Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 08.05.2026

CfP - Workshop 19: Konsum und Geschlecht

1. Thema und Zielsetzung

Konsum ist nicht geschlechtsneutral, wird jedoch bislang meist als solcher verstanden. Dabei lässt sich historisch deutlich nachvollziehen, dass die gesellschaftliche Rolle der Frau eng mit jener der Konsumentin verknüpft war (Pence 2003): Frauen galten als zentrale Adressatinnen von Verbraucher:innenpolitik und -forschung (Bock und Specht 1958) und waren über Frauenvereine und frauenbewegte Initiativen maßgeblich an der Ausgestaltung des deutschen Verbraucher:innenschutzes beteiligt (Stoff 2015; Schüller und Wolff 2000; Rick 2018).

Auch im heutigen Konsumalltag sind geschlechtsspezifische Strukturen deutlich erkennbar (u. a. M. Schneider und Rosenbaum 2025): Werbung bedient sich häufig stereotypisierender Gender-Marketing-Strategien, und Feminismus wird zunehmend zur Ware, die im Sinne eines "Femvertising" zur Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen eingesetzt wird (Holtz-Bacha 2019). Produktdesigns orientieren sich vielfach an der Norm eines vermeintlich "durchschnittlichen" Mannes und dessen physischer Beschaffenheit (Schauer et al. 2024; Bartlett 2023; Agyemang, Andreae, und McComb 2023). Frauen zahlen in vielen Fällen höhere Preise für vergleichbare Dienstleistungen, etwa bei Friseur:innenbesuchen oder in der Textilreinigung (Heiden und Wersig 2017), und sind häufiger von Energiearmut betroffen oder stehen bei niedrigem Einkommen vor besonderen Herausforderungen in der Haushaltsführung (Kenning et al. 2023). Gleichzeitig kann der Konsum- und Dienstleistungsmarkt aber auch zum eigenen Empowerment genutzt werden (Coleman 2012).

Diese Ungleichheiten betreffen jedoch nicht ausschließlich cis-heterosexuelle Frauen. Auch lesbische Frauen, junge rassifizierte Männer und trans Personen erleben Einschränkungen beim Zugang zu Waren und Dienstleistungen (Beigang et al. 2021; Franzen und Sauer 2010). Ein erheblicher Teil der Beratungsanfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bezieht sich auf Diskriminierung beim privaten Zugang zu Gütern und Dienstleistungen (ADS 2024, 64). Gleichzeitig scheint das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Geschlechterverhältnissen und Konsum in Verbraucher:innenorganisationen bislang wenig ausgeprägt zu sein (M. Schneider 2025).

In der Rechtsprechung ist nach wie vor umstritten, inwiefern das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz als Verbraucher:innenrecht im engeren Sinne zu verstehen ist (Beigang et al. 2021, 185). Zugleich werden in Verbraucher:innenschlichtungsstellen auf Grundlage des Verbraucherstreitbeilegungsgesetzes zwar auch Sachverhalte mit möglichem AGG-Bezug geprüft, jedoch sind die Verfahrensordnungen der jeweiligen Schlichtungsstellen dafür in der Regel nicht spezifisch ausgestaltet (Beigang et al. 2021, 272). 

Gleichzeitig ist die eher klassische Verbraucher:innenforschung in Deutschland nach wie vor überwiegend deskriptiv-erklärend und ökonomisch orientiert (Kenning 2017, 7). Häufig greifen ihre Modelle auf die (neuere) Institutionenökonomik oder verhaltensökonomische Ansätze zurück (Oehler 2017, 21), die gesellschaftliche – insbesondere geschlechtliche – Verhältnisse weitgehend ausblenden (Yollu-Tok und Rodríguez Garzón 2019, 734–35; Strünck 2020, 24–25). Zwar kritisiert die "kritischere" Verbraucher:innenforschung diese theoretische Verengung, doch auch hier bleiben Geschlechterverhältnisse weitgehend unbearbeitet (Fridrich et al. 2014; Fridrich et al. 2017; Nessel et al. 2018; Piorkowsky und Kollmann 2019; 2021).

Im Kontext der Geschlechterforschung wird Konsum hingegen meist nur am Rande behandelt – selten als zentrale Kategorie im Verhältnis von Geschlecht und Gesellschaft und nur vereinzelt als eigenständiges Forschungsfeld (Wagner 2020, 18–25). Zwar ist international bereits seit Längerem eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Konsum und Geschlecht zu beobachten (Arsel, Eräranta und Moisander 2015; Gurrieri, Previte und Prothero 2020; Coleman, Fischer und Zayer 2021), doch diese Diskussion hat bislang kaum Eingang in den deutschsprachigen Diskurs gefunden.

Mit dem Workshop "Konsum und Geschlecht" soll diese Forschungslücke gezielt adressiert und ein interdisziplinäres Forum für Austausch und Vernetzung geschaffen werden. Ziel ist es, bislang weitgehend getrennte Forschungsstränge im deutschsprachigen Raum zusammenzuführen: eine geschlechterreflektierte Verbraucher:innenforschung ebenso wie eine konsumtheoretisch sensibilisierte Geschlechterforschung.

Ein solcher Dialog erscheint gerade heute besonders dringlich, denn Konsum ist zunehmend ein Ort gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Algorithmen strukturieren den Zugang zu Waren und Dienstleistungen, geschlechterpolitische Konflikte werden über Märkte, Produkte und Boykottstrategien ausgetragen. Zugleich lässt sich ein gesellschaftlicher Backlash gegen Gleichstellungspolitiken beobachten, bei dem Konsum immer häufiger als Projektionsfläche dient. Der Workshop versteht sich daher als Einladung zur kritischen und produktiven Auseinandersetzung mit einem der zentralen Felder gesellschaftlicher (Un)Gleichheit.

2. Mögliche Themenfelder

Gesucht werden Beiträge, die sich mit den folgenden Themen auseinandersetzen oder auch darüber hinausgehen:

Theoretische Perspektiven auf Geschlecht und Konsum

Welche Konzepte, Kategorien und Theorien eignen sich zur Analyse der Verflechtung von Konsum und Geschlecht? Welche epistemischen Lücken bestehen – etwa in der feministischen Theorie, der Konsumforschung oder der politischen Ökonomie? Welches analytische Potenzial liegt außerdem in intersektionalen, queeren oder postkolonialen Zugriffen auf Konsumpraktiken und Marktverhältnisse?

Geschlecht und Konsum im historischen Verbraucher:innenschutz

Wie waren Konsum und Geschlecht in Deutschland historisch verwoben – rechtlich, politisch, organisatorisch und wissenschaftlich? Welche Rolle spielten Frauenverbände, hauswirtschaftliche Netzwerke und feministische Akteur:innen bei der Entstehung des Verbraucher:innenschutzes? Welche Kämpfe, Bündnisse und Ausschlüsse prägten diesen Prozess?

Vergeschlechtlichte Konsumpraktiken

Wie strukturieren Geschlechterverhältnisse alltägliche Konsumentscheidungen? Welche Vorstellungen von Normalität liegen hinter geschlechtlich codierten Konsumprodukten und -praktiken? Inwiefern werden durch Konsum binäre, cis- und heteronormative Geschlechterverhältnisse (re-)produziert oder auch transformiert? Welches Potenzial von Empowerment bietet vergeschlechtlichter Konsum in einer kapitalistisch geformten Gesellschaft?

Konsum als Austragungsort geschlechterpolitischer Kämpfe

Welche Rolle spielt Konsum in symbolischen und materialistischen Kämpfen um Geschlechterverhältnisse? Inwiefern wird über Boykotte, Buykotte, Marketingkampagnen, Produktplatzierungen oder Konsumverzicht um feministische, antifeministische oder queere Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und Deutungshoheit gestritten?

Ungleichheiten beim Zugang zu Waren und Dienstleistungen

Inwiefern beeinflussen soziale Differenzkategorien wie Geschlecht – oder intersektional auch Sexualität, Klasse, >>Rasse<<, Alter, Religion, Behinderung – die soziale Teilhabe und den Zugang von Verbraucher:innen zu Waren und Dienstleistungen? Welche Barrieren bestehen insbesondere für marginalisierte Verbraucher:innen?

Institutionen und Organisationen

Welche Formen von Geschlechterwissen prägen selbst- oder fremdorganisierte Verbraucher:innenorganisationen und Unternehmen? Wie wirken sich formale Regelwerke, informelle Routinen, Personalpolitiken oder Beratungspraxen auf die Teilhabe von Verbraucher:innen an Märkten aus? Wie werden Strukturen und Praktiken gestaltet, um insbesondere die Teilhabe marginalisierter Verbraucher:innen zu ermöglichen?

Recht und Regulierung

In welchem Verhältnis stehen Antidiskriminierungs- und Verbraucher:innenrecht? Welche Chancen und Begrenzungen bieten das deutsche und europäische Verbraucher:innenrecht für die Anerkennung und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Diskriminierung? Wo bestehen Schutzlücken und wie ließen sich diese rechtspolitisch adressieren?

Digitalität, Plattformen und algorithmische Konsumregime

Welche Rolle spielt Geschlecht in digitalen Märkten und algorithmischen Systemen? Welche Formen von Bias, Diskriminierung oder Unsichtbarmachung finden sich in Empfehlungsalgorithmen, Online-Shopping-Plattformen oder datengetriebenen Konsumprofilen? Inwiefern werden in den Märkten und mit den Algorithmen gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse (re-)produziert oder transformiert? 

Intersektionale, queere, postkoloniale und dekoloniale Perspektiven sind ausdrücklich willkommen.

3. Zielgruppe

Der Workshop richtet sich an Wissenschaftler:innen aller Karrierestufen. 

4. Einreichung, Fristen und Terminplanung

Bitte senden Sie uns bis Freitag, den 8. Mai 2026 ein aussagefähiges Abstract als möglichst als eine PDF-Datei über das Kontaktformular auf dieser Seite.  Das Abstract soll maximal 2.000 Zeichen inklusive Leerzeichen umfassen (Titel, Autorennamen, Kontaktdaten und Keywords zählen nicht mit). Bei Fragen wenden Sie sich bitte an E-Mail-Adresse verbraucherforschungverbraucherzentralenrw.

Bis zum 18. Mai 2026 erhalten Sie eine Nachricht über die Annahme Ihres Vorschlags. In diesem Fall werden wir Sie bitten, uns bis zum 8. September eine Präsentation (Dateiformate: PPTX oder PDF) zuzusenden. Bitte beachten Sie, dass die Vorträge dieses Workshops im Open Access in unserem "Jahrbuch Konsum & Verbraucherwissenschaften" erscheinen sollen. Die Abgabe der Manuskripte (Dateiformat: DOCX) soll bis zum 29. Januar 2026 erfolgen.

Ihre Reisekosten zum Workshop werden Ihnen im Rahmen des Landesreisekostengesetzes NRW (LRKG) und der Allgemeinen Verwaltungsvorschriften zum Landesreisekostengesetz (VVzLRKG) erstattet.