Über die Blogserie:

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Serie zur Perspektivtagung 2021 „Nachhaltige Karrierewege in der deutschen Politikwissenschaft: Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven“. Alle Beiträge berichten von den jeweiligen Online-Workshops am 25. und 26. März, die alle Autor*innen organisiert und durchgeführt haben. Wir danken allen Teilnehmer*innen, Moderator*innen der Workshops, Gästen sowie Zuschauenden der Podiumsdiskussion und dem Vorstand der DVPW für ihr großes Engagement, Interesse und Unterstützung der Tagung. Wir hoffen damit die Diskussion über nachhaltige Karrierewege und gute Arbeitsbedingungen unten den Wissenschaftler*innen, innerhalb der DVPW und des deutschen Wissenschaftssystems voranbringen zu können.

 

Weitere Beiträge der Blogserie:

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