Hier finden Sie aktuelle Informationen, dazu insb. Calls for Papers und Hinweise zu in nächster Zeit anstehenden Tagungen.
Die Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte der DVPW kritisiert das geplante Verbot von KI-Verboten an Hochschulen in Bayern.[1] Dieser pauschale Vorstoß ist ein Eingriff in die Freiheit der Lehre von Hochschulen und Lehrenden. Es ist Aufgabe der Universitäten und Hochschullehrenden, festzusetzen, welche Kompetenzen Studierende im Verlauf des Studiums erwerben sollen. Damit verbunden muss auch die Auswahl der Prüfungsformen für diese Kompetenzen – inklusive Prüfungsformen ohne KI-Nutzung – bei den Hochschulen und Hochschullehrenden liegen. Es sind die Hochschullehrenden, die den Einsatz von Hilfsmitteln für den Kompetenzerwerb am besten beurteilen können. Diese zuzulassen oder nicht, gehört zur Freiheit der Lehre. Zudem deuten wissenschaftliche Studien darauf hin, dass die Verwendung von generativer KI langfristige schädliche Auswirkungen auf den Erwerb wissenschaftlicher Kernkompetenzen hat (Reflexionsvermögen, eigene Ideenentwicklung, kritisches Denken, analytisches Lesevermögen, Schreibfähigkeiten).[2] Es ist Aufgabe der Wissenschaft, diese Forschung zu beurteilen und darüber zu befinden, ob und wo der Einsatz von KI-Instrumenten sinnvoll ist. Wir fordern die Bayerische Staatsregierung deswegen dazu auf, von einem vorschnellen pauschalen Verbot von KI-Verboten Abstand zu nehmen.
Anmerkungen
[1] Pressemitteilung: www.bayern.de/bericht-aus-der-kabinettssitzung-vom-23-juni-
2026/?seite=2453&wt_zmc=nl.int.zonaudev.112331552451_542623221309.nl_ref.
“Bayern fordert und fördert den Einsatz Künstlicher Intelligenz und verbietet ein Verbot von KI: Die Fortentwicklung der Künstlichen Intelligenz wird als Aufgabe der Hochschulen definiert, ihr Einsatz in Studium und Lehre
wird gesetzlich verankert. In unbeaufsichtigten Prüfungen gilt: Die Hochschulen dürfen KI-Nutzung grundsätzlich
nicht verbieten, sollen sie aber in ihren Prüfungsordnungen mit einer Kennzeichnungspflicht verbinden.”
[2] Ausgewählte Studien zum Beispiel:
Ansari, Aisha Naz, Sohail Ahmad, und Sadia Muzaffar Bhutta. 2024. „Mapping the Global Evidence around the
Use of ChatGPT in Higher Education: A Systematic Scoping Review“. Education and Information Technologies 29 (9): 11281–321. doi.org/10.1007/s10639-023-12223-4.
Lee, Hao-Ping (Hank), Advait Sarkar, Lev Tankelevitch, u. a. 2025. „The Impact of Generative AI on Critical
Thinking: Self-Reported Reductions in Cognitive Effort and Confidence Effects From a Survey of
Knowledge Workers“. Proceedings of the 2025 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems
(New York, NY, USA), CHI ’25, April 25, 1–22. doi.org/10.1145/3706598.3713778.
McGrath, Cormac, Alexandra Farazouli, und Teresa Cerratto-Pargman. 2025. „Generative AI Chatbots in Higher
Education: A Review of an Emerging Research Area“. Higher Education 89 (6): 1533–49.
doi.org/10.1007/s10734-024-01288-w.
Messeri, Lisa, und M. J. Crockett. 2024. „Artificial Intelligence and Illusions of Understanding in Scientific Research“. Nature 627 (8002): 49–58. doi.org/10.1038/s41586-024-07146-0.
Schulze Heuling, Dagmar, Anja P. Jakobi, Gary S. Schaal, und Michael Gerlich. 2025. „Generative KI und (politik)wissenschaftliches Schreiben: Herausforderung für die Lehre und darüber hinaus“. Politische Vierteljahresschrift 66 (4): 913–40. doi.org/10.1007/s11615-025-00631-9.
Stadler, Matthias, Maria Bannert, und Michael Sailer. 2024. „Cognitive ease at a cost: LLMs reduce mental effort
but compromise depth in student scientific inquiry“. Computers in Human Behavior 160 (November): 108386.
doi.org/10.1016/j.chb.2024.108386.
Jürgen Habermas war einer der prägenden Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dabei war er immer mehr als „nur“ Philosoph. Von je her interessierte er sich für Wissensfelder jenseits der Philosophie im engeren Sinne und schaffte es auf beeindruckende Art und Weise, Einsichten und Entwicklungen aus jenen Feldern in sein eigenes Denken zu integrieren. Dies galt auch für die Politische Theorie, die in seinem Werk durchgehend eine Rolle spielte, aber vor allem in der Folge von Faktizität und Geltung aus dem Jahr 1992 zu einem zentralen Schauplatz seiner Überlegungen wurde. Demokratietheoretische Fragestellungen im weitesten Sinne, aber auch die Auseinandersetzung mit systemtheoretischen Perspektiven auf Staat und Gesellschaft rückten so in den Fokus. Hinzu kam das aufkeimende Interesse an der Europäischen Union und einer Postnationalen Konstellation, die Habermas in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre konstatierte.
Dies verweist nicht zuletzt auf Habermas‘ Wirken als öffentlicher Intellektueller, dem es in späteren Jahren insbesondere auch um die Entwicklung der EU ging, der aber in dieser Funktion auch als kritischer Wegbegleiter der Bonner wie der Berliner Republik in Erscheinung trat. In seinen Einlassungen zur Lage verstand es Habermas, politiktheoretische Überlegungen zu einer Vielzahl von Themen von zivilem Ungehorsam, über eine zum Verfahren verflüssigte Volkssouveränität und deren Verschränkung mit dem „gleichursprünglichen“ Rechtsstaatsprinzip bis zur ‚Solidarität unter Fremden‘ etwa im europäischen Kontext fruchtbar zu machen, um konkrete, aktuelle Entwicklungen auf den kritischen Punkt zu bringen. So leistete er wichtige, wenn auch immer wieder umstrittene Beiträge zur Zeitdiagnostik.
Hier klingt schon an, dass Habermas selten einer Kontroverse aus dem Weg ging und die Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von politisch-intellektuellen Antagonisten, beziehungsweise deren Positionen, suchte: Angefangen von Heidegger in den 1950er Jahren über Luhmann in den 1970ern, den Poststrukturalisten in den 1980ern und natürlich immer wieder auch dem Neo-Konservatismus. Für Letzteren blieb er die Bête Noire aus der Riege der Frankfurter Schule, obgleich sein Status innerhalb der Kritischen Theorie mit großem K zusehends ambivalent war – für die Adorno-Hardliner und manch andere steckte zu viel Rawls im späten Habermas. Ähnlich urteilten jene, die aus Habermas einen harmonistischen Konsens-Apologeten machten, der unter Dementierung des ‚Politischen‘ einem rationalistischen Liberalismus das Wort rede. Aus einer solchen Perspektive musste es überraschen, mit welcher Verve sich Habermas ins Handgemenge der öffentlichen Debatte begab und bisweilen weder mit Zuspitzung noch offener Polemik sparte und damit eine Streitbarkeit offenbarte, die nicht so recht zum Zerrbild des Konsenstheoretikers passen wollte.
Grundlage dieser Lust an der Auseinandersetzung blieb bis ins höchste Alter Habermas‘ Neugier und seine Bereitschaft, sich auf andere, neue Perspektiven einzulassen, um sie sodann eben einer gründlichen Kritik zu unterziehen und ihnen einen Platz im eigenen Theoriegebäude zuzuweisen – eine Praxis, die von beeindruckenden hermeneutischen Fähigkeiten zeugte, aber eben auch eine der Aneignung und Umformung war und als solche nicht von ungefähr Kritik provozierte.
Die normative Stoßrichtung von Habermas‘ Denken für das seit den frühen 1980er Jahren seine Formel von der Moderne als „unvollendetes Projekt“ stand, trifft heute auf eine Welt, die sich in vielerlei Hinsicht entgegen seiner theoretisch-politischen Hoffnungen und Ambitionen entwickelt, was Habermas durchaus zur Kenntnis nahm und ihn bisweilen fatalistisch zu stimmen schien.
Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren verstorben. Die Sektion „Politische Theorie und Ideengeschichte“ der DVPW gedenkt seiner in großer Hochachtung vor Person und Werk.
In der Sektion begleiten wir das Nachdenken über Wissenschaftskommunikation in der / durch die Politische Theorie und Ideengeschichte. Als Einladung zur weiteren Auseinandersetzung mit der Thematik und als Auftakt für weitere Aktivitäten unserer Sektion hat eine Arbeitsgruppe hat ein Dossier zum Thema Wissenschaftskommunikation in der Politischen Theorie und Ideengeschichte erstellt. Alle Sektionsmitglieder sind herzlich eingeladen, das Dossier zu nutzen, aber gerne auch Anregungen und Kommentare an die AG Wissenschaftskommunikation (wisskommptig[at]gmail.com) zu senden bzw. bezüglich weitergehender Aktivitäten Kontakt aufzunehmen.
Auf der Frühjahrstagung der Sektion vom 18. bis 20. März 2026 an der Philipps-Universität in Marburg wollen wir unter dem Titel „Bürgerschaft: Aktuelle Entwicklungspfade und konzeptionelle Neubestimmungen“ Fragen nach der vielschichtigen Transformation des Bürgerschaftsbegriffs in historischer, gegenwärtiger und zukunftsorientierter Perspektive diskutieren.
Die Tagung wird in Kooperation der Universitäten Marburg und Frankfurt am Main von Oliver Eberl, Julian Nicolai Hofmann, Eva-Maria Schäfferle, und Sandra Seubert organisiert.
Das Programm der Tagung sowie ein Lageplan sind verlinkt. Anmeldung bitte bis 15. März 2026 an: shkeberl@staff.uni-marburg.de
Universität Erfurt und Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Im Frühjahr in Erfurt 19. bis 21. März 2025 fragen wir nach den Strukturen politischer Öffentlichkeit(en): Wie lassen diese sich begrifflich, theoretisch oder konzeptionell fassen und wie strukturieren sie wiederum das politische System?
Im Herbst in Erlangen soll vom 30. September bis 02. Oktober 2025 aus systematischer, ideengeschichtlicher und normativer Perspektive diskutiert werden, welche Akteure die demokratische Öffentlichkeit prägen, welche aus ihr ausgeschlossen sind und welche aktiv um Sichtbarkeit ringen.
Für beide Teile der Doppeltagung gibt es eine gemeinsame Website, wo neben dem Programm der Erfurter Tagung auch Hinweise zu Anreise und Unterkunftsmöglichkeiten, ein Awareness-Konzept und erste Informationen zur Tagung in Erlangen zu finden sind.
Die Anmeldung zur Erfurter Tagung ist nun eröffenet und über die Anmeldungsseite auf der Website möglich. Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Die Veranstalter:innen bitten um Anmeldung bis zum 01.03.2025.
Die Anmeldung für die Erlanger Tagung ist nun geöffnet und, ebenso wie das Programm, unter www.poloeff.de, zu finden.
Der politiktheoretische Grundbegriff der Öffentlichkeit ist aktuell von besonderer Relevanz. Inwieweit sind die vielbeschworenen Gefährdungen der Demokratie auf die Erosion demokratischer Öffentlichkeit zurückzuführen?
Welchen Anteil haben strukturelle Faktoren – von der Transnationalisierung bis zur Digitalisierung – an der Entwicklung; und wie treiben einzelne Akteure mit ihren Strategien die Entwicklung voran? Wer kann und wer sollte in die Entwicklung eingreifen und Öffentlichkeit(en) restrukturieren, begrenzen oder kuratieren?
Die Doppeltagung der DVPW-Sektion für Politische Theorie und Ideengeschichte in Erfurt und Erlangen wird im Frühjahr und im Herbst 2025 diese Debatten um politische Öffentlichkeit aufnehmen und reflektieren. Vorschläge für Beiträge (dt. oder engl., 300-500 Worte plus Kurzbiographie) können bis zum 31. Juli 2024 an poloeff[at]proton.me eingereicht werden. Bitte geben Sie bei Ihrer Einreichung an, auf welcher der beiden Tagungen Sie Ihren Beitrag hauptsächlich verorten würden. Für die Herbsttagung 2025 in Erlangen wird es voraussichtlich einen späteren, ergänzenden Call for Papers geben. Weitere Infos im ausführlichen Call.
Theorieblog
Der Theorieblog bietet seit 2010 ein Diskussionsforum zu Themen der Politischen Theorie und Ideengeschichte mit Verweisen auf aktuelle Veranstaltungen, nationale und internationale Stipendien und Stellen sowie Neuerscheinungen.