Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 15.07.2022

CfP - Repräsentationen von (Un)Sicherheit - Objekte, Bilder und Orte

Wahrnehmungen von (Un)Sicherheit prägen gesellschaftliche, staatliche und individuelle Vorstellungen und Praktiken. (Un)Sicherheit meint dabei kein spezifisches Politikfeld im engeren Sinne, sondern umfasst grundsätzliche Wertorientierungen, Emotionen und Zustände und kann sich in den verschiedensten Politikfeldern und Lebensbereichen manifestieren. Unterschiedliche Wahrnehmungen von (Un)Sicherheit beeinflussten etwa in Bezug auf die Covid 19-Pandemie unterschiedliche Ansichten zum politischen und privaten Handeln im Umgang mit dem Virus. Stand zum Beispiel der Mund-Nasen-Schutz in Deutschland zunächst vielfach für die Unsicherheit einer noch weitgehend unbekannten Pandemie, wurde er im weiteren Verlauf der Pandemie für viele Bürger*innen zum Symbol von Sicherheit und Schutz. Gleichzeitig nahm aber auch die Kritik am vermeintlichen „Maskenzwang“ als Überreaktion und staatliche Einmischung in die Privatsphäre zu. Zur Analyse solcher Prozesse bieten Internationale Beziehungen und Kritische Sicherheitsstudien Konzepte wie etwa ontologische Sicherheit oder Versicherheitlichung, die sich häufig auf diskurs- und praxistheoretische Untersuchungen von Texten und öffentlichen Handlungen fokussieren.

 

Wir möchten auf der Tagung existierende Ansätze um eine dezidierte und breitere Perspektive auf Repräsentationen von (Un)Sicherheit ergänzen. Anschließend an Debatten über die konstitutive Rolle von Repräsentationen für politische und soziale Ordnungen (Åhäll 2016; Drieschova 2022) und für die Legitimation sicherheitspolitischer Maßnahmen (Hagmann 2013; Obradovic-Wochnik/Bird 2020) möchte der Workshop diskutieren, welche Zugänge zur Analyse der Komplexitäten von (Un)Sicherheit ein Fokus auf Repräsentationen eröffnet. Dabei stehen zwei Aspekte im Mittelpunkt: Zum einen möchten wir auf der Tagung konkrete Formen der Repräsentation von (Un)Sicherheit beleuchten und diskutieren, welche Erkenntnisse ihre Analyse ermöglicht. Zum anderen möchten wir über den konzeptionellen Zugang von Repräsentationen aber auch unsere eigene Annäherung an komplexe Konstellationen und Gegenstände der (Un)Sicherheit reflektieren, kritisieren oder hinterfragen. Mit dieser doppelten Funktion von Repräsentation möchten wir einen analytischen Zugang zum Thema (Un)Sicherheit ermöglichen, der empirisch und theoretisch offen bleibt und den Prozess der interpretativen Deutung nachvollziehbar macht.

 

Die Tagung konzentriert sich dafür auf drei konkrete Formen der Repräsentation: Objekte, Bilder und Orte. Mit diesem Vorgehen fokussieren wir nicht nur Analyseobjekte, die in der der interpretativen Sozialforschung und kritischen Policy-Analyse (Bevir/Rhodes 2016; Wagenaar 2011; Yanow 2000) eine zentrale Rolle spielen, sondern können an eine Reihe von aktuellen Diskussionen in den Internationalen Beziehungen und Kritischen Sicherheitsstudien anschließen. Dies gilt für die Rolle von Objekten und Materialitäten als RegierungsWissens- oder Kontrollinstrumente (Allen 2017; Barry 2013; Esguerra 2019; Leander 2020; Salter 2015), die Frage, wie Bilder und andere visuelle Objekte globale Emotionen und Politik beeinflussen können (Bleiker 2018; Callahan 2020; Schlag/Heck 2020), sowie Diskussionen um die politische Symbolik von Architektur (Bell/Zacka 2021; Tallis 2019) und der Versicherheitlichung von öffentlichen Räumen (Ghertner et al. 2020; Shapiro 2019). Die Tagung schließt mit ihrem Fokus zudem an Debatten über innovative bzw. neuartige Forschungsmethodiken in den Kritischen Sicherheitsstudien (Austin et al. 2019; Aradau et al. 2015) oder der Kritischen Friedensforschung (Andrä 2022) an.

 

Präsentationen im Rahmen des Workshopssollen sich auf konkrete Objekte bzw. Artefakte (z.B. ein Taser/ein Weißbuch/ein Smartphone), Bilder bzw. andere Visualisierungen (z.B. Satellitenfotos/Bilder geflüchteter Kinder/Röntgenbilder von Organen), oder Orte (wie z.B. Grenzregionen/eine schlecht beleuchtete Straße/eine Suppenküche/ Bilder oder Beschreibungen von Orten) bzw. deren Repräsentation beziehen. Sie können z.B. diskutieren, wie wir durch deren Analyse (Un)Sicherheit in ihren unterschiedlichsten Manifestationen, ihre Implikationen für politische und soziale Ordnungen oder ihre Effekte auf Agency, Herrschaftsverhältnisse oder Rezeptionen besser verstehen können. Inhaltlich ist die Tagung bewusst offen angelegt und begrüßt explizit Themen jenseits klassischer Sicherheitsbegriffe und Sicherheitsakteure, um unterschiedlichste Repräsentationen von (Un)Sicherheit diskutieren zu können.

 

Tagungspräsentationen können auf der Grundlage von Papieren zu den o.g. Themen erfolgen, aber ein klassisches wissenschaftliches Papier ist nicht zwingend notwendig. Möglich sind ebenso Vignetten, Werkstattberichte oder Kurzpapiere, sofern sie sich auf konkrete Repräsentationsformen beziehen. Die Tagung bietet außerdem die Möglichkeit die entsprechenden Exponate auch ohne Papier vorzustellen und – sofern möglich – mitzubringen, d.h. Objekte, Bilder, Filme oder Feldnotizen, Poster oder Audioaufzeichnungen in die Präsentation einzubauen.

 

Organisatorisches:

Wir bitten um Einsendung von Vorschlägen von max. 250 Wörtern, die das grobe Thema des Vortrags, das Exponat (Bilde, Objekte, Orte) und die Präsentationsform beschreiben. Deutlich werden sollte auch, welche theoretischen und/oder methodischen Orientierungen die Vorträge anleiten und welche Einsichten zu Repräsentationen von (Un)Sicherheit der Vortrag herausarbeiten möchte. Wir freuen uns über die Einsendung von Vorschlägen bis zum 15. Juli 2022 an: kritischesicherheitsstudien@dvpw.de. Die Tagung bringt zum ersten Mal Mitglieder der Themengruppe Kritische Sicherheitsstudien und des Arbeitskreises Soziologie der internationalen Beziehungen der DVPW zusammen und soll auch den inhaltlichen Austausch über gemeinsame Interessen und Themen ermöglichen. Mitgliedschaft in einer der Gliederungen ist keine Voraussetzung zur Teilnahme, die Tagung steht allen Interessierten offen. Die Tagung findet am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) in Präsenz statt. Kosten für die Anreise und Übernachtung können leider nicht übernommen werden.