Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
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Nachruf auf Klaus von Beyme

Von Wolfgang Merkel

Klaus von Beyme ist tot. Er starb am 6. Dezember 2021 im Alter von 87 Jahren. Gestorben ist er, wie er gelebt hat: selbstbestimmt, selbstbewusst, ohne Klage. Wer war der Politikwissenschaftler Klaus von Beyme (1934-2021), was prägte ihn, zeichnete ihn aus, was bedeutet(e) er für die Politikwissenschaft?*

Geboren wurde er als Spross einer Gutsbesitzerbesitzerfamilie in Schlesien. Deren bedeutendster Vorfahre war Carl Friedrich von Beyme (1765-1838), preußischer Kabinettsrat, Wirklicher Geheimer Staatsminister, Mitglied des Staatsrates und Großkanzler. In den aufgewühlten Zeiten der Französischen Revolution spielte der „Wirkliche Geheime Staatsminister“ noch vor den Stein-Hardenbergschen Reformen eine wichtige Rolle als Reformer eines aufgeklärten Preußen. Aufgewühlte Zeiten begleiteten auch den späteren Nachfahren Klaus von Beyme, als die Familie 1945 Schlesien verlassen musste, floh und dann weitgehend mittellos zunächst im Harz (Osten) und danach in Norddeutschland (Westen) einen neuen Anfang suchte.

Klaus von Beyme absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Buchhändler in Braunschweig. Erst danach schrieb er sich für ein Mehrfachstudium der Jurisprudenz und der „philosophisch-historischen Fächer“, die Soziologie einschließend, an der Universität Heidelberg ein. Dort hörte er bei einem illustren Kreis der damaligen Heidelberger Gelehrtenwelt: Alfred Weber (Soziologie), Hans-Georg Gadamer, Karl Löwith und Dieter Henrich (Philosophie), Werner Conze, Reinhart Koselleck (Geschichte) sowie bei Carl Joachim Friedrich (Politikwissenschaft). Friedrich, dessen Assistent Klaus von Beyme (1963-1967) später werden sollte, teilte damals seine Lehrzeit zwischen Heidelberg und Harvard auf. Zu Dolf Sternberger, der in den 1950er Jahren gemeinsam mit Carl Joachim Friedrich das Institut für Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg aufbauen sollte, hielt Klaus von Beyme zeitlebens Distanz (von Beyme 2016a: 127). Dessen normativer Aristotelismus, seine Anglophilie für den britischen Parlamentarismus überzeugten ihn ebenso wenig, wie Sternbergers großbürgerlicher Manierismus. Studenten- und Assistentenzeit in Heidelberg trieben tiefe akademische Wurzeln. „Dem lebendigen Geist“ steht über dem Eingang zur „Neuen Universität“ geschrieben. Es war diese Verbindung von lebendigem Geist und Gelehrtenrepublik, die Heidelberg zu seinem Ort machte. Ein Leben lang. Der geistige Horizont Klaus von Beymes reichte jedoch stets und weit darüber hinaus. Das zeigen schon seine Studienorte.

Klaus von Beyme studierte in Bonn, München (E. Voegelin), Paris (R. Aron, M. Duverger), Harvard (T. Parsons, K.W. Deutsch, V.O. Key, H. Lasswell) und Moskau. Voegelins religiös imprägnierte Geschichtsphilosophie blieb ihm fremd. Der Strukturfunktionalismus Parsons dagegen prägte nachhaltig seinen Blick auf funktionale Äquivalente differenter Strukturen und unterschiedlicher Kontexte. Dies galt insbesondere für die „Vergleichende Regierungslehre“, die vor allem durch seine Schriften auch in Deutschland zur „Vergleichenden Politikwissenschaft“ wurden. Doch auch der Studienaufenthalt in Moskau hinterließ tiefe Spuren. Nicht in der Theorie oder Methodologie, wohl aber als Gegenstand und Thema. Ohne irgendwelche ideologischen Verwandtschaften wurden die Sowjetunion und Russland dem Politikwissenschaftler immer wieder zum Gegenstand seiner Untersuchungen. So promovierte Klaus von Beyme 1965 zu der heute exotisch anmutenden Thematik der „Politische(n) Soziologie im zaristischen Russland“ und schrieb noch 2016 ein Buch zur „Rußlandkontroverse“ (2016b), in dem er – für ihn typisch – einen neutralen dritten Weg zwischen „Russland-Verstehern und Russland-Kritikern“ suchte.

Noch während seines Habilitationsverfahrens in Heidelberg erhielt Klaus von Beyme 1967 einen Ruf nach Tübingen. Dort baute er trotz wissenschaftlicher und politischer Differenzen mit dem liberalkonservativen Ordinarius Theodor Eschenburg eine kollegiale Koexistenz auf und führte das Institut durch die Turbulenzen der Studentenbewegung: auf der einen Seite die neomarxistisch inspirierte Linke von Student*innen und Assistent*innen und auf der anderen Seite die rechtskonservative Gegenmobilisierung des „Bund(es) Freiheit der Wissenschaften“. Für eine Woche war er Rektor der Universität Tübingen, geriet dort zwischen die Fronten und trat nach wenigen Tagen zurück.

1973 folgte gegen den anfänglichen Widerstand des christdemokratischen Kultusministers Wilhelm Hahn die Berufung nach Heidelberg. Der Ruf wurde Berufung, die Universität seine Alma Mater, Heidelberg sein ontologischer Ort. Ihnen blieb er treu bis zu seiner Emeritierung 1999 und in der freiwilligen Lehre und Doktorandenbetreuung noch weit darüber hinaus. Die Gelehrtenrepublik am Neckar dankte es ihm und machte ihn zu einer „Institution“.

Nach Ämtern hat er nie gestrebt. Wenn diese ihm aber dennoch in der Profession angetragen wurden, wie der Vorsitz der DVPW (1973-1975) oder jener der IPSA (International Political Science Association: 1982-1985), hat er diese übernommen; nicht im Sinne einer emphatischen Betonung des common goods, sondern in der ihm eigenen Prosaik eines Pflichtgefühls. Im Amte selbst war er alles andere als ein Dezisionist, sondern war um Ausgleich bemüht, zwischen Interessen und Weltsichten, links und rechts, Ost wie West. Dieser ausgleichende Steuerungsmodus hielt ihn allerdings nicht davon ab, den bis dahin häufig blumigen IPSA-Tagungen ein stärker analytisches Profil zu geben: „weniger Events und mehr Wissenschaft“ verkündete er in seiner Antrittsrede“ (von Beyme 2016a: 183; Panreck 2021: 112).

Der Generalist

Die große Zeit Klaus von Beymes waren die siebziger, achtziger und teilweise neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In der ersten professionellen Selbstbeobachtung und Reputationsstudie der deutschen Politikwissenschaft (Honolka 1986) wurde von Beyme von seinen Kollegen und Kolleginnen gleich dreimal auf den ersten Rang gewählt: in der Kategorie des „wichtigsten Vertreters des Faches“, der „Politischen Theorie“ und der „Vergleichenden Politikwissenschaft“. In der zehn Jahre später folgenden Selbstevaluation durch die DVPW-Mitglieder (Klingemann/Falter 1998) wurde Klaus von Beyme auf Platz 10 der weltweit wichtigsten Politikwissenschaftler*innen seiner Zeit gewählt. Platz 1 erhielt er für den „wichtigsten Vertreter der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland“, auf Platz zwei setzten ihn seinen Kolleg*innen in den Kategorien „Politische Theorie“ und „Vergleichende Politikwissenschaft“. Man mag nicht zu Unrecht skeptisch über den Wert solcher reputativen Schönheitskonkurrenzen denken, mangelnde Sachkompetenz wird man den Mitgliedern der eigenen Profession nicht unterstellen können.

Noch etwas anderes wird aus diesen Reputationsstudien sichtbar. Klaus von Beyme ist ein Generalist, der auch in vielen Teildisziplinen von der Politischen Theorie, dem Vergleich bis hin zur Innenpolitik ein außerordentliches Ansehen genießt. Von Beyme war in diesen 25 Jahren der Generalist und Solitär der deutschen Politikwissenschaft. In 50 Monographien (durchwegs alleine geschrieben) hat er eine Bandbreite von Themen behandelt, die manche Kleininstitute schwindeln lässt. Dazu zählen: das politische System Italiens, Spaniens, der USA, der Bundesrepublik Deutschland, Osteuropas und der Sowjetunion; Bücher zu Parteien, Interessenverbänden, Parlamenten, politischen Eliten; über politische Theorien, Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus; über Architektur, Städtebau, Kunst, Kultur und Politik. Selbst vor „Exotismus, Rassismus und Sexismus in der europäischen Kunst“ (2008) machte er nicht halt. Manche dieser Bücher sind in zweistelligen Auflagen erschienen und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Aus eigener Anschauung weiß ich, er hat die Bücher nicht nur alleine geschrieben, sondern hat auch die Recherche selbst und nicht mit Hilfe seiner Assistent*innen oder Hilfsassistent*innen betrieben.

Klaus von Beyme war Generalist ohne zu generalisieren. Dies ist durchaus kritisch gemeint. Bisweilen bekommt man bei der Durchsicht seines Œuvre den Eindruck, dass er von Buch zu Buch, von Thema zu Thema geradezu gehetzt ist. Das eine Buch war noch nicht beendet, da wurde schon das nächste begonnen. Das hatte Kosten. Klaus von Beyme hat bei weitem nicht die ganze Wissenschaftsernte eingefahren, die die empirisch gesättigten Studien ihm erlaubt hätten. Wäre er von seinen historisch-empirischen Ideographien einen Schritt zurück getreten und wäre auf der Abstraktionsleiter eine Sprosse nach oben geklettert, hätte er allgemeiner, nomothetischer resümieren können. Diese Art der generalisierenden Quintessenz hat er sich versagt. Er war überzeugt, dass die „Meso-Ebene“ der Ort der (vergleichenden) Politikwissenschaft war. Die Mikroebene allein war ihm zu kleinteilig, die Makroebene zu abstrakt. Will man dennoch den holistischen Blick nicht aufgeben, fügt sich die mittlere Ebene als Verbindung ein. Die Meso-Ebene war Klaus von Beyme also beides: missing link wie eigenständiger Ort politikwissenschaftlicher Analyse.

Ohne diese „Entsagung“ hätte er stärker zu „Debatten“ und „Kontroversen“ im Fach angeregt. Aber Theoreme, kühne Verallgemeinerungen, allgemeine Gesetzmäßigkeiten oder gar Voraussagen lagen ihm fern. Davon hielt ihn sein historisches Detailwissen ab. Klaus von Beyme löste deshalb kaum Debatten aus. Nicht zur Legitimation und Legitimität, nicht zur Steuerung, nicht zu Staat oder Kapitalismus, auch nicht zur Demokratisierung oder Krise der Demokratie. Die Kontroversen gegen ihn hatten sich meist an seinen Schriften zur „Ökonomie und Politik im Sozialismus“ (1975) oder zu Putins Russland entzündet. Sie waren eher von professionellem Neid der theoriefernen Osteuropaforscher*innen gegenüber dem unerschrockenen fachfremden Eindringling geprägt als von substantiellen Einwänden. Völlig fehl ging das normative Misstrauen, das dem Russlandkenner eine Nähe zum alten Sowjetregime oder später zum Autoritarismus Putins unterstellte. Politisch waren ihm beide Regime fremd, wissenschaftlich ließ er sich bewusst nicht normativ festlegen. Wenn überhaupt, dann war es der Kritische Rationalismus Poppers und Alberts. Aber diese bargen ja gerade im methodischen Kern eine Absage an jeglichen substanzhaften Normativismus.

Der Komparatist

Der Vergleich war von Beyme mehr als nur eine reine Subdisziplin der Politischen Wissenschaft, etwa neben der Politischen Theorie, der Innenpolitik oder den Internationalen Beziehungen. Der Vergleich war für ihn, zumindest in seinen konzeptionellen Schriften der 1970er Jahre, „eine Methode, welche die gesamte Politikwissenschaft durchdringt“ (von Beyme 1966: 66). Das gilt für Macht, Systeme, Konflikte, Akteure, Institutionen, Entscheidungsfindung und materielle Politiken. Der Vergleich durchzieht polity, politcs und policies. Am wenigsten war von Beyme von den area studies überzeugt. Komparatisten die ihren Vergleich auf bestimmte geographische areas beschränkten, verdächtigte er, wohl nicht durchgängig zu Recht, der theoriefreien Landeskunde. Kausalanalytische Vergleichsziele dagegen hielt er im Lichte einer strengen Kausalitätsdefinition für zu ambitiös. Aber auch Regressionsanalysen mit kausalanalytischem Anspruch überzeugten ihn da nicht. Reine Korrelationsanalysen mochten ihm ein erster Schritt in der vergleichenden Analyse sein, aber darüber hinaus bedürfte es anschlussfähiger Tiefenbohrungen, die die je konkreten Beziehungen zwischen abhängigen und unabhängigen Variablen spezifizieren und ihre Tragfähigkeit an ausgewählten Beispielen überprüfen. Typenbildungen à la Max Weber kritisierte er zwar, wandte sie aber selbst in seinem Parteienbuch (1982b) als Ordnungsprinzip für Parteifamilien und im Sinne Sartoris auch auf Parteiensystemtypen an.

Klaus von Beyme bezeichnete seine Methode früh als „funktionale Methode“, die „jede soziale Erscheinung in Beziehung zum gesamten Systemzusammenhang“ setzt (von Beyme 1966: 86). Er grenzte sich damit vom „Paläoinstitutionalismus“ (Klaus von Beyme) der alten Regierungslehre aus dem Staatsrecht oder der Gründergeneration der deutschen Politikwissenschaft ab, nicht nur von Dolf Sternberger, sondern auch von seinem Lehrer Carl Joachim Friedrich. Anders als diese betonte er den Zusammenhang der einzelnen Systembestandteile und ihrer Funktionsleistungen für das Gesamtsystem. Beeinflusst war von Beyme hier vom US-amerikanischen Systemfunktionalismus Talcott Parsons, Gabriel Almonds und David Eastons, von denen er die beiden ersteren selbst zu Beginn der 1960er in Harvard und MIT gehört hat. Aber auch vom Funktionalismus der soziologischen und politologischen Systemtheorie ließ er sich keineswegs gänzlich vereinnahmen. Weder suchte er nach stabilisierenden Gleichgewichtszuständen noch vergaß er die prägende Rolle von Akteuren in der Politik und innerhalb des politischen Systems. Davon zeugen seine Bücher über Parteien, Interessengruppen, Gewerkschaften oder den „Gesetzgeber“.

Später näherte er sich dem Neo-Institutionalismus, bzw. den Neo-Institutionalismen an, die ja schon unter sich substantielle Unterschiede aufweisen (Hall/Taylor 1996). Selbst ist er nie ein klassischer Neo-Institutionalist geworden. Vielleicht gibt es einen solchen auch nicht. Der „institutional rational choice approach“ zur Erklärung von „Wahlhandlungen“ und zur Neigung von Modellbildungen war seine Sache nicht. Das Gleiche galt auf der anderen Seite für den kulturalisierenden Neo-Institutionalismus. Am nächsten kommt von Beyme dem „Historischen (Neo)Institutionalismus“, einem Ansatz, der sich in Auseinandersetzung mit den Behaviouralisten einerseits und den Funktionalisten anderseits entwickelt hat. Der Historische Institutionalismus fokussiert auf die kontextuelle Genese von Institutionen, die der Theorie nach in ihren je konkreten Ausprägungen das Verhalten von interessengeleiteten Akteuren wie Parteien und Interessengruppen beeinflussen. Daraus entstünden Pfadabhängigkeiten, die langlebig und zäh das Verhalten von Akteuren und die Produktion von policies beeinflussen.

Das sind auch die klassischen Erweiterungen, über die Klaus von Beyme schon vorher die antiquiert statische „Vergleichende Regierungslehre“ der deutschen Politikwissenschaft zu den „Comparative Politics“ überführt hat. Den nominalistischen Verfassungsstrukturen und Verfahren fügte er mit den Akteuren, Interessen und Konfliktstrukturen (politics) auch noch die Ergebnisse der Konfliktaushandlung, die policies hinzu (Busch/Merkel 1999: 16ff.). Damit schließt sich der Bogen von polity, politics und policies.

Das wissenschaftshistorisch Interessante dabei ist, dass Klaus von Beyme schon Historischer Institutionalist war, bevor es den Historischen Institutionalismus als eigenen Erklärungsansatz in den 1980er Jahren gegeben hat. Die Grundlagen dafür legte er in seinem „Schlüsselwerk“ (Kailitz 2007) „Die Parlamentarischen Regierungssysteme in Europa“ (1970). Bezeichnenderweise erschien die „völlig überarbeitete Neuausgabe“ (1999) unter dem Titel: „Die parlamentarische Demokratie. Entstehung und Funktionsweise 1789-1999“. Hier bringt der Autor die beiden Bausteine seiner vergleichenden Methode schon im Titel zum Ausdruck: „Entstehung“ und „Funktionsweise“. Klaus von Beyme war Funktionalist und Historischer (Neo)Institutionlist, ohne dass er sich selbst je als Protagonisten eines solchen bezeichnet hat. Dies war typisch für ihn, der die explizite Etikettierung seines wissenschaftlichen Wirkens nie gesucht, vielleicht sogar gemieden hat.

Der Theoretiker

Klaus von Beyme hat zahlreiche Bücher zu politischen Theorien geschrieben. Sie reichen von „Die politischen Theorien der Gegenwart“ (1972), über „Theorie der Politik im 20. Jahrhundert. Von der Moderne zur Postmoderne“ (1991) die „Politische(n) Theorien in Russland“ (2001) bis hin zur „Geschichte der politischen Theorien in Deutschland 1300-2009“ (2009). Das ist ein enormer Corpus an politischen Theorien. Er überspannt Jahrhunderte und gräbt auch manche unbekannte Theorien aus, die selbst den Theorie-Expert*innen bis dahin unbekannt waren. Die zitierten Bücher sind Fundgruben der Politischen Ideengeschichte. War aber Klaus von Beyme schon deshalb ein Politischer Theoretiker, zumal die Professionskolleg*innen ihn schon vor seinen monumentalen Spätwerken auf den ersten Theorieplatz der Politikwissenschaft Deutschlands gesetzt hatten? Was ist eigentlich ein Politischer Theoretiker? Jemand der eine eigene Theorie vorlegt – oder etwas kleiner – aus den vorhandenen Theorien Revisionen und Synthesen vornimmt und dann seine „eigene“ Theorie entwirft?

Eine eigene Theorie hat Klaus von Beyme im Bereich der politischen Theorien nicht entwickelt. Eine normative Theorie konnte es schon deshalb nicht sein, weil er stets auf kühler Distanz zu normativen Bewertungen in der Politischen Wissenschaft blieb. Auch einem der beiden Angebote sozial- und politikwissenschaftlicher Großtheorien, der System- oder Handlungstheorie, lassen sich Klaus von Beymes Theoriearbeiten nicht einfach zuordnen. Auch hier steht für ihn keine Schublade bereit. Seine Synthesebereitschaft formuliert er unmissverständlich in seinem Buch: „Theorie der Politik im 20. Jahrhundert. Von der Moderne zur Postmoderne“ (1991: 341): „Regierungslehre aber ist an jene Meso-Ebene zwischen Makro- und Mikroebene gebunden, und diese Ebene ist notwendigerweise zwischen System- und Handlungsorientierung gestellt. Diese Position macht Glaubenskriege zwischen Mikro- und Makrotheorie, zwischen Handlungs- und Systemtheorie, wenn sie als Alternativenradikalismus ausgefochten werden, gerade für die Regierungslehre völlig unfruchtbar“. Von Beyme enthüllt mit seinem Zitat zweierlei: Zum einen will er sich apriori keiner einzelnen oder einzigen Theorie zuordnen. Zum anderen verdunkelt er auch bei Partialanalysen nie den Blick aufs Ganze, das bei ihm meist das Gesamtsystem ist. Dabei kam es ihm besonders darauf an, die kollektiven Akteure systemtheoretisch in Beziehung zueinander zu setzen. Diese Akteursbezogenheit hat ihn trotz aller Affinität zum funktionalistischen Denken auf klare Distanz zu allen Autopoiesis-Varianten der Systemtheorie gehen lassen. Der eigentümlich unpolitischen Abstraktionshöhe der Luhmannschen Autopoiesis setzt von Beyme eine „empirische Theorie der Politik“ entgegen.

Er verweigerte den weiteren Schritt hin zur eigenen Theorie. Seine ungeheuren empirischen Detailkenntnisse domestizieren die Sehnsucht nach einer eigenen Theorie. Der Preis ist möglicherweise höher als es Klaus von Beyme selbst bewusst war. Seine empirisch gesättigten Theorien erreichten bestenfalls eine mittlere Reichweite. Ihre empirischen Bestandteile binden sie stark an die Gegenwart und beschleunigen ihre epistemologische Verfallsdauer. Entworfen hat Klaus von Beyme „usable theories“ (Rüschemeyer) für seine konkreten vergleichenden Analysen. Häufig mehr implizit als explizit. Wenn es je „Theorien mittlerer Reichweite“ (Merton) waren, machte die Empirielastigkeit sie stark gegenwartsbezogen. Dies war ihm bewusst. Bewusst war ihm auch der synthetische, wenn nicht eklektizistische Charakter dieser Form der Theoriearbeit. Allerdings hatte für ihn dieser schon vor den Zeiten postmoderner Theorie-Collagen seine wissenschaftliche „Rufmordkapazität“ eingebüßt (Busch/Merkel 1999: 31). Auch wenn er in dem renommierten „(A) New Handbook of Political Science“, herausgegeben von Robert E. Goodin und Hans-Dieter Klingemann (1996), in der Theorie-Sektion den Artikel zu „Empirical Political Theory“ geschrieben hat, war er in der Gesamtschau seines Werkes mehr „theorieinteressierter Empiriker“ (von Beyme 1997) als „empirischer Theoretiker“.

Der Lehrer

Klaus von Beyme hat sich als Universitätslehrer begriffen. Die Einheit von Forschung und Lehre hat er geradezu idealiter verkörpert. Die Studenten und Studentinnen haben ihm dies gedankt. Seine Seminare und Hörsäle waren voll, meist überfüllt. Hörer aller Fakultäten und Generationen folgten ihm. Sie waren fasziniert von seiner rhetorischen Brillanz, der Autor dieses Nachrufs inbegriffen. Der physisch eher kleine Professor hatte ein großes intellektuelles Charisma. Dabei waren seine Vorlesungen keineswegs voraussetzungslos zugänglich. Sie waren bisweilen eher assoziativ postmodern als in die klare Struktur modernen Denkens eingebettet. Vorkenntnisse waren erwünscht. Dann profitierte man von seiner Lehre, wurde angeregt, sich anderen Autoren zuzuwenden und jenseits vorgezeichneter Masken zu denken.

Legendär waren in Tübingen und Heidelberg Klaus von Beymes Spontanreaktionen auf die massiven Störmanöver aus den Reihen des „Kommunistischen Bund Westdeutschlands“ oder radikalisierter Spontis. Sie waren oft witzig, nie larmoyant. Er zog die Lacher auf seine Seite. Damit entschärfte er manche Konflikte, die seine konservativen Kollegen vom „Bund Freiheit der Wissenschaften“ nur ungelenk verschärften, wie dies auch am Institut für Politikwissenschaft der Universität Heidelberg in den 1970er Jahren der Fall war.

Die große Attraktion seiner Vorlesungen und Seminare hatten aber auch einen Preis. Der (Sozial)Liberale Hochschullehrer lehnte selten Prüfungsersuchen aus den Reihen der Studierenden ab. Das brachte ihm durchschnittlich drei bis viermal so viele Prüflinge ein wie dem Durchschnitt seiner Kollegen. Von 1967 dem Beginn seiner Professur bis 1999 seiner Emeritierung waren es Tausende. Dutzende von Studenten und Studentinnen warteten allwöchentlich vor seiner Sprechstunde. Rund 100 Doktoranden und Doktorandinnen promovierte er. Sechzehn Wissenschaftler*innen habilitierte er. Die meisten von ihnen wurden ihrerseits Professoren*innen. Für die Universität, die Profession und die Scientific Community produzierte Klaus von Beyme Allgemeingüter am Fließband. Aufhebens machte er nie davon. Es waren Pflichten, die waren zu erledigen. Preußische Wurzeln. Preußisch „gegen“ sich, nie gegenüber anderen. Auch Klaus von Beymes Assistenten und Assistentinnen profitierten davon. Der Professor verlangte keine Dienstleistungen. Für ihn musste man nicht arbeiten. Nur die Prüfungsbeisitze waren zu leisten. Dort erlebten wir einen milden Prüfer. Er begründete das uns Jüngeren gegenüber nicht selten mit „Altersmilde“. Uns gegenüber war er weder Kumpel noch Ordinarius. Er hielt Distanz. Der klassische Paternalismus gegenüber seinen Assistent*innen war ihm fremd. Gutachten waren von legendärer Kürze. Unsere Karrierehilfen waren das auf dem akademischen Arbeitsmarkt hilfreiche Prädikat, seine Assistent*innen gewesen zu sein.

Der Solitär

Klaus von Beyme hat seine Bücher alleine geschrieben. Zuarbeiten Dritter gab es nicht. Aber er hat auch seine Manuskripte nie zur Diskussion gestellt. Seine Thesen und Interpretationen hat er auch in seinem engeren Umfeld nicht „getestet“. Da war er zurückhaltend. Von seinen Publikationen haben wir meist erst dann erfahren, wenn das Buch physisch in unseren Postfächern lag. Ich habe das stets bedauert. Möglicherweise hätten beide Seiten Gewinn aus einer intensiveren Debatte und Kooperation gezogen. Da war er, der vor hunderten Zuhörer*innen mit seiner Beredsamkeit geradezu extrovertiert brillierte, auffallend introvertiert, wort- und kooperationskarg. Er war ein Solitär, auch in dieser Hinsicht: „Scribo ergo sum“, alles in der ersten Person Singular.

Der Gelehrte, der so viele Schüler*innen hatte, verweigerte die Schulenbildung. Das wollte er nicht. Seine normativ so enthaltsamen Theorieschriften, die detailreichen Vergleiche, die vor einer weiterreichenden Verallgemeinerung abbrachen, boten zu wenig Substrat und Anschlüsse für die Schulenbildung. Eine Klaus-von-Beyme-Schule, wie hier zulande eine Habermas-, Luhmann- oder Fritz-Scharpf-Schule, gab es nicht. Auch die bisweilen in Selbstbeschreibungen auftauchende „Heidelberger Schule“ ist eine Fiktion. Weder normativ, theoretisch oder gar methodologisch gab es dafür hinreichend Gemeinsamkeiten zwischen den Schriften Friedrichs, Sternbergers, Beymes, Nohlens und später Manfred Schmidts. Für eine eigene Schule waren Klaus von Beymes vielschichtige Arbeiten und eklektische Synthesen nicht angelegt. Dies galt auch für seine Mentalität. Wurden seine Schriften stark kritisiert, „schoss“ er selten scharf zurück, sondern suchte jenseits der Kritik das Lobende und Übereinstimmende in den Rezensionen, begleitet von sanfter Ironie.

Die „Beyme-Methode“, falls es eine solche im engeren Sinne gab, war nicht zu lernen. Selbst die Imitation hatte Grenzen. Die lag schon darin, dass er einer der letzten Universal-Sozialwissenschaftler mit einem schier unerschöpflichen Wissen war. Dieses erlaubte ihm Grenzüberschreitungen von der Theorie zum Vergleich, von West nach Ost, von der Politik zur Kunst, der Architektur zur Geschichte des Wohnens, von der Moderne zur Postmoderne und zurück. Wer wollte sonst Solches wagen? Wer verfügte über ein vergleichbares Wissen? Dem hat die comparative politics längst Rechnung getragen, indem sie sich überspannenden Vergleichen nur noch mit quantitativen Methoden nähert. Detailkenntnisse sind in large-n Analysen nicht mehr gefragt. Dies ist Erkenntnisgewinn und Wissensverlust zugleich. Isaiah Berlin hat einst, aus der Antike entlehnt, zwei unterschiedliche Formen von Wissen anhand der Tierwelt illustriert: `The fox knows many things, but the hedgehog knows one big thing.´ Will man Klaus von Beyme daran messen, wird man ihn einen Fuchs nennen dürfen.

Klaus von Beyme war der produktivste Politikwissenschaftler der zweiten Generation bundesdeutscher Politikwissenschaft. Er hat Generationen von Studierenden geprägt. Er hat ein gewaltiges Schrifttum hinterlassen (Schmidt 2008). Die bundesdeutsche Politikwissenschaft hat er in den 1970er modernisiert, wie kein anderer. Er war ein „Trailblazer“. Er hat die Bahn frei gemacht, auf der sich die antiquierte Regierungslehre der Gründergeneration zur modernen „Comparative Politics“ fortentwickeln konnte. Damit wurde die deutsche Politikwissenschaft anschlussfähig für die internationale Debatte. Beispielhaft dafür sind nicht zuletzt seine beiden Bücher „Economics and Politics in Socialist Systems. A Comparative and Developmental Approach“ (1982a) und „Political Parties in Western Europe” (1985), beides englischsprachige Editionen der deutschen Ursprungsausgaben, die schon „zuhause“ Furore gemacht hatten.

Eine eigene überdauernde Theorie hat Klaus von Beyme nicht hinterlassen, auch keine Schule. Daraufhin war sein Werk nicht ausgelegt und er wusste es. Und trotzdem war er nach 1949 einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler*innen in Deutschland.

Requiescat in pace.

 

Literatur

*Ich danke Andreas Busch, Isabelle-Christine Panreck und Manfred Schmidt für ihre hilfreichen Kommentare.

  • Berlin, Isaiah 1953: The Hedgehog and the Fox, London.
  • Beyme, Klaus von 1966: Möglichkeiten und Grenzen der vergleichenden Regierungslehre, in: PVS (7): 63–96.
  • Ders. 1970: Die parlamentarischen Regierungssysteme in Europa, München.
  • Ders. 1972: Die politischen Theorien der Gegenwart, München.
  • Ders. 1975: Ökonomie und Politik im Sozialismus. Ein Vergleich der Entwicklung in den sozialistischen Ländern, München.
  • Ders. 1982a: Economics and Politics in Socialist Systems. A Comparative and Developmental Approach, New York.
  • Ders. 1982b: Parteien in westlichen Demokratien, München.
  • Ders. 1985: Political Parties in Western Europe, Aldershot.
  • Ders. 1996: Political Theory: Empirical Political Theory, in: Goodin, Robert E./Klingemann, Hans-Dieter (Hrsg.) New Handbook of Political Science, Oxford: 519-530.
  • Ders. 1997: Der Gesetzgeber. Der Bundestag als Entscheidungszentrum, Opladen.
  • Ders 1991: Theorie der Politik im 20. Jahrhundert. Von der Moderne zur Postmoderne, Frankfurt.
  • Ders. 1999: Die parlamentarische Demokratie. Entstehung und Funktionsweise 1789-1999, Opladen.
  • Ders. 2001: Politische Theorien in Russland 1789-1945, Wiesbaden.
  • Ders. 2008: Die Faszination des Exotischen. Exotismus, Rassismus und Sexismus in der europäischen Kunst, München.
  • Ders. 2009: Geschichte der politischen Theorien in Deutschland 1300-2000, Wiesbaden.
  • Ders. 2016a: Bruchstücke der Erinnerungen eines Sozialwissenschaftlers, Wiesbaden.
  • Ders. 2016b: Die Russland-Kontroverse. Eine Analyse des Konflikts zwischen Russland-Verstehern und Russland-Kritikern, Wiesbaden.
  • Busch, Andreas/Merkel, Wolfgang 1999: Einleitung, in: Merkel, Wolfgang/Busch, Andreas (Hrsg.) Demokratie in Ost und West, Frankfurt: 9-35.
  • Hall, Peter/Taylor, Rosemary C. R. 1996: Political Science and the Three New Institutionalisms. In: Political Studies. 44, 5: 3–32.
  • Honolka, Harro 1986: Reputation, Desintegration, theoretische Umorientierungen. Zu einigen empirisch vernachlässigten Aspekten der Lage der Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, in: Beyme, Klaus von (Hrsg.): Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen: 41–61 (Sonderheft 16 der PVS).
  • Kailitz, Steffen 2007: Klaus von Beyme, Die parlamentarischen Regierungssysteme in Europa, München 1970, in: ders.: Schlüsselwerke der Politikwissenschaft, Wiesbaden: 46–49.
  • Klingemann, Hans-Dieter/Falter, Jürgen W. 1998: Die deutsche Politikwissenschaft im Urteil der Fachverteter, in: Greven, Michael (Hrsg.): Demokratie – eine Kultur des Westens? Opladen: 305–341.
  • Panreck, Isabelle-Christine 2021: Klaus von Beyme. Eine Werkbiographie, Wiesbaden.
  • Schmidt, Manfred G. 2008: Laudatio auf Klaus von Beyme anlässlich der Verleihung des Schader-Preises an Klaus von Beyme, Darmstadt Ms.