Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 30.06.2018

Call for Papers: Figurationen der Wohnungsnot

Call for Papers: Konferenz am 29. und 30. September 2018 an der TH Nürnberg


Figurationen der Wohnungsnot

Kontinuität und Wandel sozialer Praktiken, Sinnzusammenhänge und Strukturen


Menschen ohne eigene Wohnung leben in einer biografisch prekären Lebenssituation, die mit einem Mangel an ökonomischen, kulturellen und sozialen Ressourcen einhergeht. Aus der Perspektive der bürgerlichen, kapitalistischen (Leistungs-)Gesellschaft erscheint das Leben ohne eigene Wohnung als nicht-konformes, abweichendes Verhalten. Robert K. Merton erklärte dieses Verhalten mit dem sozialen Tatbestand, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen die kulturell definierten Ansprüche und Ziele nicht weiterverfolgen können, da ihnen die sozial strukturierten Wege und Mittel zur Realisierung dieser Ansprüche verwehrt werden. Diejenigen, die sowohl die gesellschaftlich akzeptierten Ziele als auch die legalen Mittel zur Zielerreichung ablehnen, reagieren mit einem Rückzug aus der bürgerlichen Gesellschaft. Mit dem Verfolgen dieser Handlungsstrategie geht ein Bedeutungsverlust von allgemein anerkannten Werten und Normen einher und führt zu einem Leben am Rande der Gesellschaft. Wissenschaftliche Forschung fokussierte sich daher häufig auf die Wege in die und aus der Wohnungslosigkeit, um nachzu-vollziehen, wie präventiv ein ‚Herausfallen‘ aus bürgerlichen Verhältnissen verhindert werden kann bzw. wie die als anomisch wahrgenommenen Verhältnisse in bürgerlich konforme (Wohn-) Verhältnisse überführt werden können. Trotz des Ausbaus von vielfältigen institutionellen und informell-ehrenamtlichen Unterstützungsstrukturen und dem verbrieften Recht auf Wohnen als international anerkanntes Menschenrecht verschärft sich derzeit das soziale Problem der Wohnungsnot.


Mit dem Fokus auf Mechanismen zur Integration von Menschen ohne eigene Wohnung in die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft wird ein Othering (Johannes Fabian) der Wohnungslosen vollzogen, die als abweichende und passive ‚Objekte‘ wohlfahrtsstaatlicher, ordnungspolitischer und zivilgesellschaftlicher Prävention und Intervention konzipiert werden. Sie werden zu Ziel-gruppen von Angeboten und Maßnahmen der Sozialen Arbeit, der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, der Gesundheitsfürsorge, der Resozialisierung, der Sozialplanung oder der ‚Mitleidsökonomie‘, die subsidiären, aktivierenden, paternalistischen, resilienzfördernden, kontrollierenden, partizipativen oder philanthropischen Charakter haben können. Der Umgang mit dieser ‚Randgruppe‘ der Gesellschaft ist spezifischen Deutungsmustern sowie relationalen Selbst- und Fremdbilder-Konstruktionen der Mehrheitsgesellschaft unterworfen, die sich in vorgegebenen Wegen der (Re-)Integration mit definierten Hilfeangeboten niederschlagen.


Um die pluralen Lebenswelten von Menschen ohne eigene Wohnung zu verstehen, möchten wir auf der Konferenz den Blick auf die jeweiligen Figurationen der Wohnungsnot lenken. Norbert Elias beschreibt mit dem Begriff der Figuration das komplexe Interdependenzgeflecht bzw. Netz-werk von Beziehungen, in dem Menschen in einer Gesellschaft agieren. Menschen ohne eigene Wohnung werden von uns nicht als sozial Ausgeschlossene und vereinsamte Eremiten gesehen. Vielmehr vertreten wir die Position, dass Menschen in ihrem Sein und ihrer Existenz immer gesellschaftsbezogen agieren. Sie befinden sich daher stets in Beziehungsgeflechten mit anderen Menschen. Diese Beziehungsgeflechte lassen sich durch eine ‚Vielspältigkeit der Interessen‘ (Elias) und ungleiche Machtverhältnisse charakterisieren. Menschen ohne eigene Wohnung bleiben in irgendeiner Form auf andere Menschen angewiesen, die sowohl Freunde, Verbündete oder Aktionspartner als auch Interessensgegner, Konkurrenten oder Feinde sein können.


Die Analyse von interdependenten und relationalen Beziehungsgeflechten von Menschen ohne eigene Wohnung eröffnet den Blick sowohl auf gesellschaftliche Normalitätsvorstellung und kulturelle Labeling- und Zuschreibungsprozesse als auch auf involvierte und sich artikulierende Subjekte mit (sub-)kulturellen Sinn- und Identitätskonstruktionen und eigensinnigen kulturellen Praxisformen. Die beteiligten Menschen werden von uns nicht als passive ‚Opfer der Verhältnis-se‘ gesehen, sondern verfügen über relative Autonomie, Handlungsfähigkeit sowie individuelle Lebensentwürfe und Erfahrungen. Sie interpretieren und deuten spezifische Situationen innerhalb von Beziehungsgeflechten, sie treffen Entscheidungen und gehen Beziehungen ein. Figurationen der Wohnungsnot beziehen sich dabei auf folgende Themenfelder (die Liste der Themen ist nicht abschließend):


• Menschen ohne eigene Wohnung gehen untereinander Beziehungen ein, sie leben in sub-kulturellen Szenen und Gemeinschaften, finden Bewältigungsmuster und Subsistenz-strategien, ihre differentiellen Kontakte und Gelegenheiten fördern delinquente Hand-lungsmuster, Konflikte und Gewalt sind alltagsrelevant, Distanzierungen und Abgrenzungen finden untereinander entlang der Kategorien Geschlecht, Alter, Gesund-heitsstatus, (Sub-)Kultur und Milieu statt. Von besonderem Interesse sind hier sowohl Gender-Aspekte als auch die Situationen von minderjährigen Jugendlichen, Drogenkon-sumenten sowie Menschen mit einem Flucht- oder (Arbeits-)Migrationshintergrund.


• Neoliberale Stadtpolitik, die zunehmende Kommodifizierung städtischer Räume und si-cherheitspolitische Diskurse haben Auswirkungen für Menschen ohne eigene Wohnung, als Nutzer der urbanen Infrastruktur. Sie befinden sich in einem Beziehungsgeflecht mit ordnungsrechtlichen und sicherheitspolitischen Organisationen und werden durch diese kontrolliert, verdrängt, kriminalisiert und diszipliniert. Betroffene begegnen diesem Ver-halten mit unterschiedlichen visiblen und invisiblen Copingstrategien. Städte haben für in Wohnungsnot geratene Menschen als Raum von Möglichkeiten eine enorme Anziehungs-kraft, gleichzeitig schränken urbane Sicherheitsstrategien zur Gefahrenabwehr und Kriminalprävention sowie Maßnahmen im Rahmen der Stadtentwicklung Betroffene in ihren Handlungsmöglichkeiten ein.


• Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft zeigen sich in der Existenz und den Praktiken von Organisationen der Problembearbeitungen, die Beziehungsgefüge zu Menschen ohne eigene Wohnung strukturieren. Wohlfahrtstaatliche, sozialwirtschaftli-che und bürokratische Organisationen agieren in einem spezifischen Hilfesystem (Wohnungslosenhilfe, Suchthilfe, Jugendhilfe, Sozialhilfe), in dem professionelle Fach-kräfte der Sozialen Arbeit und Street-Level-Bürokraten soziale Dienstleistungen und Sachleistungen für Betroffene anbieten. Diese Verflechtungen mit Sozialisations- und Kontrollagenturen sind nicht selten von ungleichen Machtrelationen, gegenseitigen Typi-sierungen und Kategorisierungen sowie Spannungen, Widerständen und Dynamiken geprägt und können unter Umständen sogar grenzüberschreitend sein.


• Besondere Interdependenzgeflechte bilden sich, wenn Menschen ohne eigene Wohnung dauerhaft Unterkunftsangebote in Anspruch nehmen und in Obdachlosen-Wohnheimen oder Pensionen leben, diese zur ‚Heimat‘ und zum ‚Zuhause‘ werden und sich neue Inter-aktionsordnungen mit eigenen Handlungsmöglichkeiten und Abhängigkeiten herauskristallisieren.


• Gesellschaftliche Gewebe zeigen sich in Interaktionsmustern von Menschen ohne eigene Wohnung mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und privaten, freien oder kirchlichen Ini-tiativen. Hier treffen Wohnungslose häufig mit Ehrenamtlichen zusammen, die sich in Essensausgaben, Freiwilligenagenturen, Sozialkaufhäusern, Suppenküchen und Wärme-stuben engagieren. Virulent werden daher Aspekte des Fremdverstehens, der Macht, der Partizipation, der Empathie, der Projektion, der Gestaltung von Nähe und Distanz oder der (Über-)Identifikation.


• Neue Figurationen entstehen, wenn De-Labeling-Ansätze wie ‚Housing First‘, die Tiny-House-Bewegung oder alternative bzw. integrative Wohnkonzepte verfolgt werden. Mit ihnen etablieren sich neue Modelle des Wohnens, der Wohnraumgestaltung und der Le-bensführung, aber auch politische Instrumentalisierungen oder neue Identifikations-möglichkeiten und Identitätsartikulationen.


• Besondere Figurationen stellen Selbst-und Fremdrepräsentationen von in Wohnungsnot geratenen Menschen etwa in (autobiografischen) Büchern, Dokumentationen im Fernse-hen oder Radio, Sozialreportagen in Straßenzeitungen, visuellen Selbstinszenierungen in Sozialen Medien, inszenierten Theateraufführungen oder touristischen Obdachlosen-Stadtführungen dar. Das hier skizzierte Spannungsfeld bewegt sich auf Seiten der häufig bürgerlichen Rezipienten zwischen (Sozial-)Voyeurismus und Sensibilisierung für soziale Ungleichheiten durch die direkte Konfrontation mit Armut.


Die Konferenz möchte mit dem Fokus auf Figurationen der Wohnungsnot dazu einladen, die komplexen Interdependenzgeflechte, in denen sich Menschen ohne eigene Wohnung befinden, zu analysieren. Diese Figurationen ermöglichen und begrenzen Handeln, sie sind von Kontinuität und Wandel sowie von ungleichen Machtverhältnissen gekennzeichnet und führen zur Herausbil-dung von spezifischen sozialen Praktiken, Sinnzusammenhängen und Strukturen.


Wir freuen uns über theoretische und empirische sowie interdisziplinäre oder ländervergleichende Beiträge, die unterschiedliche Figurationen der Wohnungslosigkeit untersuchen. Auch studenti-sche Arbeiten sind willkommen, sofern es sich um Ergebnisse aus Qualifizierungsarbeiten (Bachelor, Master) handelt. Schließlich werden im Rahmen der Konferenz auch die Endergebnis-se des studentischen Lehrforschungsprojekts Wohnungslosigkeit in der Metropolregion Nürnberg der TH Nürnberg vorgestellt.


Bitte senden Sie Ihren Vortragsvorschlag in Form eines Abstracts von maximal 350 Wörtern an Frank Sowa (frank.sowa@th-nuernberg.de). Der Einsendeschluss ist der 30. Juni 2018! Im Anschluss an die Konferenz werden die Vorträge als Buchbeiträge im Sammelband Figurationen der Wohnungsnot im Verlag Beltz Juventa veröffentlicht.