Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 01.07.2018

Call for Contributions: "Intersektionale und postkolonial-feministische Perspektiven als Mittel politikwissenschaftlicher Macht- und Herrschaftskritik"

„Intersektionale und postkolonial-feministische Perspektiven als Mittel politikwissenschaftlicher Macht- und Herrschaftskritik“
 

Intersektionale und postkolonial-feministische Perspektiven nehmen ineinandergreifende Strukturen von Ungleichheit, Macht und Herrschaft in den Blick, ein besonderer Fokus liegt auf der wechselseitigen Konstitution von Rassismus und Sexismus in ihren gesellschaftsstrukturierenden Formen ebenso wie auf der Ebenen der kulturellen Repräsentation, der alltäglichen Interaktionen sowie der Subjektformation.


Intersektionalität ist eng mit dem Namen der Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw, verbunden: Crenshaw zeigt für juristische und politaktivistische Kontexte auf, wie die Position Schwarzer Frauen sowohl durch den Bezug auf ihre ‚Gleichheit‘ als auch durch den Bezug auf ihre ‚Differenz‘ zu weißen Frauen und schwarzen Männern marginalisiert wird. Dabei legt Crenshaw dar, dass auf diese Weise ein komplexes Gleichheits- und Differenzparadox von Rassismus und Sexismus entsteht, das nicht auf die eine oder die andere Seite hin aufgelöst werden kann. Bislang – so ist allerdings zu konstatieren – hat sich eine Integration von Crenshaws Überlegungen in die politikwissenschaftliche Theorieproduktion erst in Ansätzen vollzogen. Hier sind in erster Linie staatstheoretische, aber auch machtanalytische Zugänge zu nennen. Auf dem Gebiet der Politikfeldanalyse liegen mittlerweile eine Reihe von Studien vor, die u.a. Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitiken und ihre Institutionalisierung oder rassifizierte soziale Ungleichheitslagen analysieren. Ebenso haben sich PolitologInnen mit der Frage beschäftigt, wie die theoretischen Überlegungen, die mit Intersektionalität verbunden sind, für die empirische politikwissenschaftliche Forschung umgesetzt werden können.


Postkolonial-feministische Ansätze untersuchen die Wirkmächtigkeit kolonialer Macht- und Herrschaftsverhältnisse von der Vergangenheit bis in die Gegenwart mit einem besonderen Augenmerk auf die Interdependenz von Rassismus und Sexismus als koloniales Erbe. Sich kritisch von universalisierenden Perspektiven abgrenzend, untersuchen sie Exklusionsmechanismen in der Wissensproduktion und in der politischen Auseinandersetzung, entwickeln aber auch Vorschläge dazu, wie grenzüberschreitende Solidarität möglich ist. Während postkoloniale Zugänge in anderen Disziplinen schon länger rezipiert werden, wird die immer noch stark universalisierende Perspektive der Politikwissenschaften zunehmend von postkolonialen Interventionen in Frage gestellt. Postkolonial-feministische Ansätze untersuchen unter anderem das objektifizierende Sprechen und Schreiben über vergeschlechtlichte und rassifizierte ‚Andere’ auch in den emanzipatorisch angelegten Arbeiten einer feministischen Politikwissenschaft, die Hierarchien verstärkende Reproduktion von Globalen Süden und Globalen Norden in Forschung und politischer Zusammenarbeit, die Normalisierung von Heteronormativität, die Reproduktion von Rassismus und Sexismus in Staatsbürgerschaftsdebatten und Ausschlüsse innerhalb der Frauenbewegung. Postkolonial-feministische Analysen gehen intersektional vor und knüpfen – implizit und oft auch explizit – an die Arbeiten von Crenshaw an; die interne Heterogenität des Feldes erlaubt aber keine einfache Positionsbestimmung der beiden Perspektiven zueinander.


Beide Perspektiven bieten vielfältige Anknüpfungspunkte für die politik- und sozialwissenschaftliche Debatte im deutschsprachigen Raum, sie werden jedoch häufig verkürzt dargestellt oder verlieren ihren politischen Impetus. Auch die Tendenz zu einer ‚ausschließenden Vereinnahmung’ ist zu beobachten: So werden die vielfältigen Beiträge von deutschen Feminist_innen of Color, die sich seit den 1980er Jahren u.a. mit rassistischen Ausschlüssen in der feministischen Theorie, politischen Bewegungskontexten, aber auch im Hochschulbereich auseinandersetzen, in der Intersektionalitätsdebatte nur selektiv rezipiert. Die Untersuchung der Rolle von Frauen im deutschen Kolonialismus sowie von kolonial-rassistischen Diskursen in der deutschen Frauenbewegung und deren Kontinuität bis heute ist ebenfalls nur ein eher randständiges Themenfeld der deutschsprachigen postkolonial-feministisch inspirierten Forschung.


Beide Perspektiven haben jedoch die kritische Selbstreflexion der wissenschaftlichen Praxis – von der Kritik an der Auswahl des Kanons der sozialwissenschaftlichen Disziplinen über die Lehr- und Berufungspraxis bis hin zur Kritik an den Mechanismen von Forschungspraxis und Wissensproduktion – vorangetrieben. Gerade Intersektionalität wird in diesem Zusammenhang paradoxerweise sowohl als ‚Paradebeispiel‘ für die Kooptation kritischen Wissens für den neoliberalen Umbau der Hochschulen verstanden, der kulturelle ‚Diversität‘ und ‚Vielfalt‘ als Ressourcen aktivieren will, als auch als wirksames Instrument, um genau diesen Tendenzen zu begegnen. Postkoloniale und dekoloniale Ansätze sind in ähnlicher Weise mit Vorwürfen der depolitisierenden und selektiven Verwendung zur Legitimation von machterhaltender Forschung konfrontiert.


Die Beiträge im geplanten Sammelband sollen das Potential intersektionaler und feministisch-postkolonialer Analysen für die politik- und sozialwissenschaftliche Forschung weiter ausleuchten. Das Verhältnis zwischen intersektionalen und postkolonial-feministischen Perspektiven und die Relation dieser zum Kanon der politikwissenschaftlichen Forschung soll diskutiert werden. Wir freuen uns auf Beiträge, die theoretisch-konzeptionell ausgerichtet sind. Ebenso erwünscht ist es, dass sich die Beiträge auch mit der konkreten Forschungspraxis auseinandersetzen und auf diese Weise aufzeigen, wie mit einer oder beiden Perspektiven gearbeitet wird und welche epistemologischen, ethischen, methodologischen und politischen Auswirkungen die Einnahme dieser Perspektiven für die politikwissenschaftliche Forschung hat.


Hierzu suchen wir nach Beiträgen, die sich u.a. den folgenden Fragen widmen:
- Wie können aus einer intersektionalen und/oder postkolonial-feministischen Perspektive Macht- und Herrschaftsverhältnisse konzipiert und differenziert betrachtet werden – und inwiefern können diese ‚klassische‘ politikwissenschaftliche Theorien über Macht und Herrschaft bereichern, erweitern und/oder korrigieren?
- Welche Leerstellen decken postkolonial-feministische und/oder intersektionale Perspektiven in der politikwissenschaftlichen Debatte auf (etwa in demokratietheoretischen und repräsentationstheoretischen Debatten oder in Bezug auf die Konzeption von Staatsbürgerschaft) und wie können diese produktiv dazu beitragen, diese zu schließen?
- Wie sieht eine postkolonial-feministische und/oder intersektionale Politikwissenschaft aus? Wie können intersektionale und/oder postkolonial-feministische Ansätze zum Beispiel die Debatte um das Verhältnis von Gleichheit und Differenz, die Rolle von Geschlecht in Entwicklungsdiskursen oder die Dynamiken von Frauen* und feministischen sozialen Bewegungen weiterdenken?
- Welche Bezüge zu lokalen Interventionen und Wissensproduktionen bestehen bzw. sollten hergestellt werden?
- Wie wirkt sich der Bezug auf postkolonial-feministische und/oder intersektionale Perspektiven forschungspraktisch aus? Welche epistemologischen, ethischen, methodologischen und politischen Auswirkungen hat die Einnahme dieser Perspektiven und was bedeutet dies für die politikwissenschaftliche Forschung?


Der peer-reviewte Sammelband wird voraussichtlich im Frühjahr 2020 in die Reihe „Politik und Geschlecht“, herausgegeben vom Sprecher*innenrat des AK Politik und Geschlecht in der DVPW, im Verlag Barbara Budrich erscheinen.


Politikwissenschaftler*innen und Forschende aus den Nachbardisziplinen sind eingeladen, sich mit einem Originalbeitrag an der Publikation zu beteiligen.


Wir erbitten ein Abstract (500-700 Wörter) bis zum 01.07.2018 an leinius[at|uni-kassel.de und heike.mauer[at]uni-due.de. Die Rückmeldung über die Annahme des Beitrags erfolgt bis zum 01.08.2018 und die fertigen Beiträge (50.000 Zeichen) sollen bis zum 01.02.2019 an die beiden Herausgeberinnen gesendet werden.


Wir freuen uns auf die Einsendungen!