Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 15.10.2019

CfP – 30 Jahre nach der Wiedervereinigung: Regieren in der Bundesrepublik Deutschland, Jena

Call for Papers

30 Jahre nach der Wiedervereinigung: Regieren in der Bundesrepublik Deutschland
Gemeinsame Tagung der Sektion ‚Regierungssystem und Regieren in der Bundesrepublik Deutschland‘, der Sektion ‚Policy-Analyse und Verwaltungswissenschaft‘ und des Arbeitskreises ‚Lokale Politikforschung‘ der DVPW
13. und 14. Februar 2020 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

2020 jährt sich die deutsche Wiedervereinigung bereits zum 30. Mal. Das Jubiläum soll als Anlass dienen, die Entwicklung des politischen Systems Deutschlands seit der Wiedervereinigung zu sondieren. Ziel der gemeinsamen Tagung der Sektionen ‚Regierungssystem und Regieren in der Bundespublik Deutschland‘ und ‚Policy-Analyse und Verwaltungswissenschaft‘ sowie des Arbeitskreises ‚Lokale Politikforschung‘ der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft ist eine differenzierte Bilanz der Kontinuitäten und des Wandels des deutschen Regierungssystems in den letzten 30 Jahren.

In den 1990er Jahren lag der Fokus der Forschung zunächst auf dem Institutionentransfer von West nach Ost und auf den Anpassungsprozessen Ostdeutschlands an das politische System der alten Bundesrepublik. Dabei war in der Transformationsforschung zunächst die Erwartung weit verbreitet, es würde nach der Wiedervereinigung zu einer schnellen Konvergenz zwischen Ost- und Westdeutschland kommen. Zugleich wies allerdings die Politische-Kultur-Forschung auf bestehende Differenzen in den Orientierungen und Wertvorstellungen von Ost- und Westdeutschen hin. Zunehmend rückten dann auch Persistenz und Divergenz einerseits sowie von Ostdeutschland ausgehende Strukturanpassungen andererseits, beispielsweise die Einführung direktdemokratischer Verfahren in die Regierungssysteme der Länder, in den Fokus der Forschung. Somit erlebte das ver-einte Deutschland insgesamt eine „Kotransformation“, in der vereinigungsbedingte Veränderungen deutschlandweit spürbar sind. Dabei ist dieser nationale Transformationsprozess zugleich mit der zunehmenden Europäisierung und Globalisierung verschränkt.

Die Tagung möchte 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung eine Zwischenbilanz der institutionellen und politisch-kulturellen Anpassungsprozesse in Hinblick auf das politische System Deutschlands ziehen. Dieser Fokus erhält seine Relevanz auch durch die sich aktuell wieder verstärkenden öffentlichen Debatten über anhaltende Ost-West-Unterschiede, etwa in Bezug auf ökonomische Leistungsfähigkeit, Lebensverhältnisse, politische Einstellungen, die Entwicklung der Parteiensysteme und die Unterrepräsentanz Ostdeutscher in der gesamtdeutschen Elite.

Um eine differenzierte Zwischenbilanz zu ermöglichen, sollen alle Ebenen des gesamtdeutschen politischen Systems in die Betrachtung einbezogen werden und Veränderungs- sowie Anpassungsprozesse aber auch Beständigkeit mit Blick auf die unterschiedlichen Dimensionen des Politikbegriffs untersucht werden. Gewünscht sind Analysen zum Wandel des politischen Systems insgesamt sowie in den Bundesländern und zur Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung. Erwünscht sind Beiträge, die Wandel und Anpassung bzw. Persistenz aus der Perspektive zentraler Institutionen, wichtiger Akteure und Organisationen, oder auch aus der Perspektive einzelner Politikfelder analysieren. Willkommen sind darüber hinaus Beiträge, die eine Makroperspektive einnehmen: Wie hat sich die Demokratie in Gesamtdeutschland entwickelt und inwieweit sind entsprechende Entwicklungen auf den Prozess der innerdeutschen Integration zurückzuführen? Neben Längsschnitt-vergleichen begrüßen wir auch Querschnittsvergleiche, etwa im europäischen Kontext: Wie sieht die Bilanz des Transformationsprozesses nach dem Epochenbruch von 1989/90 in Deutschland im Vergleich zu anderen osteuropäischen Transformationsstaaten aus? Nicht zuletzt sind wir auch an der Frage der europäischen Einbettung des deutschen Vereinigungsprozesses interessiert: die europäische Integration galt und gilt als eine Voraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung: Wie hat sie sich auf den innerdeutschen Integrationsprozess ausgewirkt?

Mögliche Fragen einer nicht erschöpfenden Liste von Fragestellungen, die die Tagung in den Blick nimmt, lauten:

Polity

  • Wie hat sich die Demokratie in Deutschland seit der deutschen Wiedervereinigung entwickelt?
  • Wie erfolgt und was erklärt Institutionentransfer und Institutionenwandel in unterschiedlichen Bereichen des politischen Systems, ggf. im Ost-West-Vergleich (z.B. Verfassungen und Verfassungspolitik, Parlamentarismus, Landes- und Kommunalparlamente, Verwaltungsstrukturen, kommunale Selbstverwaltung etc.)?
  • Wie wirkt der bundesdeutsche Föderalismus auf die Integration von Ost- und Westdeutschland? Wie hat sich der Föderalismus im Zuge des deutschen Vereinigungsprozesses gewandelt?

Politics

  • Inwiefern gibt es ein ‚gespaltenes’ Wahlverhalten und eine Spaltung des deutschen Parteiensystems?
  • Welche Spezifika weist der Elitenwandel auf?
  • Wie wirkt sich die fehlende Repräsentanz Ostdeutscher in den ost- wie den gesamtdeutschen Eliten aus?
  • Welche Entwicklungslinien politischer Einstellungen und politischer Beteiligung zeigen sich im heutigen Deutschland und inwiefern bestehen hierbei systematische Unterschiede in Ost und West? Gibt es immer noch zwei getrennte politische Kulturen in Deutschland?

Policy

  • Policy-Transfer zwischen Ost- und Westdeutschland: Wo zeigt er sich, wie hat er sich voll-zogen/wie vollzieht er sich, was erklärt ihn?
  • Welche Antworten auf geteilte Policy-Herausforderungen (z.B. Wohnungsfrage, Migration und Integration, Strukturwandel und Arbeitsmarkt, demographischer Wandel, Energiepolitik) werden in Ost- und Westdeutschland formuliert? Wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten? Was erklärt sie?

Übergreifend

  • Wie tragfähig ist die Analyse des gesamtdeutschen politischen Systems anhand der Kategorie ‚Ost-West‘ noch? Inwiefern wird diese Kategorie durch neuere Transformationen und Entwicklungen überlagert?
  • Wie ist der nationale Transformationsprozess mit der zunehmenden Europäisierung und Globalisierung verschränkt?
  • Inwiefern weist der deutsche Fall der Systemtransformation in einer europäischen Perspektive Gemeinsamkeiten auf und wo liegen Spezifika?

Wir freuen uns über aussagekräftige Abstracts im Umfang von nicht mehr als 1000 Wörtern, die aus der neueren Forschung resultieren. Bitte nehmen Sie in ihrem Abstract dabei explizit auf den Themenschwerpunkt des Calls Bezug, den Sie wählen. Bitte richten Sie Ihr Abstract bis zum 15. Oktober 2019 an Marion Reiser (marion.reiseruni-jenade), Renate Reiter (renate.reiterfernuni-hagende) und Sylvia Veit (sveituni-kasselde).