Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 02.10.2019

CfP – Die Fabrikation von Demokratie. Baustellen performativer politischer Repräsentation, Duisburg

Call for Papers

zur Tagung: Die Fabrikation von Demokratie. Baustellen performativer politischer Repräsentation
Termin: 5. bis 6. Dezember 2019
Ort: Universität Duisburg-Essen (Campus Duisburg)

Die Tagung wird organisiert von Renate Martinsen (Duisburg) und Jan-Peter Voß (Berlin) im
Rahmen der Arbeitskreise Konstruktivistische Theorien der Politik sowie Politik, Wissenschaft und Technik in der DVPW, mit Unterstützung der Sektion Politische Soziologie in der DGS.

Praxis und Kultur der Demokratie sind kontinuierlich im Werden. Darüber kann auch die historische Dominanz und weitgehende Naturalisierung des liberal-repräsentativen Demokratiemodells mit Parteienwettbewerb und Wahlen nicht hinwegtäuschen. Gegenwärtig wird auf etlichen Baustellen mit einer Vielfalt alternativer Formen experimentiert, den Volkswillen oder den „will of the people“ zu artikulieren, um ihn zum Maßstab der Gestaltung kollektiver Ordnungen zu machen. Die Liste der Beispiele solcher Praktiken von „democracy in the making“ reicht von Techniken der Meinungsumfrage (opinion polling) und des automatisierten Herauslesens der öffentlichen Meinung aus digitalen Interaktionsdaten (opinion mining) über webbasierte Werkzeuge zur Vermittlung von Angebot und Nachfrage bei Wahlen (voter advice applications), neue Formen der Repräsentation von Anspruchsgruppen im Kontext globaler Governance (stakeholder fora) und die Verbreitung deliberativer Bürgerformen als flexibel einsetzbare Instrumente zur Artikulation öffentlicher Meinungen (mini-publics) bis hin zur ästhetischen Artikulation politischer Positionen in Platzbesetzungen, Kunstaktionen und experimentellen Lebensformen (performative interventions). Ob dezidiert als Demokratieinnovation entworfen oder im weiteren Sinne als politische Verfahren, so gibt es doch eine Gemeinsamkeit dieser bunt-schillernden Praktiken: Im beständigen Kampf um die Definition des Gemeinwohls werden kollektive Positionen sichtbar gemacht, die auf unterschiedliche Weise den Anspruch erheben, im Namen des Volkes zu sprechen. Die Arbeit an all diesen Verfahren, die jeweils für sich reklamieren, die Wünsche, Werte, Interessen, Bedürfnisse oder Sorgen der Gesellschaft zu repräsentieren, trägt so de facto dazu bei, den Demos jeweils auf eine bestimmte Art und Weise zu realisieren und damit einen Bezugspunkt für die Generierung politischer Autorität anzubieten (vgl. Pierre Rosanvallon „general economy of representation“).

Viele dieser Praktiken lassen sich jedoch innerhalb der gewohnten Zugänge empirischer Demokratieforschung, die Demokratie als vorgängige Ordnung konzeptualisiert, und nicht als Realität, die durch praktizierte Kultur- und Lebensformen erst hervorgebracht wird, nicht erfassen. Zur Vergegenwärtigung des dynamischen und performativen Charakters demokratischer Ordnungen bedarf es der Entwicklung einer neuen Form von deskriptiv-analytischer Demokratieforschung im Rahmen eines konstruktivistischen Forschungsdesigns.

Ansetzen lässt sich diesbezüglich bei konstruktivistischen Theorien politischer Repräsentation, die untersuchen, wie kollektive politische Subjekte durch ihre Repräsentation erst hervorgebracht werden (siehe hierzu etwa Pierre Bourdieu, Judith Butler, Brian Seitz, Bruno Latour, Michael Saward, Lisa Disch). Repräsentation wird hierbei in zweierlei Hinsicht als „perfomativ“ konzipiert: Erstens wird das Kollektiv als Einheit erst in den Praktiken der Repräsentation existent, durch Darstellungen seiner selbst, und zweitens ist es für den Erfolg dieser Operation erforderlich, dass diese Darstellungen gleichzeitig aber doch als Repräsentation, also als neutrale Spiegelung von etwas schon vorgängig Existentem, aufgeführt wird, und nicht etwa als Erfindung oder Manipulation. Hier liegt ein Kern der Magie politischer Autoritätsgenerierung. Diese resultiert in der Fabrikation von Kollektivsubjekten, die dann vermittelt über ihre Repräsentation, auch faktisch existent werden.

Im Rahmen eines praxis-/kultursoziologischen Zugangs geht es nicht um eine Beurteilung der
demokratischen Qualität dieser Praktiken, indem die Übereinstimmung der erzeugten Repräsentationen mit einem vorgängig gegebenen Kollektivwillen untersucht wird. Vielmehr wird fokussiert auf eine Beschreibung konkreter Praktiken performativer politischer Repräsentation und ihrer Ermöglichungsbedingungen. Dabei interessieren analytisch auch die impliziten Ontologien, die „democratic imaginaries“ (Yaron Ezrahi), die darin transportiert werden. Auf welche Grundannahmen zu menschlicher Subjektivität, Gesellschaft und Politik wird in den verschiedenen Praktiken jeweils rekurriert (z.B. Gesellschaft als Ansammlung von autonomen Individuen, als geteilte Lebens- und Sinnwelt, als Herrschaft und Unterdrückung bzw. Ausschluss)?

In einem weiteren Schritt können wir ins Visier zu nehmen, wie sich verschiedene Praktiken
der Repräsentation des Demos herausbilden und etablieren. Neben Prozessen der spontanen
historischen-emergenten Formierung finden wir Aktivitäten, in denen Repräsentationsverfahren gezielt entworfen, modelliert und experimentell entwickelt werden. Im Rückgriff auf Forschungsansätze der Science and Technology Studies (z.B. Karin Knorr Cetina, John Law) kann untersucht werden, wie politische Repräsentationspraktiken wissenschaftlich und technisch konfiguriert werden und wie komplexere materiell-semiotische Arrangements konstruiert werden, in denen sie Effektivität und Geltung erlangen. So entwerfen Demokratietheorien logisch konsistente Ordnungen des Demos und seiner Repräsentation, innerhalb derer begründet wird, warum auf welche Weise legitim im Namen des Volkes gesprochen und regiert werden kann. Die innerhalb dieser Theorien entwickelten empirischen Forschungsmethoden und Repräsentationsverfahren können hinsichtlich ihres Beitrags zur Herstellung und Stabilisierung einer spezifischen Realität der Demokratie untersucht und als unterschiedliche Demokratietechnologien analysiert werden: als Rationalisierungen (-logien) der Fertigkeit (techne), im Namen des Volkes zu sprechen bzw. legitime Demonstrationen des „will of the people“ zu artikulieren.

Schließlich sind Prozesse zu analysieren, in denen bestimmte Praktiken und Verfahren der
performativen Repräsentation des Demos miteinander im Wettbewerb stehen und einige historisch und örtlich umgrenzt Dominanz gewinnen. Hier liegt der Blick auf der Auseinandersetzung um die Durchsetzung miteinander rivalisierender Demokratieformen, wobei Demokratie nicht nur stets „im Kommen“ (Jacques Derrida), sondern auch „im Gehen“ (André Brodocz) ist. In der Zusammenschau einzelner Repräsentationspraktiken zeichnet sich das größere Bild eines dynamisierten Prozesses von demokratischer Ordnungsbildung und Entgrenzung ab. Zugleich eröffnet sich in der Analyse dieser Dynamiken ein Ausblick auf potenzielle Zukünfte der Demokratie im Sinne eines öffentlich verhandelten Vision Assessments (John Grin, Arnim Grunwald) bzw. der konstruktiven Folgenabschätzung (Arie Rip) für Demokratietechnologien unter der Frage: „Welche Demokratie wollen wir?“

Die Tagung hat zum Ziel, die Vielfalt der Baustellen gegenwärtig entstehender Formen der
Demokratie zu erkunden, in denen die Repräsentation eines kollektiven Willens des Demos
praktiziert wird, und die Art und Weise zu analysieren, wie Demokratie dort jeweils praktisch in unterschiedlichen materiellen Konfigurationen gemacht wird. Solange nicht eine einzige Art und Weise im Namen des Volks zu sprechen und zu handeln hegemonial ist, existiert hier der Demos als Multiplizität („the demos multiple“ im Anschluss an Annemarie Mol).
 

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen laden wir Beiträge ein zu folgenden Themen:

Theoretische und methodologische Fragen zum Konzept „performativer politischer Repräsentation“. Zum Beispiel:

  • In welchem Verhältnis stehen Sprechakte, die repräsentative Ansprüche formulieren, zur kollektiven Subjektivität, die sie potenziell konstituieren?
  • Lassen sich in methodisch fruchtbarer Weise spezifische Formen der Produktion und Rezeption von „representative claims“ typisieren, etwa hinsichtlich der Medien, in denen sie artikuliert werden (Sprache, Bild, Körper, Artefakt, Architektur etc.) oder der zugeschriebenen Wirkungsweise (rational argumentativ, rhetorisch persuasiv, affektiv sensorisch, emotional stimulierend)?
  • Auf welche Weise können strukturelle Erfolgsbedingungen (felicity conditions) für bestimmte Praktiken performativer Repräsentation herausgearbeitet und analytisch in Beziehung gesetzt werden zur Prozessdynamik der Repräsentation?
  • Wie können normative Kriterien performativer demokratischer Repräsentation (wie Responsivität, Ergebnisoffenheit oder Diversität) konzipiert und operationalisiert werden?


Analytische Dekonstruktion der „Natürlichkeit“ des modernen Arrangements liberaler repräsentativer Demokratie. Zum Beispiel:

  • Wie hat sich die Kultur der liberal-repräsentativen Demokratie historisch ausgebildet und wie konnte sie sich im Wechselspiel von gelebter Praxis und philosophisch-wissenschaftlicher Demokratieforschung etablieren, auch in Konkurrenz zu anderen Demokratieformen?
  • Auf welchen ontologischen Grundannahmen und etablierten praktischen Arrangements basiert die Legitimität liberaler Demokratie, beispielsweise hinsichtlich individueller und kollektiver Subjektivität, Gemeinwohl und öffentlicher Meinung, wissenschaftlicher Objektivität sowie des Verhältnisses von Politik und Wissenschaft?
  • Wodurch wurden und werden diese weithin für selbstverständlich gehaltenen Theoreme in Frage gestellt und herausgefordert, wie werden sie etwa im Kontext grundlegender spätmoderner Transformationen in der Weltgesellschaft brüchig und erodieren?


Alternative Praktiken politischer Repräsentation bzw. “doing democracy differently“. Zum Beispiel:

  • Welche konkreten Formen im Namen des Volkes zu sprechen lassen sich empirisch identifizieren und beschreiben? Welche impliziten und expliziten Ontologien von Gesellschaft, Politik bzw. Demokratie liegen ihnen zugrunde?
  • Wie werden „representative claims“ in diesen Formen praktisch entworfen, produziert, rezipiert oder ignoriert, angenommen oder abgelehnt, und wie lässt sich deren performative Effektivität methodisch erfassen?
  • Auf welche Weise werden Repräsentationspraktiken theoretisch rationalisiert und wissenschaftlich legitimiert oder kritisiert?
  • Wie lassen sich verschiedene identifizierte Formen analytisch unterscheiden und wie lässt sich ihre Vielfalt kartieren und im Zusammenhang verstehen, z.B. als Landschaft, als Feld, als Ökologie, als System?


Experimentelle Konfigurationen von Repräsentationspraktiken bzw. „innovating democracy“. Zum Beispiel:

  • Auf welche Weise entstehen Praktiken der politischen Repräsentation? Wie werden sie experimentell getestet und weiterentwickelt?
  • Wie lassen sich konkrete Aushandlungsprozesse und lokale Entstehungskontexte zur Herstellung von „Demokratiewissen“ rekonstruieren?
  • Wodurch wird die Entstehung von Expertenkulturen der Demokratie begünstigt, wie breiten sie sich aus und welchen Beitrag leisten sie zur Sicherung bestehender sowie zur Etablierung von neuen Demokratieformen?
  • Wie kann das dynamische Wechselspiel verschiedener Praktiken von „democracy in the making“ untersucht werden, auch im Hinblick auf die Reflexion und Diskussion der potenziellen Zukünfte von Demokratie?
     

Die Ergebnisse der Tagung sollen in eine Publikation einfließen.

Bitte senden Sie Ihre Abstracts im Umfang von max. 500 Wörtern sowie eine kurze CV-Notiz
bis zum 2. Oktober 2019 an die beiden folgenden (Cc) Kontaktadressen:

renate.martinsenuni-duede
jan-peter.vosstu-berlinde