Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Die populistische Verteidigung der Demokratie: Lehren aus der Protestwelle 2024. Ein Beitrag von Stefan Matern

Anfang 2024 folgte auf ein Treffen Rechtsextremer in Potsdam eine der größten Protestwellen der deutschen Geschichte. Was erklärt ihren außergewöhnlichen Mobilisierungserfolg? Unsere Analyse deutet darauf hin, dass offene Schlagworte in der Vorberichterstattung heterogene Gruppen vereinten und dass Linkspopulismus in diesem Fall eine systemstabilisierende Wirkung entfaltete.

Likes, Looks und Mandate: Warum sich Social Media Wahlkampf für gutaussehende Kandidierende besonders lohnt. Ein Beitrag von Roman Althans

Physische Attraktivität und Wahlkampf in den sozialen Medien hängen beide positiv mit Wahlerfolg zusammen. Doch können sich diese beiden Faktoren gegenseitig verstärken? Bei der Bundestagswahl 2021 hat eine Social-Media-Präsenz attraktiveren Kandidierenden mehr genutzt als weniger attraktiven. Meine Analyse deutet darauf hin, dass sich speziell die Nutzung von Facebook im Wahlkampf insbesondere für attraktivere Kandidierende in Form von Erststimmenanteilen ausgezahlt hat.

Blockieren Wähler*innen die AfD mit der Erststimme? Strategisches Wählen bei der Bundestagswahl 2025. Ein Beitrag von Sven Hillen und Jessica Kuhlmann

Die Bundestagswahl 2025 stellte viele Wähler*innen vor neue strategische Entscheidungen: Welche Rolle spielt die Erststimme im personalisierten Verhältniswahlsystem angesichts des Aufstiegs der AfD? Unsere Analysen zeigen, dass in Wahlkreisen mit knappen Rennen Wähler*innen ihre Erststimme teilweise gezielt auf die aussichtsreichste Nicht-AfD-Kandidatur bündelten. Individualdaten belegen, dass insbesondere politisch interessierte Wähler*innen bereit waren, ihre Präferenz zugunsten der stärksten Konkurrenz anzupassen. Strategisches Kandidat*innenwählen wirkt damit wie eine informelle Korrektur des Wahlsystems unter Mehrheitsbedingungen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Erststimme nicht nur symbolische Bedeutung hat, sondern aktiv genutzt wird, um lokale Wahlausgänge zu beeinflussen.

Demokratiekompetenz im Wandel: Was Schule leisten kann – und was nicht. Ein Beitrag von Christoph Jonas Kolb und Manuel Pietzonka

Demokratiebildung in der Schule soll junge Menschen befähigen, informiert, urteilsfähig und aktiv an einer pluralen Gesellschaft teilzunehmen. Der Beitrag erklärt Demokratiekompetenz als Ziel dieser Bildung – verstanden als Bündel aus Wissen, Haltung, Handeln, Urteil- bzw. Medienkompetenz sowie sozialen Fähigkeiten. Zugleich zeigt er Grenzen: Schulen arbeiten in klaren Hierarchien, Lehrkräfte sind oft überlastet, und digitale Desinformation (wie KI-Deepfakes) erhöhen den Druck. Wirksame Demokratiebildung braucht deshalb realistische Formate, gelebte Beteiligungskultur, klare Wertearbeit und Kooperation mit externen Partnern.

Alternative Open-Access-Modelle: Erfahrungen des Open Gender Journal. Ein Beitrag von Kathrin Ganz

Auch jenseits kommerzieller Verlagsmodelle lässt sich Open Access nachhaltig und qualitätsgesichert organisieren. Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Open Gender Journal. Der Beitrag führt durch die Praxis der Redaktionsarbeit, beleuchtet Potenziale des digitalen Publizierens und spricht über Ressourcenfragen und Zukunftsaussichten. Dabei wird deutlich: Diamond-Open-Access-Initiativen eröffnen nicht nur kostenfreie Publikationswege, sondern gestalten das Wissenschaftssystem aktiv mit.

Democratic Backsliding in Zeiten von Multi-Level Governance: Oppositions-kontrollierte subnationale Regierungen helfen bei der Verteidigung der nationalen Demokratie. Ein Beitrag von Julian Michel

Sind Oppositionsparteien eher in der Lage, democratic backsliding durch die nationale Exekutive zu verhindern, wenn die Opposition mehr subnationale Regierungen kontrolliert? Basierend auf einem neuen Datensatz zu subnationalen Wahlergebnissen in 84 Demokratien (1990-2021) zeigt die Studie, dass oppositions-kontrollierte subnationale Regierungen helfen, die Demokratie auf der nationalen Ebene zu festigen. Dies gilt selbst in unikameralen und unitarischen Demokratien. Oppositionelle Gouverneur*innen und Bürgermeister*innen intensivieren die Prinzipal-Agent-Probleme der nationalen Exekutive und befähigen die Opposition, elektoral kompetitiv zu bleiben. Effektiver Widerstand gegen democratic backsliding erfolgt somit auch in oppositions-kontrollierten Städten und Regionen.

Die Normalisierung der extremen Rechten und wie demokratische Parteien und Medien dazu beitragen. Ein Beitrag von Teresa Völker

Weltweit gewinnen rechtsradikale und rechtsextreme Parteien an Einfluss und gefährden liberale Demokratien durch ausgrenzende, nationalistische und autoritäre Politik. Meine Dissertation zeigt, dass öffentliche Debatten entscheidend zur Verankerung der äußersten Rechten beitragen, ihnen Legitimität verleihen und ihren politischen Einfluss stärken. In Deutschland hat der Einfluss rechtsextremer und rechtsradikaler Akteure und Ideen auf mediale Debatten und demokratische Parteien in den letzten 30 Jahren kontinuierlich zugenommen, insbesondere in Debatten über kulturelle Themen wie Migration und Islam. Rückenwind erhielten sie durch kritische Ereignisse wie Terroranschläge, die ihnen erhöhte Sichtbarkeit, Resonanz und Legitimität verschafften. Die umfangreichen Analysen meiner Dissertation verdeutlichen, wie sich die Grenzen des Sagbaren schrittweise verschoben haben und rechtsextremes Gedankengut salonfähig geworden ist.

Welches Wissen floss in die deutsche Afghanistanpolitik? Grenzen der Zirkulation zwischen Wissenschaft und Politik. Ein Beitrag von Amelie Harbisch, Sophia Hoffmann, Mia Geiger und Ben Jäger

Wie entsteht das Wissen über die Länder und Regionen, in die deutsche Außenpolitik interveniert? Wir stellen eine Studie über die Wissensproduktion in Deutschland zu Afghanistan vor. Eine Datenbank mit 133 Afghanistan-Expert*innen bildet die Grundlage. Wir stellen fest, dass das außenpolitische Wissen zu Afghanistan in Deutschland grundsätzlich zwischen Wissenschaft, Denkfabriken und Politik zirkulieren kann. Trotzdem bleibt der Austausch zwischen der Wissenschaft und dem Expertenwissen der Politik schwierig. Zudem schränkten Strukturen der Wissensproduktion die Qualität des Wissens und dessen Kommunikation ein.

Projektseminar: Fallstudien zur Digitalpolitik in Theorie und Praxis. Ein Lehrprojekt von Moritz Weiss

Das Projektseminar verbindet qualitative Forschungstechniken mit politischen Praxisproblemen und fördert die selbstständige, studentische Projektarbeit. Studierende erlernen, wie wissenschaftliche Methoden (z.B. bei der Fallauswahl oder durch Prozessanalysen) bei der Beantwortung von Forschungsfragen, aber auch bei der Formulierung von politischen Handlungsempfehlungen helfen können. Besonders betont wird die enge Zusammenarbeit mit Akteur*innen aus dem Bereich der Digitalpolitik, wodurch die Studierenden praktische Erfahrungen sammeln und ihre Ergebnisse vor politischen Entscheidungsträger*innen präsentieren lernen.

Digital Constitutionalism and the UN Global Digital Compact. Ein Lehrprojekt von Dennis Redeker, Claudia Padovani, Andrea Pettrachin, Mauro Santaniello, Nicola Palaldino, Marianne Franklin, Edoardo Celeste und Tomoe Watashiba

Das Erasmus+ Blended-Intensive Programme (BIP) „Digital Constitutionalism and the UN Global Digital Compact“ war das erste an der Universität Bremen koordinierte BIP und brachte im April 2024 Studierende und Lehrende aus acht europäischen Hochschulen zusammen. Ziel war die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem UN-Prozess zum Global Digital Compact und der Erforschung von Menschenrechtspolitik im digitalen Raum. Im Zentrum standen forschendes und praxisorientiertes Lernen, etwa durch die gemeinsame Erstellung von Policy Briefs und die Teilnahme an der EuroDIG-Konferenz. Für die Politikwissenschaft bot das BIP ein innovatives Lehrformat, das theoretische Fragen globaler Governance mit praktischer Politikgestaltung verband und Studierenden Einblicke in internationale Regulierungsprozesse digitaler Technologien ermöglichte.