Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft
Politische Theorie und Ideengeschichte

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CfP Frühjahrstagung 2021 in Dresden

CALL FOR PAPERS

 

Tagung der Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft an der TU Dresden, 11.–12. März 2021 (direkt im Anschluss an den Nachholtermin der Frühjahrstagung 2020, die ebenfalls in Dresden am 9. und 10. März 2021 stattfinden wird)

 

Seit dem Beginn seiner außergewöhnlichen Karriere im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wird der Begriff der Menschenrechte als ambivalent und widersprüchlich kritisiert; eine Kritik, die im 19. Jahrhundert unter anderem von Marx und im 20. Jahrhundert etwa von Arendt aufgenommen und erneuert wurde. Nichtsdestoweniger stellen die Menschenrechte sowohl in der theoretischen Reflexion als auch in der politischen Praxis einen Dreh- und Angelpunkt legitimer Rechtsordnungen dar. Dieser Popularität steht allerdings eine weitgehende Uneinigkeit über ihre konzeptuellen und normativen Grundlagen gegenüber. Die Debatte ist von einer Vielzahl miteinander konkurrierender Menschenrechtskonzeptionen geprägt, von denen die allermeisten Schwierigkeiten haben, die Menschenrechte in ihrer Multidimensionalität als moralische Ansprüche, rechtliche Normen und politische Forderungen zu erfassen. Gegenwärtig werden diese drei Dimensionen von relativ getrennten Theoriesträngen repräsentiert. Der erste Strang versteht die Menschenrechte als moralische Rechte, die von der politischen Inanspruchnahme dieser Rechte und ihrer Geltung als Normen des internationalen Rechts – niedergelegt in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und den nachfolgenden Menschenrechtspakten – zu unterscheiden sind. Der zweite Strang betrachtet die Menschenrechte primär in ihrer Rolle als Rechtsnormen, deren Verletzung humanitäre Interventionen rechtfertigen kann. Ein dritter Strang, zu dem neben diskurstheoretischen auch poststrukturalistische Ansätze gehören, betont die hervorgehobene Rolle der Menschenrechte in politischen Kämpfen für Gerechtigkeit und Gleichheit. Daneben gewinnen Konzeptionen der Menschenrechte, die diese ausgehend von einer grundlegenden Relationalität von sozialen Praktiken, Anerkennungs- und Kooperationsbeziehungen verstehen, zunehmend an Bedeutung. Wir vermuten, dass solche Ansätze das Potenzial haben, unfruchtbare Grenzziehungen der bisherigen Debatte zu überwinden und die Diskussion produktiv zu bereichern.

Unsere Tagung adressiert die Frage, wie die normativen Grundlagen der Menschenrechte verstanden werden können, sodass deren moralische, rechtliche und politische Dimension gleichermaßen Berücksichtigung findet. Davon ausgehend verfolgt die Tagung zugleich das Ziel, die Debatte über die normativen Grundlagen der Menschenrechte um sozial-relationale Ansätze zu erweitern. Wir freuen uns über Einreichungen zu folgenden und verwandten Fragen:

  • Welche (auch weniger breit rezipierten) Autor:innen und Theorien machen hilfreiche Vorschläge, um der Multidimensionalität der Menschenrechte gerecht zu werden?
  • Wie äußert sich diese Multidimensionalität in konkreten Problemen der Internationalen Politischen Theorie (z.B. in den Feldern Klimawandel oder Migration)? Wie schlägt sie sich im Verhältnis zwischen völkerrechtlich fixierten Menschenrechten und staatlichen Grundrechten nieder?
  • Welche Rolle spielt die Multidimensionalität der Menschenrechte in aktuellen kritischen Auseinandersetzungen, beispielsweise aus postkolonialer oder feministischer Perspektive?
  • Wie können neuere sozial-relationale Ansätze, etwa aus dem Feld der Kritischen Theorie, zur theoretischen Bestimmung der Menschenrechte beitragen?
  • Wie spiegelt die politische Ideengeschichte die verschiedenen normativen Grundlagen der Menschenrechte wider? Wie zeigt sich ein multidimensionaler Ansatz in historisch relevanten Formationen der Kritik an den Menschenrechten?

 

Wir bitten bis zum 14. August 2020 um deutsch- oder englischsprachige Abstracts im Umfang von 500 bis 750 Wörtern an die unten genannte E-Mail-Adresse.

Für die Tagung ist eine Panelstruktur vorgesehen: Pro Panel werden zwei bis drei thematisch passende Vorträge von 20-25 Minuten zusammengefasst, die jeweils durch einen Kommentar ergänzt werden. Die Auswahl erfolgt durch das Organisationsteam. Die Anreise- und Übernachtungskosten können voraussichtlich übernommen werden. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist geplant. Die Keynote-Vorträge halten Justine Lacroix (Université libre de Bruxelles) und Ned Richardson-Little (Max-Weber-Kolleg Erfurt).

Die Tagung wird organisiert von Johannes Haaf (TU Dresden), Luise Müller (TU Dresden), Esther Neuhann (Universität Hamburg) und Markus Wolf (BTU Cottbus-Senftenberg), mit Unterstützung der Professur für Rechts- und Verfassungstheorie mit interdisziplinären Bezügen der TU Dresden (Sabine Müller-Mall).

Kontakt für die Einreichung von Abstracts und für Rückfragen:

menschenrechte2021tu-dresdende

[Abgelaufen] CfP: Herbsttagung Politische Grundbegriffe im 21. Jahrhundert, Göttingen 23.-25.9.2020

Politische Kontroversen sind immer auch Konflikte um die politische Sprache und ihre zentralen Begriffe. Blickt man auf die Geschichte des politischen Denkens als eine Geschichte politischer Diskurse, dann lassen sich Grundbegriffe identifizieren, die über einen langen Zeitraum in der politischen Sprache hinweg eine zentrale Bedeutung haben, auch wenn sich ihr Inhalt gewandeltund es Kämpfe um ihre Deutung gegeben hat. Staat, Macht, Herrschaft, Demokratie, Freiheit oder Gleichheitsind Kandidaten solcher Grundbegriffe–und selbstverständlich auch der Begriff Politik, dessen Mehrdeutigkeit das Konzept politischerGrundbegriffe mit entsprechend unterschiedlichen Erwartungen füllt.Diese Begriffe können den Charakter von Kategorien aufweisen, insofern sie wie Macht und Herrschaftubiquitäre Phänomene menschlicher Gesellschaften analytisch erfassen oder sie können Ausdruck bestimmter normativerPräferenzensein –gemeinsam ist all diesen Grundbegriffen, dassihre Semantikimmer schon Teil eines kontroversen Deutungsprozesses in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft ist. Zudem haben sie sich als gewissermaßen unverzichtbar für die Wahrnehmung und Deutung der politisch-sozialen Wirklichkeit erwiesen.

 

Zwischen politischer Theorie und Praxis besteht dabei ein Wechselverhältnis, wie die markantenKonjunkturen von politischenBegriffenverdeutlichen: Diente etwa das Konzept der ‚illiberalen Demokratie‘ ursprünglich als Analysekategorie der politikwissenschaftlichen Systemforschung, so verweist die jüngste Adaption des Begriffes durch Viktor Orbánauf dessen antipluralistische Politik, in der die ‚illiberale Demokratie‘ als antiliberale Systemalternative zur etablierten westlichen Demokratiein Stellunggebracht wird.Auch derPopulismus-Begriff,der zumindest gegenwärtig nicht aus den Sozialwissenschaften wegzudenken ist und sich womöglich als Grundbegriff gerade etabliert, wird zugleichvon politischen Akteuren als affirmative Selbstbeschreibung genutzt.Beide Begriffe machen somit deutlich,dass sich das Vokabular der Politischen Theorie undIdeengeschichte nur unter Einbeziehung der Analyse des Kontextes(real-)politischerDiskurse verstehen lässt.

 

In diesen begriffspolitischen Kontroversen istdie Politische Theorie und Ideengeschichte als politikwissenschaftliche Teildisziplinbesonders gefragt–gehört es doch in ihrenoriginären Kompetenzbereich,den Begriffshaushalt der Politik und Politikwissenschaft stets von Neuemkritisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln: Was kennzeichnet im einzelneneinen Grundbegriff als politischenGrundbegriff? Lassen sich aus der Analyse der historischen Entwicklung konkrete Faktoren bestimmen, die einen Bedeutungswandel dieser Begriffe herbeiführen? Inwelcher Form können historisch-kulturell tradierteBegriffe vor dem Hintergrund aktueller Prozesse mit grundlegenden Veränderungseffekten wie Globalisierung, Digitalisierung und ökologische Transformation,überhaupt bestehen?Und wann werden diese Begriffeobsolet, wie entwickeln sich innovative Umdeutungen oder auch ganz neue Begriffe?Im Zuge vielfältigerVeränderungsprozesse stehen die politischen Grundbegriffe im 21. Jahrhundert neu auf dem Prüfstand: Herrschaftund Autorität, Repräsentation und Öffentlichkeit,Freiheit und Gleichheit, Interesse und Gemeinwohl oder auch Bürger und Individuumentstammenallesamt dem Erfahrungsraum einer nationalstaatlichen, westlich geprägten Ideengeschichte, deren Bedeutung und Angemessenheit im 21. Jahrhundert umstrittenist.Die Sektionstagung verfolgt daher das Ziel, den besonderen Status von politischen Grundbegriffen sowie ihren Wandel im 21. Jahrhundert mit seinen spezifischen Herausforderungen zu untersuchen. Beiträge sind besonders zu den folgenden drei Themenfeldern willkommen:

I. Politische Grundbegriffe: Methoden und Konzeptionen

Zunächst solldie Frage diskutiert werden, was eigentlich einen politischen Grundbegriffausmacht. Ausunterschiedlichenmethodischen und konzeptionellen Blickwinkeln gilt es, sowohl die Potentiale als auch die Probleme dieses Konzepts kritisch zu erörternund Fragennach angemessenen Zugängenzu diskutieren.So lässt sich diskutieren, ob politische Grundbegriffe überhaupt im Singularbetrachtetwerden können oder vielmehr eine komplexere Untersuchung der semantischen Felder mitsamt der Komplementär-und Gegenbegriffe voraussetzen.Ferner gilt es auch, den Zusammenhang von politischer Sprache und Alltagssprache zu reflektieren sowie nach neuen semantischen Zäsuren (‚Sattelzeiten‘) im 20./21. Jahrhundert zu fragen. Zudem ist auch nach derFunktionder‚klassischen‘politischen Grundbegriffe für die (Teil)Disziplin der Politikwissenschaft zu fragen.Mögliche Themen in diesem Panel könnten daher sein

• methodologische bzw. konzeptionelle Beiträge, die mit sich mit den Potentialen und Problemen des Konzeptsder politischen Grundbegriffe aus der Perspektive der Begriffsgeschichte, der Diskursanalyse, der historischen Semantik,der Politolinguistik oder der Metaphorologieusw.befassenund ggf. auch danach fragen, welche methodischen Brücken sich zwischen diesen Ansätzenbauen ließenund/oder Beiträge, die untersuchen, welche Rolle politische Begriffe im Zusammenhang mit Ideologien spielen.

 • Beiträge, die sich mit dem genuin politischenGehalt der Grundbegriffe bspw. im Gegensatz zu ökonomischen, kulturellen oder philosophischen Grundbegriffen beschäftigenund/oder die die Merkmale moderner politischer Grundbegriffe (z.B. Demokratisierung, Verzeitlichung, Ideologisierbarkeit,Politisierungnach Reinhart Koselleck) kritisch reflektieren.

• begriffsgeschichtliche Studien, die sich konkret mit der Etablierung bzw. dem semantischen Wandel von politischen Grundbegriffen im Übergang vom 20. ins 21.Jhd. auseinandersetzen und/oder kritisch den ‚Kanon‘ der politischen Grundbegriffe vor dem Hintergrund sich verändernder Herausforderungen hinterfragen.

 

II. Politische Grundbegriffe: Kontexte, (Sprach-)Räume und Normativität

Politische Grundbegriffe transportieren nicht nur historische Erfahrungen, sondern beinhalten auch normative Entscheidungen über die bezeichneten Gegenstände und Phänomene. Die politischen Grundbegriffen inhärente Normativität ist eine stete Herausforderung für die Politische Theorie.So verweist der Begriffshaushalt der Politischen Theorie auf spezifische theoriegeschichtliche Traditionen, deren Bedeutung und Angemessenheit es für die Analyse politischer Phänomene jenseits westlicher Kontextezu problematisieren gilt. Zugleich gelingt die Untersuchung dieser Kontextabhängigkeit nur auf der Basis einer gemeinsamen Wissenschaftssprache, dieBegriffe mit dem Anspruch allgemeiner oder abstrakter bzw. universeller Kategorienwie etwaMacht, Gleichheit oder Institution kennt.Dann dienen die Begriffe ganz unterschiedlichen Theorieströmungen als Verständigungsrahmen und erfüllen eine die Teildisziplin der Politischen Theorie integrierende Funktion.Allerdings ist auch danach zu fragen, ob ein Begriff nur (noch) innerhalb eines spezifischen theoretischen Rahmens als Grundbegriff gelten kann, weil er in anderen Theorieströmungendiese Bedeutung nicht mehr behaupten kann.Diese Fragen, die im Grunde dasSpannungsverhältnis von Universalität und Partikularität politischer Begriffe aufrufen, stellensich auch mit Blick auf die sprachliche Gebundenheit von Begriffen: Wie können sie sinnvoll übersetzt werden und wie zeigt sich ihreAnschlußfähigkeit in unterschiedlichenSprachräumen? Die spezifischen Unterschiede vonRechtsstaat/rule of law,Liberalismus/liberalism oder Konservatismus/conservatism,die erstaunliche Rückübersetzung und der globale Siegeszug des früheren forstwirtschaftlichen Begriffes der ‚Nachhaltigkeit‘ (vom engl. sustainability) oder auch die Konjunktur des Souveränitätsbegriffs in nicht-demokratischen Staaten wie Russland und China sind Beispiele für transnationale Begriffstransfers, die hohe Anforderungen an die Politische Theorie stellen.

Diese Fragen können aus politiktheoretischer Perspektive sowohl im Hinblick auf die Potentiale wie auch mit Blick auf die Probleme der Spannung von Kontext und Normativität erörtert werden. In diesem Panel wäre zu denken an

• Beiträge, die (bspw. aus postkolonialer oder feministischer Perspektive) die Normativität der politischenGrundbegriffeund ihre Kontextgebundenheit kritischreflektieren, aber auch normative Potentiale aufzeigen.

• Beiträge, die das Problem der Übersetzbarkeit politischer Grundbegriffe in unterschiedlichen Sprachräumen reflektieren oder ankonkreten Beispielen aufzeigen.

• Beiträge, welche die trans-und internationale Dimension der politischen Grundbegriffe an Beispielen reflektieren und Begriffsimitationen, -adaptionenund/oder -inte-grationennachzeichnen.

• Beiträge, die sich mit der Frage auseinandersetzen, ob globale Prozesse (wie bspw. der Klimawandel oder ein ‚neoliberales‘ Wirtschaftsregime) eine globale ‚Wissenschaftssprache‘ bedingen, um diese Phänomene systematisch in den Griff zu bekommen.

III. Politische Grundbegriffe im 21. Jahrhundert: Kontinuität oder Wandel?

Eine angemessene Gesamtbetrachtung der politischen Grundbegriffe muss auch die Frage ihrer zukünftigen Entwicklung berücksichtigen. Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen sich wandelnden gesellschaftspolitischen, ökonomischen und ökologischen Strukturbedingungen und sich verändernden politischen Grundbegriffen und welche Konzepte werden in den nächsten Dekaden die politischen und politiktheoretischen Debatten prägen? Politische Grundbegriffe werden seit jeher in den öffentlichen Debatten unter strategischen Gesichtspunkten von politischen Akteuren verwendet–doch wurde bisher kaum reflektiert, inwiefern etwa der strukturelle Wandel der Öffentlichkeit (Digitalisierung, neue Partizipations-und Protestformen usw.) auf die politischen Diskurse und Begriffe zurückwirkt;wie die global vernetzte kapitalistische Weltwirtschaft das staatlich imprägnierte Vokabular der sozialen Marktwirtschaft herausfordert;oder inwiefern die Erfahrung des globalen Klimawandels sich in die politische Sprache einschreibt. Mögliche Themen sind daher

• Einzelstudien zu gegenwärtigen begriffspolitischen Interventionen und Kontroversenum politische Grundbegriffe im nationalen und internationalen Kontext, welche die Innovationspotentiale des politischen, politiktheoretischen, aber auch sozialtheoretischen Vokabulars (wie bspw. Resonanz, Governance, Postdemokratie, Singularisierung oder Populismus) kritisch hinterfragen.

• Beiträge, die sich mit dem durch die Digitalisierung bedingten Wandel der Öffentlichkeit auseinandersetzen und bspw. die Frageerörtern, inwiefern neue digitale Partizipationsformen das Verständnis von Repräsentation und Demokratie verändern und / oder inwiefern die algorithmischen ‚Sprachen‘politische und gesellschaftliche Diskurse transformieren.

• Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigen, ob die globalen Anfechtungen und Infragestellungen von liberaler Demokratie, demokratischer Öffentlichkeit und Menschenrechten auf die Notwendigkeitverweisen, begriffspolitische Gegenstrategien zu entwickeln.

 

5erne können Sie auch Vorschläge einreichen, die sich auf weitere Aspekte zum Thema „Politische Grundbegriffe im 21. Jahrhundert“ richten! Bitte senden Sie bei Interesse ein Abstract von rund 300 Wörtern bis zum 31.01.2020 an sekretariat.stein@uni-goettingen.de.

 

[Abgelaufen] CfP Sektionstagung 18.-20. März 2020 - Migration–Herausforderungen im Spannungsfeld von Theorie und Praxis

Michael Walzer und Joseph Carens gebührt das Verdienst, das Thema „Migration“ in den 80er Jahren für die Politische Theorie entdeckt und eine kontroverse normative Debatte angestoßen zu haben. Ausgehend von dieser zunächst relativ abstrakt geführten Debatte über das Für und Wider der Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit ist inzwischen eine zunehmende Spezifizierung der Themen, Problemfelder undmethodischen Zugänge zu beobachten. Zunehmend wenden sich Politiktheoretikerund Politiktheoretikerinnen konkreten Fragen der Einwanderungspolitik zu und nehmen dabei einerseits die Ursachen und andererseits die Auswirkungen der Migration für die Herkunfts-und Zielländer genauer unter die Lupe.In einem weiteren Strang der Diskussion wird der Zusammenhang zwischen Migration und Demokratie debattiert, u.a. auch hinsichtlich der Zukunft von (Staats-)Bürgerschaft als der primären Form politischer Inklusion. Und schließlich stellt sich in der Erforschung des Populismus die Frage, ob Migration populistische Reaktionen auslöst oder eher schon bestehende verstärkt.

Zugleich haben sich politische Theorien stärker der Praxis der Regulierung von Migration und Integrationund der Durchsetzung von Migrationspolitiken und -maßnahmen zugewandt. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Umsetzung von Flüchtlingsschutz, Einwanderungs- und Integrationsmaßnahmen nicht ausschließlich aus rechtlichen und politischen Normen hervorgeht. Vielmehr werden diese Maßnahmen oftmals durch Verwaltungsentscheidungen „gefiltert“ und von Organisationen und Ämtern umgesetzt, die teilweise über einen breiten Interpretations- und Ermessensspielraum verfügen. Hinzu kommt, dass einzelne Akteure im Rahmen westlicher Einwanderungssysteme über viele Möglichkeiten verfügen, Macht auszuüben –zum Beispiel, indem sie die Einreise verweigern, Visa-Anträge ablehnenoder indem sie Entscheidungsprozesse verzögern. Diese Dimensionen der Rechtsauslegung, Rechtsanwendung und Rechtsdurchsetzungkamen in den bisherigen politiktheoretischen Debattenzu kurz und sollen daher in besonderer Weise im Rahmen der Sektionstagung in den Vordergrund gerückt werden.

Ziel der Tagung ist es, ein Forum für eine Diskussion von Fragenzu bieten, die ander Schnittstelle zwischen empirischer Analyse und normativer Reflexionliegen und mit unterschiedlichen Theorieansätzen verknüpft werden können. Auch Beiträge zu weiteren politiktheoretischen und ideengeschichtlichen Fragen, die mit dem Migrationskomplex verbunden sind, sind sehr herzlich willkommen. Dazu gehören beispielsweise kritische Erörterungen über kulturelle Deutungs-und Begründungsmuster,in die Migrationsdiskurse eingebettet sind. Darüber hinaus laden wir auch zu Beiträgen ein, die Fragen des methodischen Zuganges selbst zum Thema machen.

Die Sektionstagung erwartet vor diesem Hintergrund insbesondere Beiträge zu folgenden Fragen:

1. Lässt sich der bisherige Stand der Forschung zum Thema Migration im Hinblick auf den methodischen Zugang und dasMigrationsverständnis inzwischen bilanzieren? Hat in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel hin zu einerpraxisnäheren Betrachtungsweise stattgefunden? Oder kann man, der politiktheoretischenDiskussion vorwerfen, nach wie vorin Denkmustern und Kategorien verhaftetzu bleiben, die eine veraltete und oftmals stark staatszentrierte bzw. etatistische Grundhaltung bedienen? Sollte Migration im Rahmen der internationalen politischen Theorie und als transnationales Phänomen behandelt werden? Oder sprechen nicht gerade Renationalisierungstendenzenfür die zentrale Rolle des Staates in der Migrationspolitik? Welche neuen Formen von Mobilität sind aktuell in den verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten vorfindbar? Und welche Theorieansätze stehen zur Verfügung, um sie in ihrer sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Dimension zu beschreiben und zu analysieren?

2. Wieso hat Migration das Potential, moderne Demokratien unter Stresszu setzen und den demokratischen Zusammenhalt zu gefährden? Worin liegt das Zerrüttungspotenzial der Migration? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migration und aufkommendem Rechtspopulismus? Gibt es andere Faktoren, wie Globalisierungseffekte oder kulturelle Verschiebungen, die das Anwachsen einwanderungsfeindlicher Parteien und Bewegungen befördern? Wie lässt sich Migration auf demokratische Weise gestaltenbzw. wie lassen sich migrationsbezogene Prozesse der Polarisierung und Radikalisierung institutionell einhegen? Gibt es Modelle kosmopolitaner oder transnationaler Demokratie, die Angebote unterbreiten könnten, wie mit Migration global legitim umgegangen werden kann?

3. Verändert sich durch die Erfahrung der Migration auch die Wahrnehmung von Mobilität und deren Beziehung zu politischen und sozialen Räumen? Wie lassen sich Bürgerschaft und Kettenmigration zusammen denken? Inwieweit kann man von einer Transformation der Migration durch Migration sprechen? Welche Themen und sozialen Problemen bleiben durch die Fokussierung auf Mobilität unberücksichtigt? Haben privilegierte „frequent flyers“ (Calhoun) ein kosmopolitisches Migrationsideal erzeugt, das von weiten Teilen der (sesshaften) Bevölkerung als elitär und abgehoben wahrgenommen wird? Bedarf es nicht –angesichts des verschwindend geringen Anteiles an Migranten und Migrantinnen weltweit –einer stärkeren Berücksichtigung der Nicht-Migration bzw. der Sesshaftigkeit?

Die Sektionstagung wird von Oliviero Angeli, Andreas Niederberger und Hans Vorländeran der TU Dresden organisiert. Die Organisatorender Tagung möchten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Chance eröffnen, sich als Vortragende aktiv zu beteiligen. Bei der Auswahl der Vorträge wird zudem auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet. Bitte senden Sie bei Interesse Ihr Abstract von nicht mehr als 300 Worten bis zum 1.8.2019 an oliviero.angeli@tu-dresden.de.

[Abgelaufen] CfP Herbsttagung Hamburg, 17.-19. September 2019 - Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen für Politische Theorie und Philosophie

Theorie und Politische Philosophie haben einen überlappenden Objektbereich und sehen sich daher in ähnlicher Weise mit den politischen Herausforderungen der Gegenwart konfrontiert. Beider Hamburger Sektionstagung "Politische Theorie und Politische Philosophie in Wissenschaft und Öffentlichkeit" wird neben der Diskussionder öffentlichen und wissenschaftsinternen Position der Disziplinen Politische Theorie und Ideengeschichte (als Teil der Politikwissenschaft) und Politische Philosophie (als Teil der Philosophie) auch die Reflexion ihrer methodischen Zugänge und Forschungsinteressen im Zentrum stehen. Das Konzept der Tagung ist ein zweiteiliges: zur Position in Wissenschaftssystem und Öffentlichkeit werden externe und interne Expertinnen geladen (Di. nachmittag, Do. vormittag), während zur methodischen und inhaltlichen Diskussion die slotsüber diesen Call vergeben werden(Mi. vormittag und nachmittag).

Eine wichtige Frage ist, inwiefern sich die methodischen Zugänge zu den politischen Herausforderungen der Gegenwart und die zugrundeliegenden Fragestellungen und Erkenntnisinteressen sich in Politischer Theorie und Politischer Philosophie erheblich unterscheiden. Im Rahmen der Sektionstagung wollen wir die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der teildisziplinären Forschungslogiken daher exemplarisch anhand ihres Zugriffs auf konkrete Politikfelder erkunden, in denen stärkere Interventionen aus Politischer Theorie und Philosophie wünschenswert sind und an denen sich ihre zeitgenössische Relevanz bewähren kann.

Zu diesem Zweck wird es Panels geben, die jeweils VertreterInnen der Politischen Theorie und Ideengeschichte und Politischer Philosophiedie Gelegenheit geben werden, die Methoden und Fragestellungen ihrer Teildisziplin an zentralen politischen Problemen der Gegenwart zu demonstrieren.

Wir freuen uns über Vorschläge, die ihr methodisches Selbstbewusstsein ausweisen, zu den folgenden Themen:

1. Öffentliche Finanzen und Finanzkapitalismus: Trotz der globalen Finanzkrise und europäischen Fiskal-, Währungs-und Schuldenkrisen des letzten Jahrzehnts sind Finanzthemen noch immer randständig in den Diskursen der Politischen Theorie und Philosophie. Dies gilt sowohl für die Auseinandersetzung mitdem modernen, digitalen Finanzkapitalismus, als auch für die systematische Reflexionder Herausforderungen der Finanzierung öffentlicher Aufgaben unter den Vorzeichen globaler Standortkonkurrenz und Kapitalmobilität. Das Panel fragt grundsätzlich, welche wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Wandel von Wirtschaftsformen und ihrer politischen (De-)Regulierung und Besteuerung bestehen. Wir suchen begriffliche, normative und theoriehistorische Beiträge, die jeweils das Potential der Politischen Theorie und Philosophie für das Verständnis und die Bewertung dieser Phänomene deutlich machen. Mögliche Themen für Beiträge umfassen:

  • die Analyse und die Konsequenzen der Unterscheidung zwischen Finanzmarkt-kapitalismus und Realökonomie,
  • ethische und begriffliche Fragen der Steuervermeidung und Steueroptimierung,
  • die Regulierung unwahrscheinlicher Risiken (black swan events)und algorithmischen Handels,
  • die politische und sozialtheoretische Rolle von (Staats-)Schulden,
  • Verteilungsfragen des Zugangs zu Kredit und das Konzept der Kreditwürdigkeit,
  • die Theoriegeschichte der Austerität,
  • die demokratie-und legitimitätstheoretische Einordnung von verschiedenen Staatsfinanzierungsmodellen,
  • die Frage nach der moralischen Rolle von Märkten.

2. Digitalisierung und künstliche Intelligenz: Die Finanzbranche ist nur ein Bereich, in dem die digitale Revolution der vergangenen 20 Jahre grundlegenden gesellschaftlichen Wandel bewirkt hat. Digitale Technologien und künstliche Intelligenz haben nicht nur das gesamte Wirtschaftssystem verändert, sondern nahezu jeden Aspekt unseres Arbeits-, Privat-und öffentlichen Lebens erfasst. Wenige Digitalunternehmen, die sich, je nach Kontext, gekonnt politischer Regulierung entziehen oder sich für staatliche Zensurmaßnahmen instrumentalisieren lassen, monetarisieren die privatesten Daten ihrer Nutzer, regulieren den Zugang zu allen denkbaren Informationen, bestimmen de facto über die Sichtbarkeit und zulässigen Grenzen politischer Rede und prägen unsere privaten und gesellschaftlichen Interaktionen bis hin zur Partnerwahl. Selbstlernende Systeme entscheiden über die Vergabe von Jobs und Krediten, die Verbreitung von Meinungsäußerungen in sozialen Netzwerken und beeinflussen die Anwendung militärischer Gewalt. Im politischen Feld ermöglichen digitale Technologien sowohl noch nie dagewesene Überwachung und Manipulation –vom Nudging über staatlichen Troll-und Propagandafarmen bis hin zu Social-Scoring-Dystopien–als auch ungeahnte Möglichkeiten der politischen Mobilisierung, der demokratischen Meinungsbildungund des kollektiven Handelns. Themen für mögliche Beiträge umfassen:

  • Dilemmata kollektiven Handelns in der vernetzen Gesellschaft,
  • Potentiale und Risiken demokratischen Entscheidens in der digitalen Welt,
  • Politische Kontrolle und Unternehmensethik in derDatenwirtschaft,
  • Überwachung und social scoring: Geschichte, Diagnose und Folgen,
  • Technologischer Wandel und politischer Wandel: Was lehrt uns die industrielle Revolution über die digitale?,
  • Schuld-und Verantwortungszuschreibung für das Handeln selbstlernender Systeme,
  • Kommunikationsethik in sozialen Netzwerken.

Wir freuen uns bis zum 30.4.2019 über Abstracts von maximal 800 Wörtern. Bitte gehen Sie in Ihrem Vorschlag darauf ein, welchen methodischen Zugang der Politischen Theorie bzw. Politischen Philosophie Sie in Ihrem Beitrag verwenden. Abstracts und eventuelle Rückfragen richten Sie bitte an peter.niesen@uni-hamburg.de.

[Abgelaufen] CfP Frühjahrstagung Bremen, 13.-15.März 2019 - Demokratie und Wahrheit

Eine alte Sorge kehrt zurück: Verlieren wir in den »westlichen« Demokratien den Respekt vor und den Kontakt zur Wahrheit? Die derzeitigen Debatten um das »postfaktische Zeitalter«, um »alternative Fakten« oder um »fake news« sind größtenteils von der Vorstellung getragen, unsere Demokratien benötigten Wahrheit für ihr gutes Funktionieren, und von der Angst getrieben, sie seien zugleich besonders anfällig für den Verlust von Wahrheit. Damit rücken sie das Verhältnis von Demokratie und Wahrheit ins Zentrum der gegenwärtigen Selbstverständigungsdebatten unserer Gesellschaften.

Allerdings gehen die medialen Diskussionen nahezu einhellig von der unhinterfragten Selbstverständlichkeit eines solchen Verhältnisses aus – und stehen damit in scharfem Kontrast zur Diskussion in der Politischen Theorie, in der die Notwendigkeit für, ja überhaupt die Existenz von Wahrheit in der Demokratie keineswegs als gegeben angenommen wird. Im Gegenteil, das Verhältnis von Demokratie und Wahrheit ist radikal umstritten: So kann man mit Platon bezweifeln, dass es Wahrheit in der Demokratie überhaupt geben kann, mit Hannah Arendt vor der Tyrannei der Wahrheit der Wahrheit in der Demokratie warnen, mit Jürgen Habermas der Demokratie selbst eine Rolle beim Auffinden von Wahrheit zusprechen oder mit Michel Foucault die Funktion des Aussprechens ungeschönter Wahrheiten für die Demokratie hervorheben. Jede dieser Alternativen – die lange nicht die Debatte erschöpfen – geht von einem anderen Verhältnis von Wahrheit und Demokratie aus und bewertet dieses jeweils unterschiedlich.

Doch nicht nur das Verhältnis von Demokratie und Wahrheit sowie seine Bewertung werden in der gegenwärtigen Debatte meist verkürzt dargestellt, auch die Formen von Wahrheit und Unwahrheit in der Demokratie werden nicht differenziert betrachtet. Dabei spielt es eine große Rolle, ob wir beispielsweise über Lügen, Propaganda oder Ideologie, über apodiktische Evidenzen, logische Wahrheiten oder fallibele Wissenszuschreibungen sprechen. Genauso ist zu fragen, welchen Einfluss unterschiedlichen Medien auf die verschiedenen Formen von Wahrheit oder Falschheit in der Demokratie haben: Sind bewusst fabrizierte »fake news« in den Sozialen Medien wirklich etwas grundsätzlich Neues, beispielsweise gegenüber strikt auf Linie gebrachten Parteizeitungen? Verändern Geschwindigkeit und Reichweite tatsächlich auch die Wirkung echter oder alternativer Fakten?

Das Verhältnis von Wahrheit und Demokratie sowie die Formen von Wahrheit in der Demokratie: Diese beiden Dimensionen erlauben ganz unterschiedliche Zugänge, unter denen der ideengeschichtliche angesichts der tendenziell geschichtsvergessenen aktuellen Debatte besonders hervorzuheben ist. Wie bereits die wenigen referierten Positionen andeuten, ist die Diskussion um das Verhältnis von Wahrheit und Demokratie sowie seine Formen eine tief in der Geschichte politischer Philosophie bzw. Theorie verankerte. Die Tagung möchte dementsprechend systematische wie ideengeschichtliche Beiträge zu beiden Dimensionen zusammenbringen. Ihr Ziel ist es, die verschiedenen Annahmen über das Verhältnis von Demokratie und Wahrheit sowohl systematisch als auch historisch zu diskutieren und in Beziehung zu den verschiedenen Formen zu setzen, die Wahrheit in der Demokratie annehmen kann. Fragestellungen zum Verhältnis von Demokratie und Wahrheit könnten also lauten:

  • Welche Rolle spielt Wahrheit in der Demokratie – und welche in der Demokratietheorie? Was ist die Funktion von Wahrheit in demokratischen Praktiken, und welchen Ort besetzen epistemologische Überlegungen in politischen Theorien?
  • Darf, kann oder muss Demokratie epistemisch gerechtfertigt werden?
  • Welche Bedeutung hat Wahrheit für Kritik in und an Demokratie?
  • Wie stellt sich das Verhältnis von Wahrheit und Demokratie ideengeschichtlich betrachtet dar?
  • In welcher Beziehung steht das Verhältnis von Wahrheit und Demokratie zu Ideologietheorien?

Indem wir zugleich die Formen von Wahrheit in der Demokratie in den Blick rücken, sollen auch Beiträge angeregt werden, die theoretische Überlegungen mit empirischen Untersuchungen verschränken. Beispiele für Fragestellung sind:

  • Hat die »Angst vor der Wahrheit« (Boghossian) tatsächlich zu einer verstärkten Abwesenheit von Wahrheit in der politischen Debatte geführt? Welchen Einfluss haben unterschiedliche Medien?
  • Ideologie, Propaganda, »post-truth« – welche Begriffe sind für schlagkräftige Gegenwartsdiagnosen geeignet?
  • Ist die Lüge in der Politik notwendig? Und in der Politischen Theorie?
  • Wie ist die Beziehung von Wissenschaft, wissenschaftlichem Wissen und Demokratie zu verstehen – gerade vor dem Hintergrund der Science and Technology Studies?

Die Tagung wird von Martin Nonhoff und Frieder Vogelmann an der Universität Bremen organisiert. Als Hauptvortragende haben bereits Andrea Kern (Universität Leipzig) und Frank Nullmeier (Universität Bremen) zugesagt.
Wir bitten um Vorschläge für Vorträge, die sich diesen und weiteren Fragen zum Thema Wahrheit und Demokratie widmen. Bitte senden Sie bei Interesse Ihren Abstract von nicht mehr als 300 Worten bis zum 1.8.2018 an wahrheituni-bremende (Ansprechpartner sind Martin Nonhoff oder Frieder Vogelmann). Wir informieren über die Annahme der Vorträge bis 31. August 2018.

[Abgelaufen] CfP Frühjahrstagung Bonn, März 2018 - Politische Stabilität

Organisation: Prof. Dr. Grit Straßenberger (Bonn), Dr. Eva Marlene Hausteiner (Bonn), Dr. Felix Wassermann (Berlin)

Die Stabilität politischer Ordnungen wird derzeit vielerorts herausgefordert – nicht allein, aber gerade in Demokratien. Seit langem etablierte demokratische Ordnungen destabilisieren und transformieren sich. Jüngst demokratisierte Staaten stagnieren oder regredieren. Hoffnungsvoll gestartete demokratische Experimente wie die Europäische Union stehen am Rande der Desintegration. Diese Entwicklungen alarmieren nicht nur die politische Öffentlichkeit – sie fordern auch die Politikwissenschaft heraus. Die Tagung „Politische Stabilität“ will hier politiktheoretisch ansetzen. Sie regt dazu an, über die (In-)Stabilität politischer Ordnungen neu nachzudenken. Angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen demokratischer Ordnungen widmet sie sich den Annahmen und Implikationen von Ideen politischer Stabilität in begrifflich-systematischer wie in ideenhistorischer Perspektive. Die Bestimmung der Stabilisierungsleistung und der Stabilitätsbedingungen politischer und insbesondere demokratischer Ordnungen geht mit einer Reihe komplexer Teilprobleme einher: Worin besteht das stabilisierende Potenzial demokratischer Regime gegenüber konkurrierenden politischen Ordnungen? Unter welchen Voraussetzungen kann die Demokratie diese Stabilisierung leisten, und wann gerät umgekehrt Stabilität zu einer Gefahr für die Demokratie? Wodurch werden demokratische Ordnungen destabilisiert, also wann und warum können sie das ihnen demokratietheoretisch attestierte – oder auch demokratiekritisch bestrittene – ordnungspolitische Potenzial nicht entfalten? Fragen wie diese verweisen auf das spannungsreiche – und umstrittene – Verhältnis von Stabilität, Ordnung und Demokratie. Die Tagung nähert sich diesem Thema vor dem Hintergrund des derzeit scheinbar besonders attraktiven Versprechens autoritärer Regime, Stabilität dauerhaft zu gewährleisten. So steht die liberale Demokratie jüngst verstärkt unter dem Verdacht, selbst ein destabilisierendes Regime – und für Destabilisierungsversuche anfällig – zu sein. Zu fragen ist daher insbesondere, ob und, wenn ja, unter welchen Bedingungen die Demokratie destabilisierend wirkt. Diese kritische Perspektive auf das ordnungspolitische Potenzial der Demokratie gilt es jedoch – unter Einbeziehung der temporalen Dimension des Politischen – selbst zu hinterfragen, und zwar im Hinblick auf das Spannungsverhältnis zwischen Stabilität und Fragilität: Kann die Demokratie gerade dadurch langfristig stabilisierend wirken, dass sie kurzund mittelfristig politische Stabilität aufbricht, ja Fragilität befördert? Um das Verhältnis von Stabilität, Ordnung und Demokratie angemessen zu erfassen, erscheint eine weite ideengeschichtliche und historische Betrachtungsweise erforderlich. Komplementär zu normativen Überlegungen und in reflektierter Distanz zu „aktualistischen“ Zeitdiagnosen sucht die Tagung daher auch (ideen-)geschichtlich die ordnungspolitischen Chancen und Risiken demokratischer (De-)Stabilisierungen politischer Regime in den Blick zu nehmen. 

Eine detaillierte Beschreibung der Themen entnehmen Sie bitte dem Tagungsflyer. Diesen finden sie hier.

Beiträge vor allem zu diesen Themenbereichen, aber auch zu vergleichbaren, damit zusammenhängenden politiktheoretischen und ideengeschichtlichen Fragen politischer (In-)Stabilität und (De-)Stabilisierung sind sehr herzlich willkommen. Ein Tagungsband ist geplant. Vorschläge von ein bis zwei Seiten wie auch etwaige Nachfragen werden erbeten bis zum 28. Februar 2017 an: evahausteiner@uni-bonn.de