Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 31.03.2020

CfP – Der Jude als ewiges Feindbild? (Neue) Dimensionen des Antisemitismus heute, Bad Staffelstein

                                                                                                                           

 

Call for Papers für die Kooperationstagung des DVPW Arbeitskreises „Politik und Religion“ mit RIAS Bayern und der Hanns-Seidel-Stiftung

Der Jude als ewiges Feindbild? (Neue) Dimensionen des Antisemitismus heute

17./18. September 2020

Bildungszentrum Kloster Banz
 

Der bekennende Antisemit Carl Schmitt schrieb einst, der Feind sei „unsere eigne Frage in Gestalt“. Demnach stellt der Feind nicht allein die Existenz einer bestimmten kollektiven Identität in Frage. Entlang von Feindbildern und Sündenböcken lassen sich überhaupt die Denk- und Argumentationsmuster generieren, um ein ,Wir‘ in Abgrenzung von einem ,Anderen‘ bzw. einem ,Fremden‘ zu identifizieren.

Die negativen Stereotypen, Pauschalverurteilungen und Diskriminierungen, denen Juden seit ca. 2500 Jahren ausgesetzt sind und die, wie das Attentat von Halle im Oktober 2019 in schockierender Weise verdeutlichte, nach wie vor in blinden Hass, Mord und Verfolgung umschlagen können, haben sich dieser Lesart zufolge fest in das gruppenspezifische Selbstverständnis vieler Deutscher und Europäer eingebrannt. Die Formen des Antisemitismus mögen daher einem permanenten Wandel ausgesetzt sein, das Phänomen als solches ist hingegen in all seiner Veränderbarkeit als konstant anzunehmen. Vom religiös geprägten Antijudaismus über den klassischen Antisemitismus und dem danach wirkenden Verdrängungsmechanismus im sekundären Antisemitismus bis hin zum israelbezogenen Antisemitismus, immer waren Juden und Jüdinnen Ziel von Abwertung, Ausgrenzung, Ressentiments und Feindseligkeit.

Umso wichtiger ist es, die aktuellen, offenen wie latenten Erscheinungsbilder, die der Antisemitismus als politische Ideologie, Legitimationsressource von Gewalt sowie als identitätsstiftende Markierung von Freund-Feind-Dichotomien angenommen hat, einer kritischen, sozialwissenschaftlich und zeithistorisch imprägnierten Reflexion zu unterziehen. Die einschlägigen Keynotes und Referate (für die bitte bis zum 31.3.2020 Abstracts von 1−2 Seiten an hidalgoouni-muensterdeund/oder hildmannhssdezu senden sind) sollen sich dabei bevorzugt drei Themengebieten zuordnen:

Panel 1: Antisemitismus vs. Kritik an der Politik Israels? Im Zentrum steht hier die Frage, inwieweit jene öffentlich häufig eingeforderte Differenzierung wirklich hilfreich ist, um zwischen antisemitischen und nicht antisemitischen Positionen zu unterscheiden. Die von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) 2016 beschlossene Arbeitsdefinition macht diesbezüglich zurecht darauf aufmerksam, dass auch der „Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher [antisemitischer] Angriffe sein kann“. Ein Thema des Panels könnte es im Gegenzug darstellen, theoretische und praktische Kriterien an eine nachdrückliche Distanzierung von israelischer Politik zu eruieren, die intersubjektiv nicht darauf hinausläuft, eine antisemitische Haltung allenfalls zu kaschieren. Zugleich gilt es in diesem Zusammenhang zu klären, ob die signifikante Zunahme des sog. „sekundären Antisemitismus“ sowie die damit verknüpfte Täter-Opfer-Umkehr in einer Umwegkommunikation derzeit die eigentlich besorgniserregende neue Dimension der Judenfeindlichkeit umfasst.

Panel 2: Antisemitismus und (Rechts-)Extremismus. Das Erkenntnisinteresse des zweiten Panels betrifft nicht nur den Aspekt, inwieweit der Antisemitismus unverändert ein oder sogar das empirische Bindeglied bedeutet, welches (rechts- oder links-)extreme Standpunkte wie Handlungen über alle sonstigen Differenzen hinweg miteinander verbindet. Es ist auch auf der theoretischen Ebene zu erörtern, welche Funktion der Judenhass innerhalb zeitgenössischer politisch extremistischer Strömungen erfüllt und wie sich dies programmatisch-agitatorisch in konkreter Manier niederschlägt. Gegenstand der Diskussion soll es zudem sein, ob die pseudo- wissenschaftliche Rechtfertigung des Antisemitismus derzeit noch den weithin üblichen politisch-antizionistischen bzw. rassistisch-biologistischen Motiven folgt, oder ob − in postsäkularer (?) Umgebung − eventuell sozioreligiöse Identitätsabgrenzungen an Relevanz gewinnen, die ehedem obsolet schienen.

Panel 3: Antisemitismus und Islamismus. Abschließend will die Tagung der Frage nachge- hen, welches Verhältnis heute zwischen Antisemitismus und Islamismus besteht. Handelt es sich um zwei Seiten der gleichen Medaille, also gruppenbezogene Vorurteile und Ressenti- ments, welche nur den Feind wechseln? Oder manifestiert sich eine alternative Feind-Konstellation, da antisemitische Einstellungen bei Anhängern und Vertretern eines radikalen politi- schen Islam in Form eines „muslimischen Antisemitismus“ weit verbreitet sind? Auf jeden Fall handelt es sich um eine vertrackt ineinandergreifende Herausforderung, weil sich aufgrund der medialen Präsenz des Islamismus heute viele gemäßigte Muslime (oder auch ,dem‘ Islam bloß zugeordnete Personen) vergleichbaren Pauschalverurteilungen und Diskriminierungen ausgesetzt sehen, wie es jüdischen Mitbürgern seit vielen Jahrhunderten widerfährt. Gleichwohl ist zu erörtern, ob es sich am Ende doch um zwei Phänomene handelt, die bei genauem Hinsehen weniger Berührungspunkte aufweisen, als es eine verbreitete, medial unterstützte Auffassung behauptet.

Daneben sind ebenso Beiträge erbeten, die eine dezidierte Bestandsaufnahme der Dimensionen bzw. der Bedeutungsgehalte des Antisemitismus im gegenwärtigen Deutschland und Europa leisten. Auch Studien, die lokale policies gegen Antisemitismus untersuchen und/oder Einstellungen in Verwaltungsorganen (u.a. Polizei etc.) analysieren, sind sehr willkommen.

Die Tagung, die vom AK Politik und Religion der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft in Zusammenarbeit mit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Bayern und der Hanns-Seidel-Stiftung organisiert wird, findet am 17./18. September 2020 in Kloster Banz statt. Die Ergebnisse sollen bis Ende 2021 in einem Tagungsband publiziert wer-den.