Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 01.08.2019

CfP – Migration – Herausforderungen im Spannungsfeld von Theorie und Praxis

Migration – Herausforderungen im Spannungsfeld von Theorie und Praxis

Organisatoren:
Dr. Oliviero Angeli (TU Dresden)
Prof. Dr. Andreas Niederberger (Uni Duisburg-Essen)
Prof. Dr. Hans Vorländer (TU Dresden)

Veranstaltungsort: TU Dresden Zeitraum: 18.-20. März 2020

Michael Walzer und Joseph Carens gebührt der Verdienst, das Thema „Migration“ in den 80er Jahren für die Politische Theorie entdeckt und eine kontroverse normative Debatte angestoßen zu haben. Ausgehend von dieser zunächst relativ abstrakt geführten Debatte über das Für und Wider der Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit ist inzwischen eine zunehmende Spezifizierung der Themen, Problemfelder und methodischen Zugänge zu beobachten. Zunehmend wenden sich Politiktheoretiker und Politiktheoretikerinnen konkreten Fragen der Einwanderungspolitik zu und nehmen dabei einerseits die Ursachen und andererseits die Auswirkungen der Migration für die Herkunfts- und Zielländer genauer unter die Lupe. In einem weiteren Strang der Diskussion wird der Zusammenhang zwischen Migration und Demokratie debattiert, u.a. auch hinsichtlich der Zukunft von (Staats- )Bürgerschaft als der primären Form politischer Inklusion. Und schließlich stellt sich in der Erforschung des Populismus die Frage, ob Migration populistische Reaktionen auslöst oder eher schon bestehende verstärkt.
Zugleich haben sich politische Theorien stärker der Praxis der Regulierung von Migration und Integration und der Durchsetzung von Migrationspolitiken und -maßnahmen zugewandt. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Umsetzung von Flüchtlingsschutz, Einwanderungs- und Integrationsmaßnahmen nicht ausschließlich aus rechtlichen und politischen Normen hervorgeht. Vielmehr werden diese Maßnahmen oftmals durch Verwaltungsentscheidungen „gefiltert“ und von Organisationen und Ämtern umgesetzt, die teilweise über einen breiten Interpretations- und Ermessensspielraum verfügen. Hinzu kommt, dass einzelne Akteure im Rahmen westlicher Einwanderungssysteme über viele Möglichkeiten verfügen, Macht auszuüben – zum Beispiel, indem sie die Einreise verweigern, Visa-Anträge ablehnen oder indem sie Entscheidungsprozesse verzögern. Diese Dimensionen der Rechtsauslegung, Rechtsanwendung und Rechtsdurchsetzung kamen in den bisherigen politiktheoretischen Debatten zu kurz und sollen daher in besonderer Weise im Rahmen der Sektionstagung in den Vordergrund gerückt werden.

Ziel der Tagung ist es, ein Forum für eine Diskussion von Fragen zu bieten, die an der Schnittstelle zwischen empirischer Analyse und normativer Reflexion liegen und mit unterschiedlichen Theorieansätzen verknüpft werden können. Auch Beiträge zu weiteren politiktheoretischen und ideengeschichtlichen Fragen, die mit dem Migrationskomplex verbunden sind, sind sehr herzlich willkommen. Dazu gehören beispielsweise kritische Erörterungen über kulturelle Deutungs- und Begründungsmuster, in die Migrationsdiskurse eingebettet sind. Darüber hinaus laden wir auch zu Beiträgen ein, die Fragen des methodischen Zuganges selbst zum Thema machen.


Die Sektionstagung erwartet vor diesem Hintergrund insbesondere Beiträge zu folgenden Fragen:

 

  • Lässt sich der bisherige Stand der Forschung zum Thema Migration im Hinblick auf den methodischen Zugang und das Migrationsverständnis inzwischen bilanzieren? Hat in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel hin zu einer praxisnäheren Betrachtungsweise stattgefunden? Oder kann man, der politiktheoretischen Diskussion vorwerfen, nach wie vor in Denkmustern und Kategorien verhaftet zu bleiben, die eine veraltete und oftmals stark staatszentrierte bzw. etatistische Grundhaltung bedienen? Sollte Migration im Rahmen der internationalen politischen Theorie und als transnationales Phänomen behandelt werden? Oder sprechen nicht gerade Renationalisierungstendenzen für die zentrale Rolle des Staates in der Migrationspolitik? Welche neuen Formen von Mobilität sind aktuell in den verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten vorfindbar? Und welche Theorieansätze stehen zur Verfügung, um sie in ihrer sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Dimension zu beschreiben und zu analysieren?
  • Wieso hat Migration das Potential, moderne Demokratien unter Stress zu setzen und den demokratischen Zusammenhalt zu gefährden? Worin liegt das Zerrüttungspotenzial der Migration? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migration und aufkommendem Rechtspopulismus? Gibt es andere Faktoren, wie Globalisierungseffekte oder kulturelle Verschiebungen, die das Anwachsen einwanderungsfeindlicher Parteien und Bewegungen befördern? Wie lässt sich Migration auf demokratische Weise gestalten bzw. wie lassen sich migrationsbezogene Prozesse der Polarisierung und Radikalisierung institutionell einhegen? Gibt es Modelle kosmopolitaner oder transnationaler Demokratie, die Angebote unterbreiten könnten, wie mit Migration global legitim umgegangen werden kann?
  • Verändert sich durch die Erfahrung der Migration auch die Wahrnehmung von Mobilität und deren Beziehung zu politischen und sozialen Räumen? Wie lassen sich Bürgerschaft und Kettenmigration zusammen denken? Inwieweit kann man von einer Transformation der Migration durch Migration sprechen? Welche Themen und sozialen Problemen bleiben durch die Fokussierung auf Mobilität unberücksichtigt? Haben privilegierte „frequent flyers“ (Calhoun) ein kosmopolitisches Migrationsideal erzeugt, das von weiten Teilen der (sesshaften) Bevölkerung als elitär und abgehoben wahrgenommen wird? Bedarf es nicht – angesichts des verschwindend geringen Anteiles an Migranten und Migrantinnen weltweit – einer stärkeren Berücksichtigung der Nicht-Migration bzw. der Sesshaftigkeit?

 

Die Sektionstagung wird von Oliviero Angeli, Andreas Niederberger und Hans Vorländer an der TU Dresden organisiert. Die Organisatoren der Tagung möchten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Chance eröffnen, sich als Vortragende aktiv zu beteiligen. Bei der Auswahl der Vorträge wird zudem auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet. Bitte senden Sie bei Interesse Ihr Abstract von nicht mehr als 300 Worten bis zum 1.8.2019 an oliviero.angelitu-dresdende.