Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

Wie relevant ist die Politikwissenschaft? Konturen einer Debatte

Am Donnerstag startet die große DVPW-Thementagung "Wie relevant ist die Politikwissenschaft?", die der AK Hochschullehre gemeinsam mit vier anderen DVPW-Untergliederungen vorbereitet hat. Im Vorlauf habe ich auf Twitter aktuelle Materialien zur nie enden wollenden Relevanzdebatte in einem Thread kuratiert:

https://twitter.com/daniellambach/status/1200073521558364161

Dabei habe ich mich vor allem bei der DVPW bedient, die viele der Texte auf einer Seite verlinkt hat. Und das ist nur eine Auswahl der erschienenen Beiträge, von Texten vor dem Jahr 2016 sowie einer vor allem im US-amerikanischen Diskurs sehr umfangreichen Fachliteratur ganz zu schweigen. 

Nachdem ich mich anlässlich dieses Threads erneut mit dem Textmaterial auseinandergesetzt habe, sind mir ein paar Linien und Themen aufgefallen, die in den verschiedenen Beiträgen hervortraten. Eine systematische Diskursanalyse ist das nicht, dennoch möchte ich diese Eindrücke in diesem Blogeintrag zusammenfassen.

In der ersten Debatte wurde die zentrale Kritik (Decker/Jesse, Probst, Schifferdecker, Heisterhagen) an der scheinbaren Unvereinbarkeit einer zunehmend wissenschaftlich rigorosen Disziplin und der öffentlichen Diskursfähigkeit und -bereitschaft der Forscher*innen festgemacht. Die Politikwissenschaftler*innen zögen sich in innerfachliche Diskussionen zurück, könnten ihre mit immer ausgefeilteren Methoden errechneten Ergebnisse nicht mehr kommunizieren und seien ohnehin vor allem auf der Jagd nach der nächsten Journal-Publikation und dem nächsten Drittmittelprojekt. Dabei musste sich der wissenschaftliche Nachwuchs vorhalten lassen, er sei "amerikanisiert", womit ein sehr dubioser Kulturkampf eröffnet wurde.

Die Gegenstimmen (König/Plümper, Bethke, Huhnholz) hoben hervor, dass die "Klassiker" durchaus methodisch arbeiteten. Sie räumten ein, dass Teile der Politikwissenschaft nach Aufsätzen und Drittmittelprojekte strebten, verwiesen aber gleichzeitig darauf, dass dies vor allem aufgrund von strukturellen Zwängen im deutschen Wissenschaftssystem geschehe. Besonders Bethke wendete damit die Jugendschelte gegen die Kritiker, denn immerhin seien sie diejenigen gewesen, die als "Altvordere" dieses System anders hätten gestalten können.

Glücklicherweise wurden die irreführenden und dünkelbehafteten Begrifflichkeiten der ersten Debatte, die an Generationen- und Kulturkonflikte erinnerten, in der zweiten Debatte entschärft. An der grundsätzlichen Argumentation änderte sich jedoch weder bei den Kritikern (Masala), die die Bereitschaft und die Fähigkeit von Politikwissenschaftler*innen, sich in öffentlichen Debatten sichtbar zu positionieren, in Zweifel zogen, noch bei deren Verteidigern (Debus/Faas/Schäfer, Becker), die zwar die schlechten Karriereanreize in Academia für öffentliches Engagement anerkennen, aber sehr wohl eine hohe Bereitschaft zum Diskurs sehen.

Damit sind die grundsätzlichen Gegensätze etabliert: Wissenschaftlichkeit vs. Relevanz; Kommunikation im Fach vs. Kommunikation mit der Gesellschaft. Ich halte das für irreführende und falsche Gegenüberstellungen, die zum einen das Potenzial für gesellschaftlich relevante Forschung vollkommen unterschätzt und zum anderen vielen gesellschaftlich aktiven Politikwissenschaftler*innen unrecht tun.

Dekonstruieren wir zunächst die Gegensätze. Diese beruhen auf einer Reihe von Annahmen. Erstens ein Opportunitätskostenargument: Wer öffentlich präsent ist, hat weniger Zeit zum Forschen. Diese Folgerung ist jedoch nicht zwingend – wer sich in öffentliche Debatten einbringt, kann dadurch forschungsrelevante Anregungen und Inspiration gewinnen, empirische Eindrücke erhalten und Kontakte knüpfen, die seine oder ihre Forschung weiterbringen. Außerdem fehlt diesem Vorwurf der empirische Beleg.

Zweitens das Kompetenzargument: Öffentliche Kommunikation braucht andere Kompetenzen als innerfachliche Kommunikation. Das ist nicht von der Hand zu weisen, wie jeder und jede bestätigen wird, der oder die schon einmal ein Medientraining durchlaufen hat. Aber es ist keine unüberwindbare Hürde. Mit Mentoring, Fortbildungsangeboten und einer Kultur der öffentlichen Forschung ließe sich manches Defizit beheben.

Drittens ein Kommunikationsargument: Kein/e Entscheidungsträger*in würde je einen methodenschweren Fachaufsatz lesen. Zum einen stimmt das, zum anderen ist es irrelevant. Diese Entscheidungsträger*innen haben früher auch nicht die neuesten, aber gänzlich methodenfreien Forschungsmonographien eminenter Politikwissenschaftler*innen gelesen. Außerdem verkennt es grundsätzlich, dass verschiedene Textformen unterschiedliche Adressaten haben. Policy-Kreise erreicht man über Policy-Briefs, die Fachcommunity über den Fachaufsatz.

Dieser letzte Punkt weist ohnehin auf eine Annahme hin, die wir kritisch hinterfragen sollten: Was wird in den genannten Debatten überhaupt als "Relevanz" angesehen? Sowohl die Kritiker*innen als auch die Verteidiger*innen der Politikwissenschaft scheinen in ihren Argumentationen vor allem zwei Dinge im Auge zu haben: die Beratung politischer Entscheidungsträger*innen bzw. deren Berater*innen und Referent*innen sowie die Präsenz in reichweitenstarken Medien in Funk, Fernsehen und Print.

Aber das sind beileibe nicht die einzigen Wege, wie ein Fach bzw. seine Vertreter*innen an Relevanz gewinnen können. Ein paar exemplarische Möglichkeiten:

  • durch Lehre und Bildung von Studierenden, die künftige Entscheidungsträger*innen und/oder demokratische Bürger*innen werden
  • durch Beiträge zur politischen Bildung von Heranwachsenden und Erwachsenen, um sie zur Teilhabe an der Demokratie zu befähigen
  • durch Beiträge zur Ausbildung von Lehrer*innen, die als Multiplikator*innen die politikwissenschaftlichen Fachkompetenzen didaktisch aufbereitet an ihre Schüler*innen weitergeben
  • durch Gesellschaftsberatung, d. h. die Beratung von Akteuren der Zivilgesellschaft, von Bewegungen und politisch aktiven Bürger*innen
  • durch gesellschaftskritische Forschung – Wissenschaft muss nicht beraten, um relevant zu sein, sondern kann auch Missstände thematisieren und Alternativen aufzeigen
  • durch Präsenz in sozialen Medien, über die man ein völlig anderes Publikum erreicht, als über Radio und Zeitung, oder über Podcasts und Videos.

Viele Kolleg*innen leisten diese Dinge tagein tagaus und erhalten dafür kaum Aufmerksamkeit, weil sie eben nicht das aufsehenerregende Interview im ARD-Morgenmagazin oder die Stellungnahme in einem Bundestagsausschuss geben. Aber wir sind auf dem Holzweg, wenn wir diese Tätigkeiten durch eine – in meinen Augen – willkürliche Grenzziehung als "irrelevant" abtun.

Insofern halte ich es für angebracht, dass wir die Eckpunkte der Debatte verschieben. Statt "Ist die Politikwissenschaft (ir)relevant?" sollten wir lieber fragen "Wie können wir die Politikwissenschaft noch relevanter machen?" Denn dann fallen uns sicher viele Dinge ein, die wir als Fachcommunity besser machen könnten, ohne auf neue Gelder oder externe Stimuli warten zu müssen. Wie wäre es zum Beispiel mit:

  • die Schaffung spezieller schriftlicher Formate, um Forschungsergebnisse für die Praxis zugänglicher zu machen, wie von Rosert vorgeschlagen,
  • Trainingsangeboten in Wissenschaftskommunikation für junge und etablierte Kolleg*innen,
  • der Organisation von Kommunikationskanälen über unsere Fachvereinigung (womit die DVPW in Form von öffentlichen Veranstaltungen in Berlin begonnen hat),
  • einem Dialog, wie man die Förderung von Demokratiekompetenz systematisch in die Hochschullehre, die politische Bildung und die Lehrer*innenbildung integriert,
  • einem Commitment unserer Fachcommunity, dass Fähigkeiten und Meriten in der Wissenschaftskommunikation auch für wissenschaftliche Karriere Bedeutung haben sollten (siehe dazu die Stellungnahme der DVPW und anderer Fachgesellschaften zur Wissenschaftskommunikation)?

Und das ist nur eine Auswahl der Dinge, die einzelne Forscher*innen, Institute oder die DVPW umsetzen könnten, um das Fach (wieder?) relevanter zu machen. Ich bin sicher, dass uns auf der Tagung noch ein paar mehr einfallen. Perspektivisch kommt es darauf an, den erzeugten Schwung zu nutzen und mit der Umsetzung zu beginnen.


 

Information über den Autor: 
Daniel Lambach ist Inhaber einer Heisenberg-Stelle am Cluster “Die Herausbildung normativer Ordnungen” an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Außerdem ist er Senior Associate Fellow am Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen, Privatdozent an der dortigen Fakultät für Gesellschaftswissenschaften sowie Sprecher des AK Hochschullehre der DVPW.