Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Blockieren Wähler*innen die AfD mit der Erststimme? Strategisches Wählen bei der Bundestagswahl 2025

Autor*innen: Sven Hillen und Jessica Kuhlmann

 

 

Im deutschen personalisierten Verhältniswahlsystem entscheidet die Zweitstimme über die parteipolitische Zusammensetzung des Bundestags. Spätestens seit der jüngsten Wahlrechtsreform, nach der nicht mehr alle direkt gewählten Wahlkreiskandidat*innen automatisch ins Parlament einziehen, ist fraglich, welche Bedeutung die Erststimme für Wähler*innen noch hat. Durch den Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) gewinnt diese Frage an Relevanz. Bereits vor der Bundestagswahl 2021 riefen zivilgesellschaftliche Organisationen dazu auf, durch strategischen Einsatz der Erststimme die Wahl radikal rechter Kandidat*innen zu verhindern. Bei der Bundestagswahl 2025 hatten besonders viele Kandidat*innen der AfD gute Aussichten, ihre Wahlkreise zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund haben wir untersucht, ob Wähler*innen ihre Erststimme tatsächlich strategisch nutzen, um AfD-Direktmandate zu verhindern. Auf Basis von Wahlkreis- und Individualdaten finden wir Hinweise darauf, dass sich Wähler*innen in Wahlkreisen mit starken AfD-Kandidat*innen häufiger parteiübergreifend auf die jeweils aussichtsreichste Gegenkandidatur konzentrieren.

 

AfD Wahlerfolge und strategische Erststimmen als Abwehrreaktion

Um zu verstehen, wie die AfD den strategischen Einsatz der Erststimme begünstigen könnte, lohnt es sich kurz die Zusammenhänge zwischen Wahlsystem, Parteiensystem und individuellem Wahlverhalten zu betrachten. Das deutsche Wahlsystem kombiniert die Mehrheitswahl in Wahlkreisen mit der proportionalen Listenwahl. In der Vergangenheit folgte strategisches Wählen im Wahlkreis oft einer einfachen Koalitionslogik: Wer etwa einer kleinen linken Partei nahestand, konnte mit der Erststimme die SPD-Kandidatur unterstützten, um die Stimme nicht zu verschwenden. Mit der gestiegenen Fragmentierung des Parteiensystems und den Stimmenverlusten von SPD und CDU/CSU wurde die Situation jedoch unübersichtlicher, weil immer häufiger auch Kandidierende der (ehemals) kleinen Parteien um Direktmandate konkurrierten. In diesem Umfeld eröffneten sich Chancen für die AfD. Denn unter Mehrheitswahlbedingungen kann eine Partei ein Mandat gewinnen, selbst wenn eine Mehrheit der Wähler*innen sie eigentlich ablehnt – solange sich die Stimmen der anderen auf mehrere Alternativen verteilen.

Besonders relevant wird dies bei der AfD: Wenn ihre Kandidat*innen in einem Wahlkreis ernstzunehmende Siegchancen haben, kann dies die Wähler*innen anderer Parteien dazu veranlassen, ihre Erststimmen gezielt auf die aussichtsreichste Nicht-AfD-Kandidatur zu bündeln – unabhängig von parteipolitischen Präferenzen. Es geht dann weniger um die Unterstützung der bevorzugten Partei oder des „eigenen Lagers“, sondern vielmehr darum, einen als besonders problematisch wahrgenommenen Wahlausgang im heimischen Wahlkreis zu verhindern.

Das personalisierte Verhältniswahlrecht begünstigt dieses Stimmverhalten: Da die Zweitstimme maßgeblich für die parteipolitische Zusammensetzung des Bundestags ist, bedeutet eine strategisch abgegebene Erststimme keinen Nachteil für die nationale Repräsentation der bevorzugten Partei. Gleichzeitig ist vielen Wähler*innen der Wahlausgang in ihrem Wahlkreis wichtig, was der Erststimme trotz begrenzter parlamentarischer Konsequenzen Bedeutung verleiht. Insbesondere politisch interessierte Wähler*innen, die möglicherweise besser über den Wettbewerb im Wahlkreis und die Eigenheiten des Wahlsystems informiert sind, könnten häufiger ihre Erststimme strategisch abgeben, um einen AfD-Wahlkreissieg zu verhindern. 

 

Weniger Fragmentierung, mehr Bündelung: Hinweise aus den Wahlkreisergebnissen

In einer Auswertung der Wahlkreisergebnisse der Bundestagswahl 2025 haben wir Hinweise gefunden, dass Wähler*innen ihre Erststimmen strategisch gegen die AfD eingesetzt haben: Wir konnten zeigen, dass der Wettbewerb um das Direktmandat in Wahlkreisen, in denen AfD-Kandidat*innen besonders stark abgeschnitten haben, weniger fragmentiert war. Das ist bemerkenswert, weil sich ein vergleichbarer konzentrierender Effekt anderer Parteien nicht finden ließ. Das deutet auf eine strategische Erststimmenkoordination explizit gegen die AfD hin. Die Fragmentierung haben wir anhand der Anzahl der effektiven Wahlkreiskandidat*innen gemessen – ein gebräuchliches Maß, das nicht nur die Anzahl an Kandidat*innen , sondern auch ihre Stärke berücksichtigt. Wie die linke Grafik in Abbildung 1 zeigt, nimmt der negative Effekt des AfD-Erstimmenanteils auf die Anzahl der effektiven Wahlkreiskandidat*innen zu, je kleiner der Abstand zwischen der AfD und ihrer bzw. ihrem stärksten Widersacher*in ist.

Noch aussagekräftiger ist ein zweiter Befund: Die jeweils führende Nicht-AfD-Kandidatur erzielte in Wahlkreisen mit starker AfD-Kandidatur oft mehr Erststimmen, als die eigene Partei Zweitstimmen erhielt. Dieses „Überperformen“ deutet ebenfalls darauf hin, dass Wähler*innen ihre Erststimmen bewusst parteiübergreifend gebündelt haben. Wie die rechte Grafik in Abbildung 1 veranschaulicht, war auch dieser Effekt besonders ausgeprägt in knappen Rennen – also genau dort, wo die AfD dem Direktmandat am nächsten kam. In einigen Wahlkreisen, wie Kaiserslautern oder Duisburg II, könnte die strategische Bündelung sogar wahlentscheidend gewesen sein: Ohne die zusätzlichen Stimmen aus dem Lager anderer Parteien hätte die AfD dort das Direktmandat gewonnen.

 

 

Stimmen die Wähler*innen wirklich strategisch? Ein Blick auf Individualdaten

Aggregierte Wahlergebnisse können solche Muster sichtbar machen – sie beantworten aber letztlich nicht die Frage nach individuellem strategischen Wahlverhalten. Um diese Lücke zu schließen, haben wir die Wahlkreisergebnisse mit Individualdaten der German Longitudinal Election Study (GLES) verknüpft. Dadurch lässt sich analysieren, wie einzelne Wähler*innen ihre Erst- und Zweitstimme einsetzen – und wie dieses Verhalten vom lokalen Kontext abhängt.

Die Ergebnisse bestätigen das Bild aus den Wahlkreisdaten. In Wahlkreisen mit starken AfD-Kandidat*innen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Wähler*innen ihre Stimmen splitten, also mit Erst- und Zweitstimme zwei unterschiedliche Parteien wählen. Noch wichtiger: Sie sind auch eher bereit, ihre Erststimme gezielt der aussichtsreichsten Nicht-AfD-Kandidatur zu geben, selbst wenn diese nicht zur bevorzugten Partei gehört. Diese Form des strategischen Wählens ist kein Massenphänomen – aber sie ist systematisch. Besonders ausgeprägt zeigt sie sich, wenn die AfD sich Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren Konkurrent*innen liefert, und unter politisch interessierten Wähler*innen. Abbildung 2 veranschaulicht die Bedeutung des politischen Interesses: Unter uninteressierten Wähler*innen hat die Stärke der AfD-Kandidatur keinen signifikanten Einfluss auf die Wahl der stärksten Nicht-AfD-Kandidatur. Mit zunehmendem politischen Interesse wird der Effekt dagegen positiv und statistisch signifikant.

 

 

Fazit: Erkenntnisse zur strategischen Nutzung der Erststimme

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Wähler*innen keineswegs passiv auf den Aufstieg der AfD reagieren. Im Gegenteil: Ein Teil der Wählerschaft passt sein Verhalten aktiv an, um unerwünschte Wahlausgänge zu verhindern. Strategisches Kandidat*innenwählen fungiert dabei als eine Art informelle Korrektur eines Wahlsystems, das unter Mehrheitswahlbedingungen anfällig für verzerrte Ergebnisse ist.

Gleichzeitig sollten die Befunde nicht überinterpretiert werden. Die Effekte sind real, aber begrenzt, was daran liegen könnte, dass vielen Wähler*innen Informationen zur lokalen Wettbewerbssituation fehlen. Damit verweisen die Ergebnisse auf ein Spannungsfeld: Je fragmentierter das Parteiensystem, desto größer die Bedeutung von Information und Koordination im Wahlkreis. Wo diese fehlen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Mehrheitswahlregeln Ergebnisse produzieren, die von einer Mehrheit nicht gewollt sind.

Offen bleibt in unserer Studie, welche Rolle Parteien, Medien und zivilgesellschaftliche Akteure bei der Koordination spielen. Reagieren Wähler*innen vor allem auf eigene Einschätzungen lokaler Chancen – oder verstärken gezielte Kampagnen strategisches Verhalten? Klar ist jedoch: Spätestens bei der Bundestagswahl 2025 sind Direktmandate zu einem sichtbaren Schauplatz der politischen Auseinandersetzung mit der AfD geworden – und strategisches Wählen ist dabei ein Instrument der Wahl.

Über die Autor*innen:

Sven Hillen ist Postdoc und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 1472 „Transformationen des Populären“ an der Universität Siegen.

Jessica Kuhlmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Professur für das Politisches System der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Siegen.