Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Frist: 15.11.2019

CfP – Fußball, (Un)Gleichheiten und (Un)Gerechtigkeiten

Call for Papers

Fußball, (Un)Gleichheiten und (Un)Gerechtigkeiten


Die Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft versteht sich als interdisziplinäre Publikation für wissenschaftliche Beiträge, die den Fußball und seine Bezüge zum Alltag der Menschen und ihrer Gesellschaft theoretisch und/oder empirisch thematisieren. Willkommen sind Beiträge aus der Soziologie, Sozialpsychologie, Erziehungs-, Politik-, Kultur-, Medien-, Sozial- und Sportwissenschaft sowie der (Sport-)Ökonomie, die sich mit dem Fußball in seiner kulturellen und gesellschaftlichen Einbindung beschäftigen.


Gerechtigkeit wird in den Wissenschaften üblicherweise auf drei analytisch getrennten Ebenen diskutiert: der Ebene der ausgleichenden Zivil- und Strafgerechtigkeit, der Tauschgerechtigkeit sowie der sozialen Gerechtigkeit (Hradil 2010). Die vierte Ausgabe der Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft möchte Forschende aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen anregen, die Bedeutung dieser drei Gerechtigkeitsebenen im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Phänomen Fußball genauer zu untersuchen.


Die Zivil- und Strafgerechtigkeit fällt durch objektive Betrachtungen Urteile, die Personen zu ihren berechtigten Ansprüchen verhelfen bzw. Straftäter_innen als Schuldige bestrafen oder als Unschuldige freisprechen. In diesem Zusammenhang ist ein Gerichtswesen eine Überwindung privater Meinung und Durchsetzung von Recht (Höffe 2010: 53f.). Neben der in demokratischen Staaten durch Gewaltenteilung eigenständigen, doch letztendlich staatlich verankerten Justiz hat der Fußball eine eigene Justizbarkeit herausgebildet. Daraus ergeben sich Fragen nach Gültigkeiten und Interdependenzen von privater und staatlicher Justiz, aktuell sicherlich getrieben durch die derzeit gerichtlich geklärte Frage nach den Kosten für die Übernahme von Polizeieinsätzen während Fußballevents. Hingegen werden beispielsweise Stadionverbote und damit zusammenhängende Kollektivstrafen im Rahmen der Zivilgerichtsbarkeit verhandelt, Korruption und Wettbetrug im Rahmen des Strafgerichts. Aber auch Handlungen im Rahmen des Fußballspiels selbst, seien es Fouls oder Beleidigungen auf oder neben dem Spielfeld oder im Publikum sowie Formen des Dopings können isoliert als Straftaten betrachtet werden. Wie werden diese zivil- und strafrechtlichen Zusammenhänge im Kontext des Fußballs und in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit diskutiert und verhandelt? Was gilt als richtiges und falsches Handeln respektive welche unterschiedlichen zivil- und strafrechtliche Gerechtigkeitsempfinden lassen sich in Bezug auf Fußball identifizieren?


Die zumeist private und freiwillige Tauschgerechtigkeit scheint in den Sozialwissenschaften selten diskutiert zu werden. Diese Ebene der Gerechtigkeit bezieht sich auf den eingeschätzten Wert eines Gegenstandes, einer Fähigkeit oder Kompetenz in Form von Dienstleistungen, die für andere Gegenstände und Dienstleistungen eingetauscht werden. Das verwendete Medium ist in kapitalistisch geformten Systemen Geld. Ein solcher Austausch scheint im Sport parallel zu anderen Bereichen der Ökonomie stattzufinden: Spieler_innen erhalten für ihre Dienstleistung ein Gehalt, Zuschauer_innen bezahlen für den Zutritt zum Stadion oder für die Übertragung auf ihr TV Gerät. Firmen bezahlen für ihre Werbung im Kontext des Fußballs. Zudem werden Preisgelder und Prämien ausgezahlt. Jenseits dieser ökonomischen Sphäre ergeben sich jedoch auch andere Tauschformen, die nicht auf das Medium des Geldes zurückgreifen. So kann beispielsweise jegliche Form der Hilfe ausgetauscht werden, insbesondere dann, wenn sich beispielsweise Fußballteams als Gemeinschaften und nicht nur als Ansammlung gemeinsam spielender Menschen verstehen. Wirken gerade Fußballteams und -vereine im Zeitalter postmoderner Vergemeinschaftungen (Hitzler et al. 2005) einerseits überholt, bieten sie andererseits jedoch weniger fluide und damit im Sinne der Tauschgerechtigkeit verlässliche Gesellungsformen. Beiträge zur Tauschgerechtigkeit könnten sowohl Aspekte des ökonomischen als auch des freiwilligen, „privaten“ Austausches im Kontext von Fußball thematisieren.


Soziale Gerechtigkeit wird zumeist in Zusammenhang mit Fragen des oben skizzierten ökonomischen Austausches diskutiert. Zurückgreifend auf Rawls (2008) ist soziale Gerechtigkeit jedoch weiter gefasst als allein das ökonomische System einer Gesellschaft. Es geht um die Verteilung von Rechten und Pflichten in den grundlegenden Institutionen der Gesellschaft sowie um die angemessene „Verteilung der Früchte und der Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit“ (Rawls 2008: S. 20f.). Insbesondere diese Ebene der Gerechtigkeit scheint für die Analyse des Zusammenhangs zwischen Fußball und Gesellschaft bedeutsam und gewinnbringend, denn sie erlaubt es, Prozesse der Ökonomisierung im Fußball in Verbindung mit sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu betrachten.


Themen wie die als exorbitant und ungerecht diskutierten Spieler- und Funktionärsgehälter lassen sich aus dieser Perspektive ebenso beleuchten, wie die Verteilung von Rechten und Pflichten in Vereinen und Verbänden und Partizipationsmöglichkeiten unterschiedlicher Personengruppen am Fußballsport. Wie wird im Kontext des Fußballs soziale Gerechtigkeit verhandelt? Entlang welcher Kriterien werden Positionen und Ressourcen, Rechte und Pflichten verteilt? Welche normativen Setzungen werden vorgenommen und wie lassen sich diese empirisch-analytisch fassen? Diese Fragen lassen sich besonders gewinnbringend aus theoretischen Perspektiven beantworten, die unterschiedliche soziale Differenzierungs- und Normierungskategorien, wie Race, Class, Gender und Ability, und deren Verknüpfungen in den Blick nehmen.


Aus diesen drei kurz angesprochenen Punkten ergeben sich eine Reihe von möglichen Themen und weiterführenden Fragestellungen, die in Beiträgen für die FuG aufgegriffen werden können. Einsendeschluss für Beiträge zum Themenschwerpunkt „Gerechtigkeit“ ist der 15. November 2019.

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an die Herausgeber_innen dieses Schwerpunkthefts:
Dr. Karolin Heckemeyer
Email: karolin.heckemeyerfhnwch
Prof. Dr. Holger Schmidt
Email: holger.schmidtfh-dortmundde

Autor_innenhinweise finden sie unter:
http://www.budrich.de/Zeitschriften/Autor_innenhinweise_FUG.pdf