Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 30.06.2021

CfP - Partizipations- und Repräsentationsdefizite der politischen Parteien: Normative und empirische Antworten auf andauernde Ungleichheiten in der demokratischen Gesellschaft (Jahrestagung des AK Parteienforschung)

15.-16. Oktober 2021, Jena

Die Debatten über Ungleichheiten in der politischen Partizipation und Repräsentation sind gerade in den letzten Monaten weit über die fachwissenschaftlichen Diskurse hinaus präsent. In Medien, Politik und Gesellschaft ist die Repräsentationsfrage allgegenwärtig. Dabei sind Repräsentationsunterschiede gerade auch in Parteien (und damit verbunden: Parlamenten) schon lange Gegenstand politikwissenschaftlicher Analysen, wie nicht zuletzt die Analysen und Projekte aus Kreisen des AK Parteienforschung zeigen. Die verlässlichen Erhebungen etwa von Oskar Niedermayer verweisen schon lange u.a. auf die mangelnde Repräsentation von Frauen, der Anteil weiblicher Mitglieder ist in deutschen Parteien alles in allem weit unter dem Anteil in der Gesamtbevölkerung und zugleich zwischenparteilich höchst unterschiedlich. Bemerkenswert ist dabei etwa mit Blick auf die CDU, dass trotz einer langjährigen Parteivorsitzenden Angela Merkel (Vorsitz: 2000-2018) kein nennenswerter Anstieg des Frauenanteils in der Mitgliedschaft zu verzeichnen ist (Frauenanteil 2000 / 2018: 25,2 / 26,5 Prozent), und selbst in Parteien mit starken Instrumenten der Frauenförderung (bspw. Quoten, Doppelspitze) ist der Frauenteil nicht immer gestiegen (gestiegen etwa bei den Grünen, gesunken hingegen bei der Linken). In allen Parteien sind darüber hinaus andere Gruppen massiv unterrepräsentiert. Während der Anteil mit Migrationshintergrund sehr langsam ansteigt, sind die letzten Angehörigen der Arbeiterschaft, von Menschen mit geringem Sozialstatus und / oder niedrigen formalen Bildungsabschlüssen weitgehend aus der aktiven Parteimitgliedschaft verschwunden. Mit anderen Worten: Es gibt in vielen Parteien ein Repräsentationsdefizit für verschiedene Bevölkerungsgruppen, was zunehmend auch in den Parteien selbst als Problem gesehen wird. Anders als bei Alter und Geschlecht der Parteimitglieder ist die Datenlage für viele dieser Gruppen, etwa den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Parteimitgliedschaft, sehr viel schlechter.

Es fehlt an Daten, aber auch an Analysen zum Zustand und zu den Ursachen, zum innerparteilichen Umgang und zu den politischen Folgen dieser defizitären Repräsentation spezifischer Bevölkerungsgruppen und Milieus. Zudem werfen die nur grob skizzierten Befunde empirische und normativ-theoretische Fragen auf, etwa:

  • Wie steht es um die substantielle Repräsentationsleistung in Parteien? Werden die spezifischen Probleme unterrepräsentierter Bevölkerungsgruppen von den vorhandenen Parteien zu wenig aufgegriffen? Liegt dem Repräsentations- in Wahrheit ein Responsivitätsdefizit zugrunde?
  • Wie kommt es zu der fortdauernden Ungleichheit? In welchem Zusammenhang stehen strukturelle Ursachen und die unterschiedliche Partizipationsbereitschaft in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Milieus?
  • Was tun Parteien, um etwa mehr Frauen, junge Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund zur Mitgliedschaft zu motivieren? Gibt es ein Interesse in den Parteien, die Situation zu ändern?
  • Welche Folgen haben unterschiedliche Repräsentationsleistungen der Parteien etwa für den Wahlerfolg? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der innerparteilichen Zusammensetzung und dem Wahlerfolg?
  • Wie steht es um die Repräsentationsleistung von Parteien in Parlament und Regierung, welche Defizite sind hier zu erkennen? Welche parteilichen Ursachen und Rückwirkungen sind von Bedeung?
  • Wie sinnvoll ist das Ideal einer perfekten deskriptiven Repräsentation für Parteien? Wie kann die Forderung nach Repräsentation hinsichtlich einzelner Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Migrationshintergrund begründet werden, welche weiteren sozialen oder wirtschaftlichen Merkmale sind zu berücksichtigen? Wäre deskriptive Repräsentation nicht eher ein Ideal für das Parteiensystem als Ganzes als für einzelne Parteien?

Wissenschaftler:innen aller Karrierestufen werden eingeladen, gleichermaßen theoretisch-normative, methodische sowie empirische Beiträge vorzuschlagen. Beiträge können Fallstudien im In- oder Ausland adressieren, zudem sind auch vergleichende Perspektiven höchst relevant.

Vortragsvorschläge sind bitte bis zum 30. Juni 2021 bei den Sprecher/innen der AKs einzureichen (PDF-Format; Umfang ca. 500 Wörter; jununi-trierde; torsten.oppellanduni-jenade; bukowuni-duesseldorfde)

Eine Publikation ausgewählter Beiträge wird angestrebt (ggf. special issue einer Fachzeitschrift). Die Tagung findet nach aktuellem Planungsstand als paper-based Präsenz-Konferenz in Jena statt, wobei eine digitale Teilnahme ermöglicht werden wird (Hybrid-Format).