Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 07.01.2019

Call for Papers: Legitimität regionaler Integration: zwischen Effektivität und Politisierung

CfP: Legitimität regionaler Integration: zwischen Effektivität und Politisierung

Jahrestagung des DVPW-Arbeitskreises Europa- und Regionalismusforschung (AKER)

2.–3. Mai 2019, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg


Selten standen regionale Integrationsprojekte vor so großen Herausforderungen wie heute. In Europa greifen euroskeptische Parteien und Bewegungen die EU frontal an und stellen den Fortgang des europäischen Integrationsprozesses grundsätzlich in Frage. Diesen Anti-EU-Kräften wird bei den Europawahlen ein bislang nie dagewesener Erfolg vorhergesagt. Zugleich hat sich ein Mitgliedstaat dazu entschieden, aus der EU auszutreten, und in so manchem Mitgliedstaat Mittel- und Osteuropas entfernt sich die Regierung mit so großen Schritten vom demokratischen und rechtsstaatlichen Grundkonsens, dass ein Fortbestand der Mitgliedschaft langfristig in Frage steht. Auf der anderen Seite des Atlantiks greift Präsident Trump das Freihandelsregime der NAFTA massiv an und erzwingt in Nachverhandlungen wichtige Zugeständnisse der Partnerländer. Zudem stellt er den Fortbestand der NATO in Frage.


Ein wichtiger Teil dieser negativen Politisierung, der sich regionale Integrationsprojekte ausgesetzt sehen, beruht auf Kritik an der Legitimität der Politikgestaltung durch solche Organisationen. Der EU wird von vielen ein massives Demokratiedefizit unterstellt. Besonders deutlich wird der Unmut mit den Entscheidungen der EU in Politikfeldern wie der Eurorettungspolitik, der wirtschaftlichen Liberalisierung oder der Flüchtlingspolitik. Auch andere Regionalorganisationen sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Entscheidungsverfahren seien zu wenig transparent, ließen keine eindeutige Zuschreibung von Verantwortlichkeiten für unliebsame Maßnahmen zu und seien insgesamt zu wenig demokratisch legitimiert, sodass einmal getroffene Entscheidungen nur schwer wieder rückgängig gemacht werden können.


Trotz dieser Kritik gibt es auch viele Beispiele dafür, dass regionale Integration für effektive Problemlösungen sorgt und damit auf breite gesellschaftliche und politische Unterstützung trifft. In der EU finden Bereiche wie die Regionalpolitik, die Umweltpolitik oder die Verbraucherschutzpolitik nach wie vor große Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung und unter den politischen Eliten. In vielen anderen Weltregionen befinden sich Regionalorganisationen geradezu im Aufwind. In Afrika, Eurasien oder Asien werden einige von ihnen als institutionelle Antwort auf Globalisierungsprozesse gesehen, welche in diesen Regionen als Gefährdungen wahrgenommen werden. Nicht wenige dieser Regionalorganisationen erfahren eine institutionelle Stärkung und erschließen sich neue Policy-Felder. Somit ließe sich bei ASEAN, einigen afrikanischen Regionalorganisationen und partiell auch im eurasischen Raum von einer Ausweitung der Legitimität sprechen.


Wir beobachten also gegenläufige Tendenzen sowohl in der EU als auch in verschiedenen anderen Weltregionen, wenn es um die Legitimität der Regionalorganisationen an sich bzw. um die Legitimität einzelner Politikfelder geht.


Für die Jahrestagung des AKER laden wir Papiere ein, die sich sowohl mit der Delegitimierung wie auch der stärkeren Legitimierung von Regionalorganisationen und Regionalisierungsprozessen theoretisch und empirisch auseinandersetzen. Dabei sind uns gleichermaßen Papiere willkommen, die den Blick auf die EU wie auch über die EU hinaus richten und/oder einen vergleichenden Ansatz verfolgen. Von besonderem Interesse sind Beiträge, die sich mit folgenden Fragen beschäftigen:
 Wo finden wir besonders scharfe Kritik an der Legitimität regionaler Integration, wo scheint die Legitimität weitgehend unumstritten zu sein? Wie lässt sich die Varianz erklären?
 Welche Formen der Legitimierung regionaler Integration lassen sich theoretisch und empirisch unterscheiden (Input, Output, Throughput etc.)?
 Welche Politikfelder oder Entscheidungsarenen sind besonders stark von Delegitimierung betroffen bzw. erfahren Legitimierungszuwächse?
 Welche normativen Modelle der Legitimierung regionaler Integration lassen sich theoretisch identifizieren und empirisch nachweisen?
 Wie gehen die EU und andere regionale Integrationsverbünde mit der wachsenden Kritik an ihrer Legitimität um? Welche Reformvorstellungen und -versuche gibt es? Wann wird zudem bewusst vermieden, Legitimationskanäle bedienen zu müssen?
 Inwiefern lassen sich Formen der Kritik an der Legitimität regionaler Integration und Vorstellungen zur Verbesserung der Legitimität bestimmten politischen Strömungen (Parteien, Ideologien, Interessengruppen, Länderkontexte) zuordnen?


Nach der Fusion mit der Themengruppe Vergleichende Regionalismusforschung, der Umbenennung in Arbeitskreis Europa- und Regionalismusforschung und der Wahl eines neuen Sprecher*innen-Teams auf dem DVPW-Kongress in Frankfurt bildet die Jahrestagung die Auftaktveranstaltung für den neu formierten Arbeitskreis. Neben dem Schwerpunkthema ist die Tagung daher auch offen für andere aktuelle Forschung, die in den Arbeitsbereich des Arbeitskreises fallen. Im Zentrum des Interesses steht die Analyse von regionaler Integration in Europa und anderen Weltregionen. Regionale Integration wird dabei als Prozess wie auch als Zustand verstanden. Zentral sind somit einerseits Fragestellungen zu den Dynamiken regionaler Integrationsprozesse und der Erklärung zwischenstaatlicher Kooperation. Andererseits stehen Fragen nach der Funktionslogik und den Systemcharakteristika durch Integrationsprozesse geprägter politischer Gemeinwesen auf der nationalen und der regionalen Ebene im Mittelpunkt. Im Rahmen der Tagung wird auch eine Mitgliederversammlung des Arbeitskreises abgehalten, zu der noch einmal gesondert eingeladen wird.


Der Call ist offen für Forscher*innen auf allen Karrierestufen. Wir laden ausdrücklich auch Promovierende ein, sich zu beteiligen Der Arbeitskreis unterstützt zudem das Ziel der Frauenförderung und strebt eine möglichst geschlechterparitätische Besetzung von Panels und Tagungsprogrammen an.


Abstracts im Umfang von 150-200 Wörtern (auf Deutsch oder Englisch) sind bis zum 07.01.2019 per E-Mail an die folgende E-Mail-Adresse zu senden: eus-hilfskraefte@ovgu.de. Zu- und Absagen werden bis zum 31.01.2019 verschickt.


Für inhaltliche Nachfragen stehen die Sprecher*innen des AKER gerne zur Verfügung.
Andrea Gawrich (Andrea.Gawrich@sowi.uni-giessen.de)
Sören Stapel (soren.stapel@globalstudies.gu.se)
Oliver Treib (oliver.treib@uni-muenster.de)
Vera van Hüllen (vera.vanhuellen@ovgu.de)