Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
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Nachruf auf Helga Haftendorn

Helga Haftendorn, eine der prägendsten Vertreterinnen der Internationalen Beziehungen in Deutschland, ist am 6. November 2023 kurz nach Vollendung ihres 90. Lebensjahres verstorben. Sie hatte ein nicht einfaches, aber sehr erfülltes Leben, das vor allem durch ihre enorme Energie, Tatkraft und ihr Durchsetzungsvermögen gekennzeichnet war. Sie wurde in die politischen Katastrophen des 3. Reiches und des 2. Weltkrieges hineingeboren und wuchs unter schwierigen Bedingungen auf. Eine persönliche Lehre aus den damals sehr beengten Wohnverhältnissen ihrer Familie war, dass vor allem Ordnung gehalten werden muss, damit Zusammenleben konfliktfrei möglich wird. An dieser Ordnungsliebe hielt sie auch dann noch fest, als sich die Umstände ihres Lebens und Wohnens vollkommen geändert hatten.

Die junge Studentin der Politikwissenschaft, Geschichte, Geographie und Philosophie beabsichtigte ursprünglich Journalistin zu werden, absolvierte dann aber das Staatsexamen für das Lehramt mit Auszeichnung. Anschließend verfolgte sie ihre wissenschaftlichen Ambitionen weiter und promovierte in Frankfurt am Main bei dem Sozialdemokraten Carlo Schmid, einem der Väter des Grundgesetzes. Sie entwickelte eine Affinität zur Sozialdemokratie, obwohl sie zunächst als wissenschaftliche Hilfskraft und später Redakteurin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und deren Zeitschrift Europa-Archiv eher in einem konservativen Umfeld arbeitete und sich erste Meriten verdiente. In dieser Funktion scheute sie nicht, sich, wenn geboten, mit ‚großen Namen‘ anzulegen, wenn sie deren Manuskripte für das Europa Archiv akribisch editierte. Sie bestand auf einer präzisen und grammatikalisch korrekten Sprache. Nicht jedem Gelehrten jener Zeit gefiel es, sich von einer jungen, ambitionierten und unbeirrbaren Frau belehren lassen zu müssen.

Helga Haftendorn entwickelte sich in diesem Umfeld zur Expertin für deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, musste sich aber in dieser von Männern dominierten Welt auch fragen lassen, was „das Fräulein da“ eigentlich wolle, wie Constanze Stelzenmüller (2005) berichtete. Sie lernte, Widerstände zu ignorieren und meist mit viel taktischer Finesse zu überwinden. Ihre große Sachkenntnis der Materie und ihre akademischen Qualifikationen verschafften ihr 1973 den Ruf an die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. 1978 wurde sie (wenn auch nicht vom ersten Listenplatz) an das Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität berufen. Nicht die erste Wahl gewesen zu sein, steigerte nur ihre Ambition, sich auf der Professur für „Theorie, Empirie und Geschichte der auswärtigen und internationalen Politik“ besonders zu bewähren. Die enormen Erfolge blieben nicht aus. Sie warb zahlreiche Drittmittelprojekte für Forschungs- und Ausbildungszwecke (Doktorand*innen-Programme) ein. Erfolgreiche Bleibeverhandlungen an der Freien Universität ermöglichten ihr 1986 die Gründung der ‚Arbeitsstelle Transatlantische Außen- und Sicherheitspolitik.‘ Haftendorn wurde 2001 emeritiert, widmete sich danach aber dennoch neuen Forschungsfeldern, insbesondere internationalen Wasser-Konflikten und den geo- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen der sicherheitspolitischen Kooperation in der Arktis. Noch im hohen Alter scheute sie nicht die Strapazen, selbst in diese unwirtliche Gegend zu reisen und Grönland und Spitzbergen zu besuchen. Ihre lebenslange Willenskraft war bis zum Ende ungebrochen.

Expertin für Außen- und Sicherheitspolitik

Geduldige Beharrlichkeit und zielstrebiges Denken und Handeln vor dem Hintergrund situativ und institutionell bestehender Zwänge waren Charaktereigenschaften, die Helga Haftendorn auch in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik als zentrale Merkmale erkannte und in ihren Analysen herausarbeitete. Der ehemalige ‚Schurkenstaat‘ Deutschland musste als Bundesrepublik zunächst das Vertrauen anderer, insbesondere der Besatzungsmächte, zurückgewinnen, bevor er vom Objekt zum Subjekt internationaler Beziehungen werden konnte. In geradezu dialektischer Beschreibung der deutschen Außenpolitikstrategie zeigte Haftendorn, wie Souveränitätsverzicht zu Souveränitätsgewinn führte. Dabei setzte sie Arnulf Barings „Im Anfang war Adenauer“ ihr triftigeres „Im Anfang waren die Alliierten“ (1993) entgegen. Es galt, die deutschen Handlungsspielräume in der Außen- und Sicherheitspolitik genau zu kennen und zu nutzen. Haftendorn verstand, dass überzogene Forderungen oder gar Maximalpositionen kontraproduktiv waren. Sie waren nicht nur unerfüllbar, sondern untergruben das Vertrauen der Westmächte. Dennoch waren für sie Selbstbeschränkung und eine „Kultur der Zurückhaltung“ kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Rückgewinnung gleichberechtigter Mitspracherechte in den internationalen Beziehungen.

Sie selbst zog zwei Lebensweisheiten aus dieser wissenschaftlichen Erkenntnis: Man muss ganz genau wissen, was man will und es ist schädlich, sich für Unerreichbares zu verkämpfen. Allerdings waren weder die deutsche Außenpolitik noch Helga Haftendorn bereit, von anderen gesetzte Handlungsspielräume schicksalshaft zu akzeptieren. Es galt vielmehr, diese Spielräume mit Geduld und durch das ‚Bohren dicker Bretter‘ stetig auszuweiten, was sie dazu führte, im Zuge der Debatte um den NATO-Doppelbeschluss, der Bundesrepublik eine Rolle als „vierter Alliierter“ zuzuschreiben. Deutsche Außenpolitik war meist dann erfolgreich, wenn die politische Exekutive auf eine gut organisierte und beharrlich arbeitende öffentliche Verwaltung zurückgreifen konnte, die sich bei der Willensbildung und Entscheidungsfindung geschickt und stetig gegenüber gesellschaftlichen Interessengruppen, den Parteien oder dem Parlament behaupten konnte, wie Haftendorn mit Kollegen im Band „Verwaltete Außenpolitik“ (1978) herausarbeitete. Durch strategische Vertrauensbildung im Wege der Kooperation, durch verlässliches Einhalten von Versprechen und bei schwierigen Sachverhalten engste und transparente Diplomatie wechselseitiger Abstimmung erwarb sich die deutsche Außenpolitik eine stabile Reputation und Vertrauenswürdigkeit. Auch in diesem Punkt stimmte die deutsche Außenpolitik mit dem Charakterzug von Helga Haftendorn überein. Deutschland krönte dieses politische Bemühen mit der Wiedervereinigung, Haftendorn ihre akademische Arbeit mit einer für Frauen ihrer Generation ganz außergewöhnlichen wissenschaftlichen Karriere.

Transatlantikerin

Helga Haftendorn war immer Vorreiterin, stets bereit neue Programme und wissenschaftliche Ansätze auszuprobieren. So nutzte sie zu Anfang ihrer wissenschaftlichen Ausbildung die Möglichkeiten des damals relativ neuen Fulbright Austauschprogramms, um ein Studienjahr an der University of Arkansas zu verbringen. Dort entdeckte sie ihre Bewunderung für die amerikanische Lebensart, Offenheit, Spontanität und den unendlich scheinenden Optimismus, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man nur den höchstmöglichen Einsatz zeigt. Diese Erfahrung legte einen Grundstein für die ungeheure Energie und Tatkraft, die ihr Handeln lebenslang kennzeichnete.

Bei ihren zahllosen Amerikaaufenthalten, einschließlich eines Jahres Gastprofessur an der Georgetown University, Washington (DC), konnten ihre Doktoranden und Doktorandinnen sie von einer Seite kennenlernen, die sie sonst eher verbarg. Sie trat dort meist unbeschwerter, humorvoller, entspannter und lebensfroher auf als in heimischen Gefilden. Der im deutschen Universitätsalltag häufig strenge Gesichtsausdruck wich einem freudigen, ab und an verschämten Lächeln. Sie nutze ihre Besuche in den USA zur Regeneration ihrer Kräfte und sammelte neue Ideen und Anstöße für ihre Arbeit in Deutschland. Zu diesem Zweck pflegte sie kontinuierlich und gewissenhaft vielfältige politisch und wissenschaftlich breit gefächerte Kontakte über den Atlantik hinweg. In den USA wurde sie von Freunden und Kollegen als stets kooperationsbereiter, wenn auch zuweilen kritischer Geist und als unverbrüchliche Transatlantikerin geschätzt und verehrt. Sie wirkte als immer hilfsbereite Anlaufstelle für beide Seiten, die auch in schwierigen Zeiten politischer Konflikte immer für Verständigung eintrat und warb. Unter anderem deshalb wurde sie 1989 zur Präsidentin des International Studies Association gewählt – eine Ehre, die bis dato nur ganz wenigen Nicht-Amerikanern und die ihr bis heute als einziger Vertreterin der deutschen IB zuteilwurde.

Das deutsch-amerikanische Verhältnis der 1960er und 1970er Jahre prägte Helga Haftendorns politisches und wissenschaftliches Denken am Nachdrücklichsten. Die unübersehbaren transatlantischen Spannungen um die Sicherheits- und Verteidigungspolitik der NATO – in der Literatur als „Krisen transatlantischer Beziehungen“ bezeichnet - , die Sicherheitsgarantie für den Frontstaat Bundesrepublik, die im Zuge des Vietnam-Krieges notwendige Verringerung der Konflikte zwischen den beiden Supermächten oder der wachsende Zweifel am Festhalten der USA an der in den 1950er getroffenen Vereinbarungen in der Deutschlandpolitik waren durchaus geeignet, Haftendorns persönliches Amerikabild als befreundete Nation grundlegend zu erschüttern. Kein Wunder, dass sie diese Konflikte seit ihrer Habilitationsschrift (1974) beschäftigten. Wie es gelingen kann, mit Optimismus, Ideenfreudigkeit, Kooperationsbereitschaft, Geduld und Beharrlichkeit sowie vor allem Kompromissfähigkeit Konflikte zu überbrücken blieb ein Lebensthema: „Sicherheit und Entspannung“ markierten nicht nur den Spagat des Harmel-Berichts (1967), sondern auch den Titel einer Geschichte deutscher Außen- und Sicherheitspolitik bis in die frühen 1980er Jahre (1983). Politische Konsensbildung in der NATO und vor allem auch zwischen Deutschland und den USA entstand durch die Einigung auf eine Formel, die für manche einen Widerspruch, für Haftendorn aber die höchste Kunst der Diplomatie markierte. Konstruktive Ambivalenz statt „Vereindeutigung“ (Thomas Bauer) vermag internationale Konflikte zu lösen oder doch einzuhegen - das war die herausragende Lehre, die Haftendorn aus ihrer Analyse zog. Dass vor diesem Hintergrund ein ‚sowohl-als-auch‘ einem vermeintlich ‚klaren‘ ‚entweder-oder‘ vorzuziehen war, kam im Seminarraum genauso deutlich zum Ausdruck wie in Haftendorns Beiträgen in öffentlichen Diskussionen.

Der für ihr akademisches Hauptwerk formative Zeitraum der 1970er bis hinein in die späten 1980er Jahre ließ Helga Haftendorn auch später nicht los. Als die Aktenbestände der beteiligten Staaten öffentlich zugänglich wurden, kam sie daher auf diese Fragen zurück. Ihre Reputation als zeithistorisch kenntnisreiche Politikwissenschaftler legte nahe, sie als Mitherausgeberin der Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik zu gewinnen. Sie selbst nutzte diese Gelegenheit, tagelang im Archiv des Auswärtigen Amtes nach Schlüsseldokumenten zu fahnden, statt darauf zu warten, dass die Mitarbeiter sie ausgruben. Das Ergebnis war ihr Buch über die Krise zwischen den NATO Mitgliedern 1966/67 (1994). In vier Fallstudien zeigte sie, wie es gelang, mit Hilfe ambivalenter Formelkompromisse, einem hohen Maß an Anpassungs- und Kompromissfähigkeit sowie institutionellen Innovationen den Zusammenhalt der NATO zu bewahren und zu stärken. Die Lösung bestand in der Neuerung der ‚politisch-institutionellen Software‘, weil die früheren Versuche, die Krise mit (militärischer) Hardware wie gemeinsamen Nuklearstreitkräften zu lösen, misslungen waren. Diese Einsicht bestätigte Haftendorn darüber hinaus mit ihrer Analyse der streng geheimen Verhandlungen zwischen den drei Westmächten und der Bundesrepublik in der sogenannten Quad, der mehr oder weniger informellen und geheimen Zusammenarbeit der drei Westalliierten und Deutschlands in Bezug auf Fragen „Deutschland als Ganzes betreffend“. Hier wurden über mehr als drei Jahrzehnte die deutschlandpolitischen Konflikte überbrückt, wenn nicht ausgeräumt. Im Kontext der NATO wurde ein Militärstab eingerichtet, der die Planungen zur Verteidigung Berlins ausarbeitete, die Live Oak hießen. Die Bundesrepublik erhielt auf diese Weise nicht nur Einblick, sondern eine ganz wesentliche Rückversicherung, dass die Westmächte ihr Beistandsversprechen militärisch unterfüttert hatten (2004). Haftendorn schloss daraus, dass internationale Institutionen unerlässlich waren, um internationale Kooperation zu festigen und zu verstetigen.

Diese Einsicht war die Grundlage für ihre Skepsis gegenüber der realistischen Allianztheorie und ihrer Hinwendung zur Institutionentheorie von Robert Keohane. Dessen durch die Politische Ökonomie inspirierte Theorie internationaler Kooperation wandten beide in einem gemeinsamen Projekt auf das Feld internationaler Sicherheit an und veröffentlichten die Ergebnisse im Buch über „Security Institutions“ (1999), das Haftendorn mit ihrem Preisgeld für Internationale Kooperation der Max-Plank-Gesellschaft mitfinanzierte. Damit gelang ihnen der Nachweis, dass internationale Kooperation nicht primär politikfeldspezifisch angelegt oder lediglich in Feldern der soft politics aussichtsreich war, sondern auch für Felder der hard politics möglich und geboten ist.

Die Notwendigkeit von ‚sowohl-als auch‘-Kompromissen war gleichfalls Haftendorns Patentlösung, wenn sich Mitarbeiter mit konkurrierenden Vorschlägen an sie wandten, wie ein Problem an der Universität oder an der Arbeitsstelle gelöst werden sollte. Der NATO-Doppelbeschluss war in gewisser Weise der Gipfel des „sowohl-als auch“ (1985). Sie wies in ihrer Analyse akribisch nach, dass Helmut Schmidt in seiner berühmten Rede vor dem International Institut for Strategic Studies (IISS) und bei jeder Gelegenheit danach immer auf der Gleichwertigkeit von Rüstung und Rüstungskontrolle bestanden hatte. Sie bewunderte die intellektuelle Brillanz, Disziplin und Standfestigkeit des hanseatischen Bundeskanzlers, dessen Vorstellungen von internationalen Beziehungen sie uneingeschränkt teilte. In vieler Hinsicht prägten hanseatische Tugenden auch die Wertvorstellungen von Haftendorn. Als die SPD die Zweideutigkeit des Doppelbeschlusses zugunsten von einseitiger Rüstungskontrolle aufgab, wandte sie sich von der Sozialdemokratie ab.

Aus dem gleichen Grund reagierte sie irritiert auf den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, der ein sehr einfaches Weltbild pflegte, in dem alle – Staaten und Individuen – schlicht in ‚gut‘ und ‚böse‘, Freund und Feind eingeteilt wurden. Sie hielt die damals versuchte „Rekonstruktion amerikanischer Stärke“ (1988) für einen großen Fehler. Vierzig Jahre später bewertete sie Präsident Trumps Versuche in die gleiche Richtung – „America first!“ – gleichermaßen kritisch-ablehnend. Nur widerstrebend näherte sie sich den Argumenten ihrer an dem Forschungsprojekt zur Außenpolitik der Reagen-Administration arbeitenden Doktoranden, dass es sich dabei um ein ganz überwiegend innenpolitisch getriebenes Programm für die amerikanische Außenpolitik handle. Kluge Staatsmänner und die „verwaltete Außenpolitik“ waren an ihre Grenzen gestoßen, nicht nur, wenn es um den Ost-West-Konflikt, sondern auch um interwestliche Kompromissfindung ging. Die Gestaltung der amerikanischen Außenpolitik war den zuständigen Verwaltungen, den Eliten und dem Ostküstenestablishment teilweise entrissen worden. Deshalb sorgte sich Helga Haftendorn wegen der zunehmenden Lagerbildung und Polarisierung in der amerikanischen Gesellschaft, die unter anderem unter Präsident George W. Bush noch an außenpolitischer und internationaler Brisanz gewann, wie sich im Irak-Krieg zeigte (2001-3).

Helga Haftendorn machte sich zurecht Sorgen um die Internationale Stabilität und die europäische Friedensordnung. Ausgerechnet der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow führte die internationalen Beziehungen auf den Pfad der zwischenstaatlichen Diplomatie zurück und vereinbarte mit der Reagan-Administration bahnbrechende Rüstungskontrollabkommen, denen Helga Haftendorn große Bedeutung beimaß. Sie zeigte in ihren Arbeiten dieser Zeit, wie die Bundesrepublik die Gunst der Stunde nutze, um im Zusammenspiel mit den westlichen Verbündeten die Wiedervereinigung zu realisieren, die Reste des deutschen Souveränitätsverzichts abzuschütteln und sich auf den Weg zu einer kooperativen europäischen Friedensordnung mit stark verringerten Streitkräften zu machen. Bei ihrer Emeritierung an der Freien Universität 2001 war ihr zentrales politisches Ziel erreicht: Stabilität und Frieden prägten die internationalen Beziehungen, vor allem in Europa. Sie schloss ihr Hauptwerk mit der Publikation des Buches „Deutsche Außenpolitik zwischen Selbstbeschränkung und Selbstbehauptung“ (2001) ab. Helga Haftendorn hatte den deutschen Weg dorthin umfassend und fundiert untersucht sowie treffend beschrieben.

Theorie Internationaler Beziehungen

Helga Haftendorn verfügte über ein exzellentes Gedächtnis und umfassendes Detailwissen der zeitgeschichtlichen Dimension und Empirie deutscher Außenpolitik. Aber dabei beließ sie es nicht. Theorien internationaler Beziehungen und vor allem zu außenpolitischen Entscheidungen – wie sie sie im Band „Verwaltete Außenpolitik“ (1978) mit Kollegen eingehend untersucht hatte - waren ihr nicht minder wichtig. Sie nutzte Theorien vor allem als methodische Anleitungen und Hilfestellung beim Durchforsten unübersichtlicher und komplexer Empirie und Zeitgeschichte, um Neues zu finden und Bedeutsames von Unbedeutendem trennen zu können. Im Zentrum ihres Interesses standen nicht mehr oder weniger dogmatische Erklärungen durch konkurrierende Theorien, sondern eher deren Ordnungs- und Systematisierungsfunktion in einer Landschaft des Theorie-Pluralismus.

Der von Haftendorn herausgegebene Band über Theorien internationaler Politik (1975) war die wichtigste deutschsprachige Veröffentlichung zu diesem Thema in dieser Zeit. Die Aufsätze sind teils Übersetzungen amerikanischer Originaltexte, teils Übersichten über Forschungsstände zu Bereichen Internationaler Beziehungen und teils normative Vorstellungen von internationalem Frieden und kooperativer Weltpolitik. Gerade bei den normativen Betrachtungen wurden amerikanische mit deutschen Vorstellungen synthetisch verbunden.

Haftendorns eigenes Interesse galt jedoch vor allem den Theorien zur Erklärung außenpolitischer Entscheidungen, weil sie sich damit empirisch besonders intensiv beschäftigte. In der „Verwalteten Außenpolitik“ (1978) übertrug sie das bureaucratic politics Modell von Graham Allison in vergleichenden Fallstudien auf den deutschen Sprachraum und politischen Kontext der Bundesrepublik. Außenpolitik, so zeigte Haftendorn, war hier maßgeblich das Ergebnis von Verwaltungshandeln in Exekutiven und nicht allein und nicht immer zuerst Entscheidungen demokratisch gewählter Entscheidungsträger. Hier lag eine wichtige Erklärung dafür, dass Regierungswechsel in der Bundesrepublik kaum zu Veränderungen in der deutschen Außenpolitik führten. Verwaltungen nicht Parlamente setzten Prioritäten, wählten unter verschiedenen Optionen aus und bestimmten die Richtung der deutschen Außenpolitik. Haftendorns Durchsetzungsvermögen in zahlreichen universitären und außeruniversitären Gremien gehen maßgeblich darauf zurück, dass sie diese gewonnenen Einsichten aus der theoretisch angeleiteten Entscheidungsforschung verinnerlicht hatte und als Alltagswissen praktizierte.

Die Interdependenztheorie und der neoliberale Institutionalismus waren der zweite Theoriezweig, den Haftendorn besonders intensiv nutzte. Damit befreite sie die sicherheitspolitische Forschung aus dem engen Korsett realistischer und neo-realistischer Annahmen. Institutionen (Normen und Regeln) und internationale Kooperationen erschienen ihr dabei als politisch absichtsvoll genutzte Beschränkungen außenpolitischer Handlungsspielraume insbesondere für Deutschland. Allerdings erkannte Haftendorn früh, wie Institutionen erfinderisch genutzt werden konnten, um Partnerstaaten an die Verfolgung außenpolitischer Ziele der Bundesrepublik zu binden und ursprüngliche Beschränkungen später in neue Handlungsmöglichkeiten umzumünzen. Institutionen und Interdependenzen wirken vertrauensbildend und kooperationsfördernd, so dass gemeinsam bessere Ergebnisse für alle beteiligten Staaten erzielt werden können. Für diesen von Wirtschaftswissenschaftlern theoretisch formulierten Zusammenhang findet man zahlreiche Nachweise und Beispiele in Haftendorns empirischen Untersuchungen.

Akademische Lehrerin

Keine Aufgabe bereitete Helga Haftendorn mehr Freude als die Erfüllung ihrer Lehrverpflichtung sowie die Betreuung von Abschlussarbeiten und Dissertationen. Sie organisierte ihre Lehrveranstaltungen äußerst gewissenhaft – und angelehnt an ihre eigenen Forschungsarbeiten – als ‚forschende Lehre‘. Studierende schätzten sehr, dass sie präzise Vorgaben formulierte und auf Klarheit von Aussagen achtete. Diskussionen im Seminar entwickelten sich nicht ziellos, sondern strukturiert und ergebnisorientiert. Das zog vor allem ambitionierte und leistungsbereite Studierende an, die eine aussagenkräftige und differenzierte Notengebung der Gleichmacherei mittels guter Noten für alle vorzogen.

Ihrem spezifischen Ansatz der ‚forschenden Lehre‘ entsprechend, richtete Haftendorn ab Mitte der 1980 Jahre an ihrer Arbeitsstelle ein ‚Forschungsseminar‘ ein, das späteren Graduiertenkollegs und -programmen sehr nahekam. Hier trafen sich handverlesene Abschlusskandidat*innen. Die Liste der Teilnehmer*innen durfte eine Din-A4 Seite nicht überschreiten. Wer keine hinreichenden Fortschritte Richtung Abschluss erzielte, lief Gefahr, ausgemustert zu werden.

Helga Haftendorns drittmittelfinanzierte Ausbildungsprogramme zogen magnetisch Doktorand*innen aus der ganzen Bundesrepublik an. Kaum jemand promovierte so viele wie sie. Dennoch galt Klasse statt Masse. Ein Kollege fragte sie einmal, wie man derart viele Kandidat*innen betreuen könne. Ein anderer Kollege beschwerte sich, dass Haftendorn die Begabtesten nach Berlin lockte. Sie ging über Frage und Beschwerde mit dem ihr eigenen verschmitzten Lächeln hinweg und betrachtete beides als Kompliment.

Es entsprach Haftendorns Fürsorge für den wissenschaftlichen Nachwuchs, dass Doktorand*innen Stipendien erhielten. Zu diesem Zweck warb sie gezielt Drittmittel bevorzugt von privaten Stiftungen wie Ford, MacArthur, Volkswagen oder Fritz Thyssen aber auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein. Zusätzlich nutzte sie ihre Kontakte in die USA, um Doktoranden dort Auslandsaufenthalte zu Forschungszwecken und vor allem auch zum Führen von Hintergrundgesprächen und Interviews zu ermöglichen. Diese Pflege der transatlantischen Beziehungen blieb indessen keine Einbahnstraße, sondern Haftendorn baute parallel mit Kolleg*innen das „Berlin Program for Advanced German and European Studies“ auf, um amerikanischen Studenten Forschungsaufenthalte in Deutschland zu ermöglichen.

Umgekehrt mussten Abschlusskandidaten und Doktoranden die hohen Erwartungen erfüllen, die Helga Haftendorn an sie richtete. Legendär war ihr stets gespitzter Bleistift, mit dem sie Kapitelentwürfe penibelst korrigierte. Ihre Randnotizen wie „unklar“, „bla bla bla“ oder einfach Fragezeichen flößten manchem Betroffenen Furcht und Schrecken ein. Ihre nicht selten kritischen Kommentare und Verbesserungswünsche konnten auch in einem „viel Erfolg!“ gipfeln, das ihre Zweifel unzweideutig signalisierte. Der spitze Bleistift traf auch ihre Mitarbeiter*innen, die auf kleinen handschriftlichen Zettelchen klar formulierte, aber schwierig zu entziffernde Anweisungen und Ermahnungen erhielten. Wer im Anschluss Haftendorn unvorsichtigerweise auf dem Flur traf, erhielt die gleiche Botschaft nochmals nachdrücklich verbal vorgetragen. Die Legende ist, dass einige Mitarbeiter*innen deshalb lange vor der Covid-Infektion das Home Office erfanden.

Schließlich war Haftendorn ausgesprochen erfolgreich darin, eine erhebliche Zahl von Absolventen zu habilitieren, die anschließend Professuren im In- und Ausland erhielten. Nachdem die Habilitation gegen den Wunsch von Haftendorn nicht mehr zwingende Voraussetzung für eine Berufung gemacht wurde, schlugen auch zahlreiche frühere Doktorand*innen den Karriereweg des Professors ein. Ohne Zweifel hinterließ Helga Haftendorn dadurch deutliche, nachwirkende Spuren in der deutschen Politikwissenschaft im Feld Internationale Beziehungen – auch über Deutschland hinaus.

Das OSI war zu Haftendorns Zeiten das größte politikwissenschaftliche Institut der Bundesrepublik. Aber es war kein einfaches Umfeld, um zu forschen und zu lehren. Vielmehr war es ideologisch tief gespalten. Das Regelwerk der Gremien ermöglichte jeder Seite, die andere bei allen Entscheidungen zu überwachen und gelegentlich zu blockieren. In diesem schwierigen Umfeld erwies sich Helga Haftendorns Durchsetzungsvermögen als einzigartig. „Von Helga Haftendorn lernen heißt siegen lernen,“ kommentierte einer ihrer Widersacher am OSI teils bewundernd, teils resignierend.

Darüber hinaus nutzte sie mit viel List und taktischem Geschick die erwähnten Lektionen aus ihrer Forschung, um sich in den Entscheidungsgremien Gehör zu verschaffen und gegen erhebliche Widerstände durchzusetzen. Auch gegenüber einer zeitweise teils überforderten, teils trägen Universitätsverwaltung erwies sie sich als überlegene Administratorin, die bevorzugt behandelt werden musste.

Eine wesentliche Voraussetzung für dieses Durchsetzungsvermögen waren ihre Leistungsbereitschaft sowie ihre nationalen und internationalen Erfolge bei Berufungen, die sie in Bleibeverhandlungen und bei der Einrichtung ihrer „Arbeitsstelle für Transatlantische Außen- und Sicherheitspolitik“ nutzen konnte. Dadurch entstand eine Art geschützter Raum, in dem sie frei ohne Einmischung von Gremien ihre Forschungs- und Ausbildungsarbeit gestalten konnte.

Schließlich meisterte Helga Haftendorn die Kunst der Antragstellung, um eine Vielzahl von Drittmitteln einzuwerben. Gleichzeitig erarbeitete sie sich mit ihrer Disziplin und Leistungsbereitschaft die Reputation bei Stiftungen, Versprechen aus Anträgen innerhalb des gesteckten Zeitrahmens zu erfüllen und bei Projektabschluss Ergebnisse zu liefern. Auch deshalb wurde sie häufig mit der Begutachtung anderer Anträge beauftragt.

Helga Haftendorn verband wie niemand sonst ihre Person mit ihrer Forschung und ihrem Wirken im akademischen Betrieb. Sie bleibt in Erinnerung als eine in Forschung und Lehre gleichermaßen engagierte Professorin, die die Lektionen aus ihren politikwissenschaftlichen Untersuchungen auch persönlich sehr ernst nahm und systematisch bei allen ihren Aufgaben einsetzte und kreativ nutzte. Sie betrieb Forschung und Lehre mittels institutionalisierter Prozesse, die sie systematisch und einfallsreich zu nutzen verstand. Ihre Person und Erfolge bleiben denen, die das Privileg genossen hatten, mit ihr zusammenzuarbeiten, als außergewöhnlich und vorbildlich in Erinnerung. Mit der „Stiftung Deutsch-Amerikanische Wissenschaftsbeziehungen“ hat die Stifterin Helga Haftendorn ein bleibendes Vermächtnis hinterlassen, das ganz in ihrem Sinne weiterwirkt und die Erinnerung an sie wachhalten wird.

Christopher Daase, Gunther Hellmann, Ingo Peters, Christian Tuschhoff

 

Literatur

Haftendorn, Helga, 1974: Abrüstungs- und Entspannungspolitik zwischen Sicherheitsbefriedigung und Friedenssicherung. Zur Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1955-1973. Düsseldorf: Bertelsmann Universitätsverlag.

Haftendorn, Helga; Hoyng, Hans; Krause, Joachim (Hrsg.) 1975: Theorie der Internationalen Politik. Gegenstand und Methode der Internationalen Beziehungen. Ein Reader. Hamburg: Hoffmann & Campe Verlag.

Haftendorn, Helga; Krause, Joachim; Wilker, Lothar (Hrsg.) 1978: Verwaltete Außenpolitik. Sicherheits- und entspannungspolitische Entscheidungsprozesse in Bonn. Köln: Wissenschaft und Politik.

Haftendorn, Helga, 1983: Sicherheit und Entspannung. Zur Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1955-1982. Baden-Baden: Nomos Verlag.

Haftendorn, Helga 1985: Das doppelte Mißverständnis. Zur Vorgeschichte des NATO-Doppelbeschlusses, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 35. Jg., H. 2, S. 244-287.

Haftendorn, Helga; Schissler, Jakob (Hrsg.) 1988. Rekonstruktion amerikanischer Stärke. Sicherheits- und Rüstungskontrollpolitik während der Reagan-Administration. Berlin, New York: De Gruyter.

Haftendorn, Helga 1993: Im Anfang waren die Alliierten. Die alliierten Vorbehaltsrechte als Rahmenbedingung des außenpolitischen Handelns der Bundesrepublik Deutschland, in: Hans-Hermann Hartwich und Göttrik Wewer (Hrsg.), Regieren in der Bundesrepublik V: Zwischen nationaler Souveränität und deutscher Vereinigung, europäischer Integration und weltweiten Verflechtungen, Opladen: Leske und Budrich, S. 41-92.

Haftendorn, Helga 1994: Kernwaffen und die Glaubwürdigkeit der Allianz. Die NATO-Krise von 1966/67 und ihre Bewältigung, Baden-Baden: Nomos.

Haftendorn, Helga; Keohane, Robert O.; Wallander, Celeste A. (Hrsg.) 1999: Imperfect Unions: Security Institutions over Time and Space, Oxford: Oxford University Press.

Haftendorn, Helga 2001: Deutsche Außenpolitik zwischen Selbstbeschränkung und Selbstbehauptung, 1945-2000, Stuttgart-München: DVA.

Haftendorn, Helga 2004: Sicherheitspolitik im strategischen Dreieck „Berlin – Paris –Washington“, in: Politische Vierteljahresschrift, 45. Jg., H. 1, S. 1-8.

Haftendorn, Helga, 2012: Der Traum vom Ressourcenreichtum der Arktis. In: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik, Band 5, Heft 3, S. 445-461.

Stelzenmüller, Constanze, 2005: „Was sucht denn das Fräulein da?“ Frauen sind rar in der deutschen Sicherheitspolitik. Das ändert sich gerade, in: Die Zeit, Nr. 18 vom 28.04.2005.