Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 31.05.2020

CfP: Gründungstreffen und Workshop der DVPW-Themengruppeninitiative „Populismus“, Kassel

                                                                                                                                 
  

CfP: Gründungstreffen und Workshop der DVPW-Themengruppeninitiative „Populismus“

Wie weiter mit der Populismusforschung?

22. September 2020 (11-18 Uhr), Kassel


Die DVPW-Themengruppeninitiative „Populismus“ hat das Ziel, einen alle Teilbereiche übergreifenden Raum für die Populismusforschung innerhalb der deutschen Politikwissenschaft zu schaffen. Mit dem Einverständnis des DVPW-Vorstands veranstalten wir ein offenes Gründungstreffen, das am ​22.09.2020 (11–18 Uhr) in Kassel stattfinden wird; falls der weitere Verlauf der Corona-Pandemie keine Präsenzveranstaltung zulässt, wird das Treffen digital durchgeführt und entsprechend bekannt gegeben. Den Rahmen hierfür bildet ein Workshop zum Thema „Wie weiter mit der Populismusforschung?“, für den wir Beiträge zu zwei Themenfeldern erbeten:

 

1. Mehr Normativität oder mehr Realismus?

In den letzten Jahren hat es zahlreiche konzeptuelle Differenzierungen, Vertiefungen sowie Weiterentwicklungen des Populismusbegriffs gegeben. Zu den andauernden Streitpunkten innerhalb der Populismusforschung zählt dabei die Frage, inwiefern einerseits dem Populismus ein moralischer Kern zugeschrieben werden kann und inwieweit andererseits die Populismusforschung selbst moralisiert ist. Auf der einen Seite stehen jene, die den Moralismus als Definitionsmerkmal des Populismus stark machen (Mudde 2004, 2017; Hawkins 2009; Mudde/Rovira Kaltwasser 2013; Müller 2016); auf der anderen Seite sind diese Zuschreibung und die damit verbundenen Populismuskonzepte als moralistisch kritisiert worden (Jörke/Selk 2017, 2018; Stavrakakis/Jäger 2018; Katsambekis 2019), u.a. von ForscherInnen, die mit Laclaus Populismustheorie arbeiten. Dabei wird gerade diese von manchen Vertretern der „ideational approaches to populism“ als rein „normative“ und empirisch unbrauchbare Theorie abgetan (Rovira Kaltwasser 2012; Hawkins/Rovira Kaltwasser 2018; Peruzzotti 2019).

Vor dem Hintergrund dieser „Moralismusdebatte“ innerhalb der Populismusforschung stellen sich Fragen wie: Wird der Populismusbegriff tatsächlich zu sehr normativ aufgeladen (in welchen Theorien und Ansätzen)? Inwiefern ist die Moralismuszuschreibung konzeptuell sowie analytisch sinnvoll? Welche Rolle spielen Normativität und Werte in der empirischen, sich z.T. als „wertfrei“ verstehenden, Populismusforschung und wie ist mit dem normativ aufgeladenen und polemischen Charakter sowohl des Phänomens als auch des Begriffs des Populismus in der Forschung umzugehen? Wie lässt sich der Populismus sowohl als analytische Kategorie als auch als politischer Kampfbegriff (Stavrakakis 2014; De Cleen/Glynos/Mondon 2018; Stavrakakis et al. 2018; Agridopoulos/Kim 2019) untersuchen? Gibt es ein Trade-Off zwischen Realismus und Normativität in der Auseinandersetzung mit dem Populismus? Was hieße das für die Forschung?

 

2. Neue Herausforderungen und neue Phänomene

In letzter Zeit ist eine große Vielfalt an Phänomenen zu beobachten, die als populistisch beschrieben werden. Diese reicht beispielsweise von radikalen Demokratiebewegungen (Gerbaudo 2017; Kioupkiolis 2019) und digitalen Parteiformen (Gerbaudo 2018) über issuebezogene Proteste (Fridays For Future) bis hin zu konsolidierten autoritären Regimen (Möller 2017; Müller 2017; Halmai 2019). Inwiefern bzw. wie lassen sich diese – und andere – neuen Phänomene mit dem Populismusbegriff erfassen? Welche konzeptuellen Erweiterungen sind im Lichte dieser neuen Phänomene möglich bzw. notwendig? Welche gesellschaftskritischen Perspektiven sind in der Auseinandersetzung mit dem Populismus relevant? Welchen Beitrag können feministische, postkoloniale oder antirassistische Theorieperspektiven in der Populismusdebatte leisten? Inwiefern sind jüngere Protestbewegungen wie Fridays For Future überhaupt als „populistisch“ einzuordnen, wie in manchen Medien (meistens negativ und unreflektiert) behauptet wird? Welche Bezüge zwischen Populismus und der Politisierung des Klimawandels gibt es? Und schließlich: Welche Folgen und welche Bedeutung hat die Corona-Pandemie? Wie reagieren populistische Akteure auf die durch sie ausgelösten Veränderungen der politischen Lage?

 

Wir bitten um Abstracts (max. 300 Wörter) bis ​31. Mai 2020 per E-Mail an Seongcheol Kim (seongcheol.kimwzbeu​) und Veith Selk (​selkpg.tu-darmstadtde)​ .

Der Workshop ist offen für alle Interessierten. Ein Antrag auf die Erstattung von Anreise- und Übernachtungskosten für Vortragende wurde gestellt. Das nach dem Workshop stattfindende

Gründungstreffen dient der Wahl der SprecherInnen der Themengruppe und der Sammlung von Unterschriften für den Antrag zur offiziellen Gründung der Themengruppe beim DVPW-Vorstand.

 

 

Literatur

Agridopoulos, Aristotelis/Kim, Seongcheol. 2019. “Populismus.” In: Comtesse, Dagmar et al. (Hg.): ​Handbuch Radikale Demokratietheorie​, Berlin: Suhrkamp, 593-603.

De Cleen, Benjamin/Glynos, Jason Glynos/Mondon, Aurélien. 2018. “Critical Research on Populism: Nine Rules of Engagement.” ​Organization​ 25(5): 649-661.

Gerbaudo, Paolo. 2017. ​The Mask and the Flag: Populism, Citizenism and Global Protest​. Oxford: Oxford University Press.

Gerbaudo, Paolo. 2018. ​The Digital Party: Political Organisation and Online Democracy​. London: Pluto.

Halmai, Gábor. 2019. “Populism, Authoritarianism and Constitutionalism.” ​German Law Review​ 20(3): 296-313.

Hawkins, Kirk. 2009. “Is Chávez Populist? Measuring Populist Discourse in Comparative Perspective.” ​Comparative Political Studies​ 42(8): 1040-1067.

Jörke, Dirk/Selk, Veith (2017): ​Theorien des Populismus zur Einführung.​ Hamburg: Junius.

Jörke, Dirk/Selk, Veith (2018): „Populismus in Zeiten des postdemokratischen Liberalismus. Für eine Theorie des Populismus ohne Moralisierung“. In: Soziopolis, soziopolis.de/beobachten/politik/artikel/populismus-in-zeiten-des-postdemokratischen-liberalismus/.

Katsambekis, Giorgos. 2019. “The Populist Radical Left in Greece: Syriza in Opposition and in Power.” In: Ders./Kioupkiolis, Alexandros (Hg.): ​The Populist Radical Left in Europe​, London: Routledge, 21-48.

Kioupkiolis, Alexandros. 2019. “Populism 2.0: New Movements toward Progressive Populism.” In:

Katsambekis, Giorgos/Ders. (Hg.): ​The Populist Radical Left in Europe,​ London: Routledge, 168-193.

Möller, Kolja. 2017. “Invocatio Populi. Autoritärer und demokratischer Populismus.” ​Leviathan​ 45: 246-267.

Mudde, Cas. 2004. “The Populist Zeitgeist.” ​Government and Opposition​ 39(4): 541-563.

Mudde, Cas. 2017. “Populism: An Ideational Approach.” In: Rovira Kaltwasser, Cristóbal et al. (Hg.): ​The Oxford Handbook of Populism​, Oxford: Oxford University Press, 27-47.

Mudde, Cas/Rovira Kaltwasser, Cristóbal. 2013. “Exclusionary vs. Inclusionary Populism: Comparing Contemporary Europe and Latin America.” ​Government and Opposition​ 48(2): 147-174.

Müller, Jan-Werner. 2016. ​Was ist Populismus?​ Berlin: Suhrkamp.

Müller, Jan-Werner. 2017. “Populism and Constitutionalism.” In: Rovira Kaltwasser, Cristóbal et al. (Hg.): ​The Oxford Handbook of Populism​, Oxford: Oxford University Press, 590-605.

Peruzzotti, Enrique. 2019. “Laclau’s Theory of Populism: A Critical Review.” In: De la Torre, Carlos (Hg.): ​Routledge Handbook of Global Populism,​ London: Routledge, 33-43.

Rovira Kaltwasser, Cristóbal. 2012. “The Ambivalence of Populism: Threat and Corrective for Democracy.” ​Democratization 19(2): 184-208.

Stavrakakis, Yannis. 2014. “The Return of ‘the People’: Populism and Anti-Populism in the Shadow of the European Crisis.” Constellations​ 21(4): 505-517.

Stavrakakis, Yannis/Jäger, Anton. 2018. “Accomplishments and Limitations of the ‘New’ Mainstream in Contemporary Populism Studies.” ​European Journal of Social Theory​ 21(4): 547-565.

Stavrakakis, Yannis et al. 2018. “Populism, Anti-Populism and Crisis.” ​Contemporary Political Theory​ 17(1): 4-27.