Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 15.09.2022

CfP - für ein Themenheft der Zeitschrift für Politische Theorie

Der oikos des demos: Auf dem Weg zu einer demokratischen Ökonomie

 

Spätestens mit den gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen im Zuge der Corona-Pandemie, im Grunde aber bereits seit der Weltwirtschaftskrise von 2007ff., drängen Fragen nach dem Verhältnis von demokratischer Politik und Ökonomie zumindest zaghaft wieder in den öffentlichen Raum. Angesichts extremer Monopolbildungen, insbesondere im Digitalsektor (z.B. Staab 2019), einer fortschreitenden Zunahme sozialer Ungleichheit, global aber auch innerhalb der Nationalstaaten des globalen Nordens (z.B. Milanović 2020), der sich rasant zuspitzenden ökologischen Krise (z.B. Moore 2017) und nicht zuletzt der immer wieder konstatierten Krise der Demokratie selbst (z.B. Schäfer/Zürn 2021), werden zunehmend Stimmen laut, die einen mehr oder weniger grundsätzlichen Umbau der Wirtschaftsordnung fordern. Eng verbunden mit Fragen des Eigentums kursieren dazu in der akademischen Debatte zahlreiche Schlagworte, wie etwa Fundamentalökonomie (Foundational Economy Collective 2019), Alltäglicher Kommunismus (Streeck 2019), Neosozialismus (Dörre) oder Partizipativer Sozialismus (Piketty 2020), und auch in der Zivilgesellschaft erstarken Rufe nach Vergesellschaftung und gemeinwohlorientierter Ökonomie, die allesamt in der einen oder anderen Art und Weise auf eine mehr oder weniger weitreichende Demokratisierung des Wirtschaftslebens zielen (z.B. DWE 2020). Wenngleich damit zweifelsohne Bewegung in ein lange Zeit und nicht zuletzt unter dem Eindruck eines vermeintlichen ‚Endes der Geschichte‘ stillgestellten Feldes des Politischen gekommen ist, so ist augenfällig, dass die Politische Theorie und Ideengeschichte in diesen Fragen noch weitestgehend sprachlos bleibt und Vorstöße vornehmlich aus benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen wie der Soziologie, der Philosophie und der Rechtswissenschaft stammen.

Wenngleich sich der deutschsprachigen Politikwissenschaft etwa mit der von Fritz Naphtali und anderen (1928) entwickelten Programmatik einer Wirtschaftsdemokratie, mit Hermann Hellers Überlegungen zur sozialen Demokratie (z.B. Heller 1930) oder auch mit Wolfgang Abendroths Denken des demokratischen sozialen Rechtsstaats (z.B. Abendroth 1954) durchaus diverse Anknüpfungspunkte böten, so markiert die Thematik einer demokratischen bzw. zu demokratisierenden Ökonomie im Bereich der politischen Theorie im Allgemeinen und der Demokratietheorie im Besonderen von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen eine Leerstelle. Auch englischsprachige Debattenbeiträge, etwa die einschlägigen Publikationen Robert Dahls (1985) und Carol Patemans (1970), spielten und spielen kaum eine Rolle, die Rawls’schen Tastbewegungen Richtung property-owning democracy (Rawls 2003) stoßen vornehmlich in Debatten der praktischen Philosophie auf Resonanz (z.B. Cheneval/Laszlo 2013). Kurzum: Nicht nur die Demokratie, sondern auch die Demokratietheorie macht nach wie vor und in aller Regel am Fabriktor Halt, worauf unlängst mit Blick auf den anglophonen Diskurs auch Elizabeth Anderson hingewiesen hat, die Unternehmen mit neo-republikanischem Vokabular eindrücklich als ‚private Regierungen‘ und demokratietheoretisches Problem beschreibt, in ihren Lösungsansätzen allerdings auf die betriebliche Ebene beschränkt bleibt (vgl. Anderson 2020). Diese Beobachtung möchte das Themenheft zum Anlass nehmen, um sich aus einer dezidiert politiktheoretischen und ideengeschichtlichen Perspektive der Frage nach einer demokratischen Ökonomie zuzuwenden.

Den Ausgangspunkt kann dazu das Konzept der Wirtschaftsdemokratie bilden, welches allein schon in begrifflicher Hinsicht einen Brückenschlag unternimmt, der Ökonomie als politische Ökonomie zu denken erlaubt und politische Ökonomie als demokratische Ökonomie auszubuchstabieren beansprucht. Im deutschsprachigen Diskursraum zwar häufig eng an Naphtali gekoppelt, birgt es jenseits dessen Potenziale für Neuentwicklungen, sowohl die Gegenstände, Träger als auch die Reichweite und skalaren Bezugsgrößen betreffend. Wenngleich zwar auch hierzulande zuletzt einige zaghafte Vorstöße zu beobachten waren (z.B. Demirović 2018; Herzog 2019), so sind insbesondere in Großbritannien Neubelebungs- und Neukonzeptualisierungsversuche zu verzeichnen, die von der Vitalität und den unausgeschöpften Potenzialen des Konzepts zeugen und nicht zuletzt auch die wirtschaftspolitische Ausrichtung der britischen Labour Party unter Jeremy Corbyn beeinflussten (siehe z.B. Cumbers et al. 2020; Labour Party UK 2017; McDonnell 2018).

Die im Themenheft abzubildenden Suchbewegungen nach Formen, Institutionen und Wegen zu einer demokratischen Ökonomie sind begrifflich freilich nicht auf Wirtschaftsdemokratie beschränkt, sondern es sollen auch darüber hinausgehende und alternative Modellierungen adressiert werden. Neben der Behandlung von Fragen nach den institutionellen Ausgestaltungsmöglichkeiten, Zukunftsperspektiven und Entwicklungspotenzialen einer demokratischen Ökonomie, sollen dabei in ideengeschichtlichen Rückgriffen auch Ressourcen im politischen Denken freigelegt werden und diese nicht zuletzt auf ihr Inspirationspotenzial für zeitgenössische Adaptionen befragt werden.

Während zuletzt gehäuft ganz grundsätzlich die Krise des Liberalismus und der liberalen Demokratie diskutiert wird und auch in der ZPTh in Form von Themenheften die Dialektik des Liberalismus (2-2020) sowie – überwiegend – liberale Eingriffe in den Markt (1-2021) aus politiktheoretischer Perspektive verhandelt wurden, soll im geplanten Schwerpunkt Ansätze einer dezidierten Alternative zum individualistischen und privateigentumsbasierten Liberalismus ausgelotet werden – ohne damit den Anspruch auf Vermittlung liberaler Grundprinzipien per se aufzugeben.

 

Als mögliche Themenfelder und Fragestellungen kommen u.a. folgende in Betracht:

a) Was kann/sollte Wirtschaftsdemokratie heute bedeuten? Wie lassen sich Demokratisierungsbestrebungen demokratietheoretisch begründen und modellieren? Welche demokratisierenden Potenziale sind von welchen Modellierungen zu erwarten? In welchem Verhältnis stehen betriebliche und überbetriebliche Demokratisierungsaspirationen zueinander? Welche demokratietheoretischen Risiken und/oder Probleme sind mit einer Demokratisierung der Wirtschaft verbunden? Inwiefern sind Fragen der Wirtschaftsdemokratie als Fragen des (Gemein-)Eigentums zu begreifen, inwiefern sind diese Fragen aufeinander zu beziehen? Ist von der Demokratisierung der Wirtschaft eine Förderung demokratischer Einstellungen und Kompetenzen zu erwarten und wenn ja, in welcher Weise? In welcher Weise findenwirtschaftsdemokratische Überlegungen Raum in zeitgenössisch verbreiteten demokratietheoretischen Ansätzen wie der Radikaldemokratie oder dem Republikanismus? In welcher Weise könnten diese Ansätze dahingehend erweitert werden?

b) Welche ideengeschichtlichen Modellierungen von und historischen Erfahrungen mit Wirtschaftsdemokratie sind im Archiv der Politischen Theorie zu verzeichnen? An welche Theoriebestände, Vordenker*innen und argumentativen Ressourcen könn(t)en zeitgenössische Fortentwicklungsbemühungen in welcher Weise anknüpfen? Auf welche gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen antworten Vorschläge der Demokratisierung von Wirtschaft in historischer Perspektive und von welchen alternativen Antworten grenzen sie sich ab?

 

Wir erbitten Abstracts im Umfang von max. einer DIN-A4-Seite bis zum 15.09.2022 an wirtschaftsdemokratie@gmx.de. Wir werden bis zum 15.12.2022 Rückmeldung geben, die fertigen Beiträge sind dann bis 15.05.2023 einzureichen und werden ein externes double-blind-peer-review-Verfahren durchlaufen.