Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft

2023

Repräsentativ, direkt-demokratisch oder im Dialog: Welche Entscheidungsmodi präferieren Bürgerinnen und Bürger? Ein Beitrag von Angelika Vetter und Frank Brettschneider

Die meisten Bürger*innen wollen in politischen Sachfragen nicht unbedingt selbst entscheiden. Allerdings ist ihr Wunsch nach mehr Dialog und Kommunikation im Vorfeld von Entscheidungen sehr stark. Das gilt sowohl für die Bundes- als auch für die Landes- und die kommunale Ebene des politischen Systems. Dies ist das Ergebnis zweier repräsentativer Umfragen aus den Jahren 2021 und 2022, in denen ein neuer Messansatz verwendet wurde.

Bürgerräte als Praxis und Forschungsobjekt. Ein Beitrag von Detlef Sack und Nora Freier

Bürgerräte sind en vogue. Sie generieren einen neuen Forschungszyklus in der politikwissenschaftlichen Forschung. Der Beitrag plädiert dafür, zwischen den Sichtweisen einer „partizipationsorientierten Deliberationsforschung“ (pD) und einer „prozessorientierten Public-Policy-Forschung“ (pPF) zu unterscheiden. Damit sollen die theoretischen, methodischen und praktischen Differenzen bei der Analyse von Bürgerräten reflektiert werden.

Scheiterte der Einsatz in Afghanistan erst durch seine Beendigung? Ein Beitrag von Thorsten Gromes

Ein Untersuchungsausschuss und eine Enquete-Kommission des Bundestages arbeiten noch daran, das Scheitern des internationalen Engagements in Afghanistan aufzuarbeiten. Die akademische Diskussion zu den Hintergründen der desaströsen Bilanz ist schon weiter. Der Beitrag skizziert einige Kontroversen dieser Ursachenforschung und warnt vor einem prominenten Erklärungsangebot, welches das Scheitern in Afghanistan auf die Beendigung des Einsatzes verkürzt.

Können die Unionsparteien von einer Annäherung an die AfD profitieren? Die Antwort der Politikwissenschaft ist unklar. Ein Beitrag von Nico Sonntag

Marc Debus untersucht in seinem Blogbeitrag den Zusammenhang zwischen Positionsverschiebungen von Parteiprogrammen und dem Wahlerfolg der AfD. Basierend auf einer Analyse von 37 Land- und Bundestagswahlen zeigt er, dass eine Annäherung der Unionsparteien (CDU/CSU) an die Alternative für Deutschland (AfD) in Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit Stimmverlusten für erstere einhergeht. Aus diesem Befund sowie aus weiteren der Forschungsliteratur entnommenen Hinweisen schließt er, dass eine Annäherung eher nicht zur Rückgewinnung von AfD-Wähler*innen beitragen wird. Im Folgenden möchte ich diese Schlussfolgerung hinterfragen.

Mastodon im Fediverse: Eine offene Alternative für die Wissenschaftskommunikation. Ein Beitrag von Regina Pfeifenberger

Dieser Beitrag möchte verdeutlichen, warum Wissenschaftler*innen Mastodon als Alternative zu anderen Social-Media-Plattformen in Betracht ziehen sollten. Mit Mastodon werden offene Prinzipien unterstützt und vermieden, dass zentralisierte, kommerzielle Anbieter wie X, ehemals Twitter, starke Kontrolle über die Kommunikation haben. Der Wechsel zu selbstverwalteten, nicht-kommerziellen Plattformen kann ein bereicherndes Umfeld für den wissenschaftlichen Diskurs bei gleichzeitiger Datenautonomie bieten.

Schwächt eine programmatische Annäherung der Unionsparteien an die AfD den Wahlerfolg der Rechtspopulisten? Eher nicht. Ein Beitrag von Marc Debus

Die programmatische Distanz zwischen Wählern und Parteien bzw. deren Kandidierenden stellt eine zentrale Komponente in der Analyse von Wahlverhalten und Parteienwettbewerb dar. So fällt die Chance tendenziell höher aus, dass sich Wählerinnen und Wähler für eine Partei entscheiden, je geringer die Distanz zu den um Stimmen werbenden Parteien ist. Sollte sich im Kontext des deutschen Parteienwettbewerbs die Union auf die AfD programmatisch zubewegen, dann – so könnte man erwarten – sollte dies zu einem Rückgang des Stimmenanteils der AfD führen. In dieser Kurzanalyse wird auf der Grundlage des Abschneidens der AfD und der programmatischen Distanzveränderung der Union bei 37 Land- und Bundestagswahlen der Frage nachgegangen, ob es Evidenz für diese Erwartung gibt. Die Ergebnisse deuten – übereinstimmend mit bestehen Studien zum Abschneiden rechtspopulistischer Parteien – jedoch darauf hin, dass eine Annäherung der CDU/CSU an die Position der AfD in gesellschafts- wie wirtschaftspolitischen Fragen eher dazu führt, dass der Stimmenanteil der AfD anwächst und nicht zurückgeht.

Inklusion mit „Academic Practice Nuggets“. Ein Lehrprojekt von Sandra Morgenstern

Ziel des Projektes war es positive Lehren aus der „Pandemie-Lehre“ gewinnbringend in die post-pandemischen Präsenzlehre zu bringen. Hierfür habe ich mit drei meiner Bachelor-Studierenden Kurzvideos zu unterschiedlichen Bereichen des fortgeschrittenen wissenschaftlichen Arbeitens und Academia erstellt. Die Videos wurden zum festen Bestandteil der Seminarvorbereitung, um in der Seminarsitzung Ungleichheiten im Vorwissen zu reduzieren und die Beteiligung von Minderheiten zu fördern. Alle Videos sind für Lehrende frei zugänglich.

Internationale Sicherheitspolitik und ihre Wendepunkte – Before and after 2022. Ein Lehrprojekt von Anja P. Jakobi

Die dargestellte Lehrveranstaltung ist eine kurzfristig durchgeführte Umgestaltung des 4 SWS-Seminar im Wahlpflicht-Modul Friedens- und Konfliktforschung (FKF) im Sommersemester 2022 an der TU Braunschweig, dessen Kontext der Krieg in der Ukraine und die Umstellung von Online zu Präsenzlehre war (Lehrende: Prof. Dr. Anja P. Jakobi). Durch administrative Flexibilität der Lehrplanung konnte hier schnell ein Angebot geschaffen werden, dass neben den vermittelten Inhalten auch eine Vielzahl mündlicher und schriftlicher Kompetenzen der Studierenden individuell fördern konnte. Danke auch an die engagierten Studierenden im Kurs!

Armaments and International Relations. Ein Lehrprojekt von Lucas F. Hellemeier

Das Seminar nimmt Bezug auf die russische Invasion in der Ukraine sowie die militärpolitischen Reaktionen auf den Krieg. Das Ziel des Seminars war es, den Studierenden eine Einführung in die akademischen Debatten über die Rolle der Rüstung in den internationalen Beziehungen (IB) sowie das Verhältnis zwischen Militärtechnologie und Kriegsführung zu geben. Das Seminar wurde als Vertiefungsseminar im interdisziplinären Studiengang North American Studies am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin für BA-Studierende angeboten.

Evolution von Staaten und Organisationen – Politische Theorie und mathematische Modellbildung. Ein Lehrprojekt von Matthias Gsänger, Johannes Müller und Volker Hösel

Interdisziplinäres Arbeiten ist relevant in allen Feldern der Policy-Forschung, insbesondere der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung aber auch in Bereichen allgemeiner sozialwissenschaftlicher Theoriebildung. Thema des Seminars bildeten Fragen der Institutionentheorie, die Anwendung und Anwendbarkeit von jüngeren Beiträgen der Evolutionstheorie zur Erklärung sozialer Ordnungsbildung, insbesondere der Entwicklung von Staatlichkeit, und die Verwendung dynamischer mathematischer Modelle als methodologischer Ansatz. Zu den Zielen der Veranstaltung gehört es, die Studierenden Erfahrungen machen zu lassen in eigenständiger Projektarbeit in interdisziplinären Teams.

Radical politics and (non)violent resistance. Ein Lehrprojekt von Jannis Julien Grimm

Wer definiert die Grenzen von Radikalität und Gewalt(freiheit) im Kontext sozialer Proteste? Unter wann sind diese wirksam und (il)legitim? Das Projektseminar „Radical politics and (non)violent resistance“ setzt sich kritisch mit den epistemischen Auswirkungen davon auseinander, wie wir radikale Politik konzipieren und ergründet zeitgenössische Debatten zur Definition, Abgrenzung, Legitimation, Messung sowie den sozialen und politischen Folgen von Gewalt(freiheit) im Kontext sozialer Mobilisierung. Dabei stützt sich der Kurs auf Erkenntnisse aus der sozialen Bewegungsforschung, der politischen Theorie des zivilen Ungehorsams, der Bürgerkriegsforschung sowie auf relationale und interaktionistische Ansätze der politischen Soziologie. Die Studierenden werden in die methodischen Grundlagen zur Untersuchung von Gewaltdynamiken eingeführt und gleichzeitig bei der Konzeption eigener empirischen Forschungs-vorhaben zu sozialen Kämpfen begleitet und mit den typischen Phasen eines Forschungsprozesses vertraut gemacht – schrittweise vom Forschungsdesign, über die Präsentation erster Recherchen, zur Begutachtung und Kommentierung, bis hin zur Revision und Publikation.

Politische Teilhabe erforschen. Ein Lehrprojekt von Anke Freuwört

Das Lehrforschungsprojekt „Politische Teilhabe erforschen“ hat an der Georg-August-Universität Göttingen im Wintersemester 2022/2023 stattgefunden und wurde im B.A. Sozialwissenschaften angeboten. In dessen Rahmen haben Studierende eigene Forschungsprojekte zu individuellen Themenschwerpunkten entwickelt. Entstanden sind sechs Forschungsgruppen, die gemeinsam eine qualitative Forschung durchgeführt haben. Die Ergebnisse wurden auf wissenschaftlichen Postern verewigt und die Ergebnisse mündlich präsentiert, sowie in Forschungsberichten verschriftlicht.

Wie demokratisch ist die EU? Ein Lehrprojekt von Julia Çetinkaya und Julian Plottka

Das Lehrprojekt „Wie demokratisch ist die EU?“ wird jährlich als Kooperation der Universitäten Magdeburg, Passau und Bonn angeboten. Es befähigt Studierende zur kritischen Reflexion der These vom Demokratiedefizit der EU, indem sie diese aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, und zur Durchführung eines ersten Forschungsprojekts, in dem sie eine der Thesen in einer Fallstudie empirisch überprüfen. Durch die zielgerichtete Integration von Online-Tools in die Präsenzlehre werden europaweit Studierende unterschiedlicher Universitäten und im Rahmen des „Online Round Table on European Democracy “ mit Entscheidungstragenden und Expert*innen zusammengebracht.

Internationales Recht und Politik in der Praxis. Ein Lehrprojekt von Jan Busse und Stephan Stetter

Die akademischen Lehr- und Forschungsreisen (LFR) – die seit 2015 mit jährlich wechselnden Zielen und für in der Regel 20 MA-Studierende durchgeführt werden – ermöglichen Studierenden des MA Staats- und Sozialwissenschaften an der Universität der Bundeswehr München (Vertiefung Internationales Recht und Politik) einmalige Einblicke in die politische und rechtliche Praxis. Im Zuge der LFR 2022 nach Griechenland und Zypern erlangten die Teilnehmenden fundierte Einblicke mit Blick auf (inter-)nationale Konflikte. Diese interdisziplinär ausgerichtete Verzahnung von Theorie und Praxis stellt aus Sicht der Lehrenden einen wichtigen Ansatz zur Wissensvermittlung dar.

Planspielarrangements für unterrichtsübergreifende Kernkompetenzen. Ein Lehrprojekt von Matthias Busch und Michell Dittgen

Im Rahmen des Programms zur Digitalisierung an den Hochschulen des Landes Rheinland-Pfalz werden am Arbeitsbereich „Didaktik der Gesellschaftswissenschaften“ an der Universität Trier bis Ende 2023 digitalbasierte Planspiele für die fachübergreifende Lehreraus- und -weiterbildung entwickelt und evaluiert. Die Studierenden schlüpfen dabei in die Rolle von Lehrkräften und gestalten Schulentwicklungsprozesse entlang der Querschnittsaufgaben „Demokratiebildung“ und „digitalitätsbezogene Bildung“.

Hermeneutik 2.0. Ein Lehrprojekt von Martin Beckstein

Das Lehrprojekt „Hermeneutik 2.0“, durchgeführt 2022 an der Universität Zürich, zielte darauf ab, durch die Nutzung digitaler Elemente kosteneffizient die Qualität der Lehre zu erhöhen. Es wurde als online-unterstütztes Selbststudiumsmodul umgesetzt, das Lehrvideos, Reflexionsübungen, Lernfortschrittstests und Gruppenarbeiten beinhaltete und konsequent auf den Ausbau von Transfer- und Anwendungsfähigkeiten der Studierenden fokussierte. Von den Erfolgen hervorzuheben sind einerseits die hohe Aktivierung der Studierendenschaft sowie andererseits die Korrektur der Leistungsnachweise, die im Double-blind Peer-Review-Verfahren von den Studierenden selbst durchgeführt wurde.

(Gießener) Frauen im Nationalsozialismus. Ein Lehrprojekt von Randi Becker

Gießener Lehramtsstudierende forschten im Sommersemester 2021 im Rahmen eines Seminars zu Gießener Frauenbiografien im Nationalsozialismus. Die Recherchen mündeten in die Veröffentlichung der Broschüre „Gießener Frauen. Opfer, Mitläuferinnen und Täterinnen im Nationalsozialismus“, die als Grundlage für individuelle Stadtrundgänge für die schulische wie außerschulische Bildung dienen kann.

Stockholm+50: Fünf Jahrzehnte globaler Umweltpolitik. Ein Lehrprojekt von Lena Partzsch

Anlässlich des Stockholm+50-Gipfels organisierte Prof. Dr. Lena Partzsch mit Studierenden im Rahmen eines Master-Seminars eine hybride Ringvorlesung zur Bedeutung der Politikwissenschaft für Umwelt und Nachhaltigkeit im Sommersemester 2022 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Die Vorträge der internationalen Gastreferent*innen basierten auf Kapiteln für ein Lehrbuch, das im Herbst 2023 bei Bristol University Press erscheint. Die Kapitelentwürfe wurden im Seminar diskutiert und Fragen an die Gastreferent*innen vorbereitet. Interviews, die die Studierenden mit den Referent*innen führten, wurden in gekürzter Form mit in das Buch aufgenommen.

Einleitung zur Blog-Reihe: Herausragende Lehre in der deutschen Politikwissenschaft 2023

Die DVPW und die Schader-Stiftung haben in diesem Jahr bereits zum dritten Mal den „Lehrpreis Politikwissenschaft“ verliehen. Der Preis hat zum Ziel, die besondere Bedeutung der Hochschullehre in der Disziplin sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Ausgezeichnet werden können Lehrprojekte, die inhaltlich und/oder methodisch innovativ sind und sich durch eine besonders gute Didaktik und herausragendes Engagement der Lehrenden auszeichnen. 2023 hat die Jury den Lehrpreis Prof. Dr. Lena Partzsch von der Freien Universität Berlin für ihr Lehrprojekt „Stockholm+50: Fünf Jahrzehnte globaler Umweltpolitik“ zuerkannt, das sie im Sommersemester 2022 an der Freien Universität Berlin durchgeführt hat.