Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 01.02.2019

Call for Papers: Soziale und politische Ungleichheit? Interessenvertretung in der Sozialpolitik

Soziale und politische Ungleichheit? Interessenvertretung in der Sozialpolitik
Call for Papers
für eine gemeinsame Tagung der Sektion Sozialpolitik in der DGS und des AK Wohlfahrtsstaatsforschung in der DVPW
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen, 10.-11.10.2019


Seit Jahrzehnten wird über sozialpolitische Reformen sowie deren Bedingungen und Wirkungen diskutiert. Reformen lassen sich als Ergebnis politischer Auseinandersetzungen interpretieren, die vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen ausgetragen werden. Die Reformprozesse und ihre Ergebnisse spiegeln Interessenkonstellationen und -konflikte wider und damit auch die Stärke bzw. Schwäche von Akteuren, die für die Durchsetzung spezifischer Interessen stehen.


In der öffentlichen Debatte werden Reformen häufig hinsichtlich ihrer Verteilungswirkung bewertet: Welche Akteursgruppe wird durch Reformen sozioökonomisch bessergestellt, welche verliert? Weniger Beachtung finden hingegen Fragen der politischen (Un-)Gleichheit: Welche Interessen werden im sozialpolitischen Reformdiskurs überhaupt gehört und können sich Geltung verschaffen? Und wie wirken Politikergebnisse auf diese Interessen zurück? Denn politische Reformen fördern bestimmte Interessen direkt oder verschaffen ihnen einen Legitimitätsgewinn, andere werten sie hingegen ab. Die Durchsetzung von Interessen kann damit direkt wie auch indirekt politisch beeinflusst werden, es kann zudem von Selbstverstärkungs- oder Rückkopplungseffekten ausgegangen werden.


Die gemeinsame Tagung der Sektion Sozialpolitik in der DGS und des AK Wohlfahrtsstaatsforschung in der DVPW möchte die Interessenformulierung und -vertretung in der Sozialpolitik in den Blick nehmen. Konkret sollen Fragen im Mittelpunkt stehen, welche Interessen wie in sozialpolitische Entscheidungsprozesse transportiert oder institutionell eingebunden werden (bzw. welche Interessen dabei keine Berücksichtigung finden), welche Verschiebungen es in den vergangenen Jahrzehnten bezüglich relevanter Interessen und sie vertretender Gruppen gegeben hat, und welche Rückwirkungen Politik auf Interessenformulierung und -artikulation hat.


Die Papiere können dabei – auch aus vergleichender Perspektive – folgende Fragen behandeln:
 Welche Wechselwirkungen haben Prozesse der Ökonomisierung, Vermarktlichung und Privatisierung mit Interessenvertretung(en)? Wer stößt diese Prozesse wie an? Verändern sich die Formen der Interessenpolitik (z.B. Lobbyismus statt Korporatismus), entstehen neue Interessenkonstellationen bzw. werden andere Interessen berücksichtigt?
 Welche Strategien der Politik gibt es im Umgang mit organisierten Interessen, um beispielsweise große Reformvorhaben zu realisieren und Blockaden zu überwinden? Welche Auswirkungen hat das Nicht-Einbinden organisierter Interessen im Hinblick auf den „Erfolg“ sozialpolitischer Reformen?
 Welche Folgen hat der Wandel der Sozialpolitik für das Verhältnis von Selbstorganisation und advokatorischer Interessensvertretung? Wer organisiert die Interessen Betroffener bzw. von Nutzerinnen und Nutzern, und welche Rolle spielt die Soziale Arbeit bei der Vertretung von sozialpolitischen Interessen?
 Welche sozialpolitischen Interessen werden durch Parteien vertreten? Wer vertritt die Interessen sozial Benachteiligter (sogenannte „schwache Interessen“)? Inwiefern ist der politische Einfluss von sozial Bessergestellten höher als der von sozial Benachteiligten?
 Was sind eigentlich sozialpolitische Interessen? Wie entstehen sie? Welche Bedürfniswahrnehmungen und -konstruktionen gehen ihnen voraus? Wer konstruiert diese?
 Welcher Wandel ist für die tradierten organisierten Interessen festzuhalten, wie haben sich etwa Verbände an veränderte Einflusskanäle, veränderte Themen, veränderte Mitgliederstrukturen etc. angepasst? Haben sich mit dem Wandel der sozialen Risiken neue Interessenverbände herausgebildet?
 Wie haben sich institutionelle Wege der Interessenvertretung und Durchsetzung gewandelt, wie ihre Nutzung (etwa über Gerichte)?
 Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Interessenvertretungspolitik?
 Last, but not least: Wie kann man sozialpolitischen Einfluss und Einflussstärken messen? Welche methodischen Konzepte eigenen sich hier?


Wir laden dazu ein, Skizzen für Vorträge, die sich mit diesen oder weiteren Fragen zum Themenfeld Interessenvertretung in der Sozialpolitik befassen, einzureichen. Grundlage der Vorträge sollten Papiere im Umfang von ca. 10-15 Seiten sein, die den Teilnehmenden vorab zur Verfügung gestellt werden.


Eine Sammelpublikation mit Beiträgen der Tagung ist vorgesehen. Bitte senden Sie eine einseitige Skizze, die Fragestellung, Erkenntnisinteresse und erwartete Ergebnisse erläutert, bis zum 1.2.2019 an simone.leiber@uni-due.de. Die ausformulierten Papiere werden bis zum 15.9.2019 erwartet.