Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 30.11.2022

CfP - Trans* Politiken, Politiken um Trans* und Kritiken cis- und transnormativer politischer Verhältnisse

Seit den frühen 2000er-Jahren zirkuliert der Begriff Trans*Feminismus1 verstärkt in internationalen aktivistischen Kontexten und der Theoriebildung. In den deutschsprachigen Sozialwissenschaften wurden trans*feministische Analysen und Kritiken bislang jedoch nur zaghaft aufgegriffen. Vor diesem Hintergrund will das geplante Heft einen Raum schaffen, um das Potential für trans*feministische Analysen in den Sozial-und Politikwissenschaften auszuloten. Statt von einer unüberbrückbaren Gegenüberstellung von ‚Cis-Feminismen‘ und ‚Trans*Feminismen‘ auszugehen, soll in dem Heft gefragt werden, was trans*feministische Sozialwissenschaften ausmacht: Was ist und wie versteht sich Trans*Feminismus? Was kann aus feministischen Wissensarchiven neu gelesen und erweitert werden, sodass Zweigeschlechtlichkeit nicht reproduziert wird? Was macht trans*feministische Politiken aus? Welche Implikationen haben trans*feministische Perspektiven für Gleichstellungspolitiken? Wie sehen trans*feministische Gegenwartsanalysen aus? Wie wurde in historischen Kämpfen, Bewegungen und Theoriebildung heteronormative koloniale Zweigeschlechtlichkeit kritisiert und umgearbeitet?

 

Folgende Gemengelage bildet den Ausgangspunkt des Heftes: Transgeschlechtlichkeit und trans*Personen sind in den vergangenen Jahren in den Fokus gesellschaftspolitischer und feministischer Debatten gerückt. So zeichnet sich eine vermehrte Sichtbarkeit trans*geschlechtlicher und geschlechternonkonformer Personen in massenmedialen Formaten sowie privaten und öffentlichen Institutionen ab. Jedoch ist diese Sichtbarkeit durch Ungleichheiten und intersektionale Normierungen gekennzeichnet. Auch herrschen noch immer pathologisierende und stigmatisierende Darstellungen vor. Zugleich sind rechtliche Liberalisierungen und Depathologisierungen hinsichtlich des Zugangs zu Transitionsmedizin, Diskriminierungsschutz und Personenstandsänderungen zu beobachten. Allerdings bestehen Marginalisierungen und Diskriminierungen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen sowie insbesondere der Lohnarbeit fort. Zudem nehmen – global gesehen – Morde an trans* und geschlechternonkonformen Personen zu.

 

Trans* und geschlechternonkonforme Personen sind unterschiedlich von Gewalt und Diskriminierung betroffen. Im Kontext von Homo- und Transnationalismen werden weiße, neoliberalen Normen entsprechende trans* Personen teilweise in Staatsbürger*innenschaft eingeschlossen. Währenddessen sehen sich QTIBPoC (Queer, Trans*, Inter Black People and People of Color) rassistischen Sicherheitspolitiken gegenüber und sind in besonderem Maße mit Gewalt konfrontiert. Auch finden sie sich besonders häufig in gefährlichen Lohnarbeitsverhältnissen wieder oder ihnen werden als Geflüchtete grundlegende Menschenrechte verwehrt. Die Kolonialität neoliberaler Arbeitsteilung vertieft in Teilen des Globalen Süden trans*feindliche und maskulinistische Politiken, die etwa in Form trans*feminizidaler Gewalt in Süd- und Mittelamerika Ausdruck finden. Im Globalen Norden tritt im Kontext von Austeritätspolitiken die Bedeutung von Klassenverhältnissen zwischen trans* Personen hervor: Die Kommodifizierung öffentlicher Infrastruktur und Wohnraum, die Reprivatisierung von Transitionsmedizin sowie die Forcierung von Lohnarbeit als einziger existenzsichernder Lebensform vertiefen Ungleichheiten unter trans* und geschlechternonkonformen Personen.

 

Eine mit Weiß-Sein, Besitz, Zweigeschlechtlichkeit und Ableisiert-Sein verbundene Norm von trans*- und und geschlechternonkonform-Sein formt sich aus. Sie reguliert, welche trans* und geschlechternonkonformen Personen als schützenswerte und anerkennbare Leben gelten und welche nicht. Analysen und Politiken, die trans* und geschlechternonkonforme Personen als alleinig durch Geschlecht konstituierte und homogene Gruppe auffassen, reproduzieren diese Normierungen und Gewaltverhältnisse.

 

Trotz beschränkter Veränderungen auf rechtlicher Ebene ist nicht ausgemacht, ob diese für trans* und geschlechternonkonforme Personen Verbesserungen mit sich bringen. Denn aktuell erleben trans*feindliche Diskurse eine neue Konjunktur, wie sich u.a. in Deutschland am öffentlichen Hass gegen einer der beiden ersten offen transgeschlechtlichen Bundestagsabgeordneten, Tessa Ganserer, oder global in trans*feindlichen Positionen der katholischen Kirche sowie rechter PolitikerInnen zeigt.

 

Diesen paradoxen und widersprüchlichen Entwicklungen geht das Heft Trans* Politiken, Politiken um Trans* und Kritiken cis- und transnormativer politischer Verhältnisse nach. Es zielt darauf ab, trans* bzw. trans*feministische Perspektiven in den Sozialwissenschaften weiterzuentwickeln. Mit dem Heft soll gezeigt werden, wie politik-, sozial- sowie gesellschaftstheoretische Konzepte erweitert werden können, wenn trans*, geschlechternonkonforme und trans*feministische Perspektiven als Teil feministischer Sozialwissenschaften akzentuiert werden. Ebenso sollen trans*feministische Gegenwartsanalysen Gegenstand des Heftes sein. Dabei gehen wir davon aus, dass aktuelle Geschlechterpolitiken nur vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen zu begreifen sind. Daher fragen wir auch nach den Genealogien cis- und transnormativer Regulierungsweisen und trans*feindlicher Politiken. Ebenso interessieren uns Kontinuitäten und Brüche trans* und trans*feministischer Kämpfe und Politiken – sowohl öffentliche als auch semi-öffentliche und intime Politiken wie etwa der trans* und geschlechternonkonformen Fürsorge.

 

Folgende Fragekomplexe wollen wir mit dem Heft adressieren:

Ø Was macht trans* und trans*feministische erkenntnistheoretische Positionen und Perspektiven aus? Wie intervenieren trans*,      geschlechternonkonforme und trans*feministische Perspektiven in Methodologien und Epistemologien der (feministischen) Politik- und Sozialwissenschaften? Welche neuen Methodologien und Epistemologien bringen sie hervor? Wie verschieben trans* und trans*feministische Analysen Begriffe, Konzepte und Theorien der Politik- und Sozialwissenschaften?

Ø Wie lässt sich die Formierung und Transformation von Hetero-Cis-Normativität sowie die Verwerfung, Normierung und Regulierung ihrer – insbesondere dis_ableisierten und rassifizierten – geschlechtlichen Anderen fassen? Wie sind Normierungen wie ‚Transsexualität‘ oder ‚Transnormativität‘ angesichts aktueller und historischer intersektionaler Verhältnisse zu verstehen? Wie überlagern sich prä-/post- /koloniale sowie staats-/post-sozialistische Geschlechterpolitiken in der Unterdrückung, Ermöglichung und Normierung von Geschlechternonkonformität und Transgeschlechtlichkeit?

Ø In welcher Weise fungier(t)en die Phänomene Transgeschlechtlichkeit, Geschlechternonkonformität oder transgeschlechtliche Personen als Tropen von (Post)Moderne, Staat und Nation? Welche Rolle spiel(t)en hierbei eurozentrische, (post- )moderne, kapitalistische, (post-)koloniale und (post-)nazistische Verhältnisse? Wie werden über staatliche Politiken um trans* Grenzziehungen zwischen dem Globalen Norden und Süden sowie zwischen West- und Osteuropa legitimiert?

Ø Welche Potentiale bergen trans* und trans*feministische Analysen bestehender politischer, sozialer und ökonomischer Verhältnisse? Wie verändern sie das Verständnis gegenwärtiger (post-)kolonialer Geschlechter- und Sexualitätsverhältnisse? Inwiefern tragen trans*feministische Perspektiven zu einer Präzisierung der gegenwärtigen ‚multiplen Krisen‘ bei? Inwiefern lässt sich angesichts globaler Militarisierung eine Verstärkung binärer Geschlechtervorstellungen beobachten?

Ø Wie kommen trans*feministische Politiken in den Staat und das Recht? Welche Akteur*innen setzen sie auf die Agenda, welche politischen Faktoren wirken hinderlich? Welche Ambivalenzen bringt die Anerkennung und Institutionalisierung der Kategorie ‚Transgeschlechtlichkeit‘ für unterschiedliche Politikfelder hervor bzw. welche in der Institutionalisierung anderer Kategorien wie etwa ‚Frau‘ angelegte Ambivalenzen verdeutlicht sie – etwa in Form von Gleichstellungspolitiken? Welche Ambivalenzen gehen mit der Anerkennung und Institutionalisierung der Kategorie ‚Transgeschlechtlichkeit‘ hinsichtlich intersektionaler Machtverhältnisse einher – etwa in der Form von ‚hate crime‘-Diskursen und -Gesetzgebungen?

Ø Was macht historische und aktuelle Politiken von trans* und geschlechternonkonformen Subjekten und Kollektiven aus? Wie intervenieren sie in interdependente Macht- und Herrschaftsverhältnisse und wie sind sie in diese verstrickt? Wie entwerfen trans* sowie trans*feministische Politiken und Theoretisierungen subversive und emanzipatorische Vorstellungen und Utopien von Solidarität, Sorge, Leben, Arbeit, Körpern und Kollektivität? Welche solidarischen oder geteilten Bezüge bestehen und bestanden zwischen trans*- und anderen feministischen Analysen und Politiken?

Wir freuen uns auf empirische, methodische und theoretische Beiträge mit einer großen geopolitischen Breite.

 

Abstracts und Kontakt

Der Schwerpunkt wird inhaltlich von Zoe* Steinsberger und Gundula Ludwig betreut. Wir bitten um ein- bis zweiseitige Abstracts bis zum 30. November 2022 an zoe.steins-berger@uibk.ac.at, gundula.ludwig@uibk.ac.at oder redaktion@femina-politica.de. Angesichts des Schwerpunkts freuen wir uns besonders auf inhaltlich qualifizierte Abstracts von trans*, inter und geschlechternonkonformen Personen.

 

Abgabetermin der Beiträge

Die Schwerpunktverantwortlichen laden auf der Basis der eingereichten Abstracts bis zum 15. Dezember 2022 zur Einreichung von Beiträgen ein. Der Abgabetermin für die fertigen, anonymisierten Beiträge im Umfang von 35.000 bis max. 40.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, Fußnoten und Literatur) ist der 15. März 2023. Die Angaben zu den Autor*innen dürfen ausschließlich auf dem Titelblatt erfolgen. Alle Manuskripte unterliegen einem Double Blind Peer-Review-Verfahren. Pro Beitrag gibt es ein externes Gutachten (Double Blind) und ein internes Gutachten von den Herausgeber*innen. Ggf. kann ein drittes Gutachten ein-geholt werden. Die Rückmeldung der Gutachten erfolgt bis spätestens 15. Mai 2023.Die endgültige Entscheidung über die Veröffentlichung des Beitrags wird durch die Redaktion auf Basis der Gutachten getroffen. Der Abgabetermin für die Endfassung des Beitrags ist der 15. Juli 2023.

 

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