Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

3. DVPW-Thementagung

Zeitenwende in der deutschen IB? Wie wir auf die russische Invasion der Ukraine reagieren (sollten)

11.-12. November 2022, Universität Hamburg

Während die deutsche politische Landschaft mit einer ‘Zeitenwende’ auf die russische Invasion der Ukraine durch Russland reagiert, steckt die deutsche Politikwissenschaft noch im Verarbeitungsprozess. Die diesjährige Thementagung der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) soll zum einen gezielte Selbstreflexion anstoßen – hat die IB den Krieg verschlafen? – und zum anderen eine wissenschaftliche Bühne zur Analyse des Krieges bieten.

Inhaltliche Zielsetzung

Der aktuelle Krieg in der Ukraine kam als Überraschung für die meisten Beobachter*innen – das gilt zumindest mit Blick auf die Reichweite der Invasion und die ursprünglichen Ambitionen der russischen Regierung. Überrascht wurden auch die (meisten) Forschenden in den Internationalen Beziehungen (IB) – in Deutschland vermutlich noch stärker als in anderen westlichen Ländern. Dass im Europa des Jahres 2022 eine Großmacht nochmals einen klassischen, expansiven Territorialkonflikt mit massivem Militäreinsatz vom Zaun brechen könnte und damit – zumindest im eigenen Kalkül – rationale Ziele verfolgte, hat viele eiskalt erwischt.

  • Einige argumentieren, dass dies wesentlich auf die Vernachlässigung bestimmter Wissensbestände und Theorieangebote (vor allem im Umfeld der "realistischen" Tradition) zurückzuführen sei, die vor allem in Deutschland seit langem bestenfalls ein Nischendasein geführt hätten.
  • Andere halten dagegen, dass die Fragen von Krieg und Frieden seit jeher im Zentrum der Disziplin der Internationalen Beziehung standen und in den vergangenen Jahrzehnten nur deshalb weniger betont wurden, weil im Globalen Norden andere, nicht minder wichtige, Herausforderungen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten.

Schließlich ist im Verlauf der andauernden Kriegshandlungen und angesichts der Versuche, diesen durch diplomatische Interaktion zu beenden, die zentrale Rolle und Bandbreite sozialwissenschaftlicher IB-Theorien besonders deutlich geworden. Vor diesem Hintergrund soll die Frage erörtert werden, ob und wie der Kanon von IB-Theorien für die großen Fragen von Krieg und Frieden sowohl langfristig, als auch in Krisensituationen anwendbar und abrufbereit ist. Zweifellos stellen die aktuellen Entwicklungen in Europa, inkl. ihrer globalen Auswirkungen, die Disziplin vor die Frage, ob bzw. wie die IB-Forschung darauf reagieren soll und kann.

Unser Organisationsteam bestehend aus Wissenschaftler*innen verschiedener Universitäten hat sich daher entschieden, eine Tagung zum russischen Überfall auf die Ukraine auszurichten. Diese soll die empirischen und theoretischen Folgen der Invasion erörtern und schließlich zur Selbstreflexion der Disziplin der Internationalen Beziehungen einladen. Ob und wie wir Krieg und den Einsatz militärischer Gewalt im 21. Jahrhundert möglicherweise neu denken und erforschen müssen, soll zu den Kernfragen der Tagung gehören. Die Konferenz soll im Rahmen der übergreifenden Themenstellung fokussiert, aber nicht zu eng ausgelegt werden. Erwünscht ist deshalb ein breites Spektrum an Einreichungen von Papers und Panels, die sich mit sämtlichen Fragen von Krieg und Frieden beschäftigen. Das schließt eine reflexive und disziplinkritische Perspektive auf mögliche Stärken oder Schwächen vergangener Forschung bewusst ein. Ohne hier das Spektrum möglicher Einreichungen einengen zu wollen, könnten wir uns solche insbesondere zu folgenden Themen vorstellen:

  • Inwiefern konnten die Internationalen Beziehungen bislang ihre theoretische Bandbreite in die gesellschaftliche und politische Debatte einbringen? Wo genau besteht innerhalb der IB der Bedarf einer Nachschärfung von Konzepten und Theorien? Mit welchen vorhandenen Ideen lassen sich beobachtbare Phänomene (die Invasion selbst, die Verteidigungskraft der Ukraine, mediale Rezeptionen etc.) bereits erklären, mit welchen sind sie scheinbar inkompatibel?
  • Wie können kritische Theorien, insbesondere post-  und dekoloniale sowie feministische Theorien, eine weitere Perspektive auf den Krieg bieten? Inwiefern ist eine selbstreferentielle Kritik der IB-Forschung in Bezug auf Struktur und Repräsentation (Nord-Süd-Gefälle, patriarchale Strukturen etc.) als ein sinnvoller Ansatz zur Identifikation und Verbesserung fehlerhafter Analysen zu werten?
  • Welche Auswege aus der aktuellen Situation sind zu identifizieren, welche sind wünschenswert? Welche Handlungs- und Interaktionsoptionen haben welche Akteure? Und wie beantworten verschiedene Theorieansätze diese Fragen?

 

Organisationsteam: Prof. Antje Wiener PhD, Prof. Dr. Gunther Hellmann, Prof. Dr. Nicole Deitelhoff und Prof. Dr. Carlo Masala, Dr. Maren Hofius, Jannis Kappelmann