Sind Oppositionsparteien eher in der Lage, democratic backsliding durch die nationale Exekutive zu verhindern, wenn die Opposition mehr subnationale Regierungen kontrolliert? Basierend auf einem neuen Datensatz zu subnationalen Wahlergebnissen in 84 Demokratien (1990-2021) zeigt die Studie, dass oppositions-kontrollierte subnationale Regierungen helfen, die Demokratie auf der nationalen Ebene zu festigen. Dies gilt selbst in unikameralen und unitarischen Demokratien. Oppositionelle Gouverneur*innen und Bürgermeister*innen intensivieren die Prinzipal-Agent-Probleme der nationalen Exekutive und befähigen die Opposition, elektoral kompetitiv zu bleiben. Effektiver Widerstand gegen democratic backsliding erfolgt somit auch in oppositions-kontrollierten Städten und Regionen.
Weltweit gewinnen rechtsradikale und rechtsextreme Parteien an Einfluss und gefährden liberale Demokratien durch ausgrenzende, nationalistische und autoritäre Politik. Meine Dissertation zeigt, dass öffentliche Debatten entscheidend zur Verankerung der äußersten Rechten beitragen, ihnen Legitimität verleihen und ihren politischen Einfluss stärken. In Deutschland hat der Einfluss rechtsextremer und rechtsradikaler Akteure und Ideen auf mediale Debatten und demokratische Parteien in den letzten 30 Jahren kontinuierlich zugenommen, insbesondere in Debatten über kulturelle Themen wie Migration und Islam. Rückenwind erhielten sie durch kritische Ereignisse wie Terroranschläge, die ihnen erhöhte Sichtbarkeit, Resonanz und Legitimität verschafften. Die umfangreichen Analysen meiner Dissertation verdeutlichen, wie sich die Grenzen des Sagbaren schrittweise verschoben haben und rechtsextremes Gedankengut salonfähig geworden ist.
Wie entsteht das Wissen über die Länder und Regionen, in die deutsche Außenpolitik interveniert? Wir stellen eine Studie über die Wissensproduktion in Deutschland zu Afghanistan vor. Eine Datenbank mit 133 Afghanistan-Expert*innen bildet die Grundlage. Wir stellen fest, dass das außenpolitische Wissen zu Afghanistan in Deutschland grundsätzlich zwischen Wissenschaft, Denkfabriken und Politik zirkulieren kann. Trotzdem bleibt der Austausch zwischen der Wissenschaft und dem Expertenwissen der Politik schwierig. Zudem schränkten Strukturen der Wissensproduktion die Qualität des Wissens und dessen Kommunikation ein.
Das Projektseminar verbindet qualitative Forschungstechniken mit politischen Praxisproblemen und fördert die selbstständige, studentische Projektarbeit. Studierende erlernen, wie wissenschaftliche Methoden (z.B. bei der Fallauswahl oder durch Prozessanalysen) bei der Beantwortung von Forschungsfragen, aber auch bei der Formulierung von politischen Handlungsempfehlungen helfen können. Besonders betont wird die enge Zusammenarbeit mit Akteur*innen aus dem Bereich der Digitalpolitik, wodurch die Studierenden praktische Erfahrungen sammeln und ihre Ergebnisse vor politischen Entscheidungsträger*innen präsentieren lernen.
Das Erasmus+ Blended-Intensive Programme (BIP) „Digital Constitutionalism and the UN Global Digital Compact“ war das erste an der Universität Bremen koordinierte BIP und brachte im April 2024 Studierende und Lehrende aus acht europäischen Hochschulen zusammen. Ziel war die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem UN-Prozess zum Global Digital Compact und der Erforschung von Menschenrechtspolitik im digitalen Raum. Im Zentrum standen forschendes und praxisorientiertes Lernen, etwa durch die gemeinsame Erstellung von Policy Briefs und die Teilnahme an der EuroDIG-Konferenz. Für die Politikwissenschaft bot das BIP ein innovatives Lehrformat, das theoretische Fragen globaler Governance mit praktischer Politikgestaltung verband und Studierenden Einblicke in internationale Regulierungsprozesse digitaler Technologien ermöglichte.
Wie lässt sich Digitalpolitik in ihrer Komplexität und Dynamik erfahrbar machen? Das im Studium Fundamentale an der Universität Erfurt durchgeführte Seminar „Doing Digitalpolitik“ antwortet auf diese Frage, indem es zwei, jeweils eintägige Planspiele miteinander verknüpft: Das erste fokussiert auf allgemeine Handlungslogiken, indem die Studierenden im fiktiven Staat „Novandia“ über die Einführung einer gemeinwohlorientierten Plattform entscheiden müssen – begleitet von öffentlichen Diskursen in einer simulierten Medienlandschaft. Spiel zwei setzt stärker auf die Vermittlung von Institutionenwissen und reale Politikprozesse, indem es den EU-Trilog zur CSAM-Verordnung, die sogenannte „Chatkontrolle“, nachbildet und die Studierenden in die Rolle der Verhandlungsführer bringt.
Die Winter School zum Thema „Inclusive Water Management in Southern Africa for Improving Gender Equality and Reducing Poverty & Vulnerability“ im Masterstudiengang „Sustainable Development Management“ an der Hochschule Rhein-Waal (HSRW) bietet Studierenden die Möglichkeit, direkte theoriegeleitete Einblicke in konkrete Praxis zu erhalten. Didaktisch ist die Winter School als Simulation eines Expert*innenteams konzipiert, das in Eswatini – einem Binnenstaat im südlichen Afrika mit ca. 1,2 Mio. Einwohner*innen – einen Beratungsauftrag für zwei Wasserbehörden zum Thema Gender, Armut und Vulnerabilität auf dem Weg zu einem inklusiven Wassermanagement durchführt. Dass diese Simulation so realistisch umgesetzt werden kann, ist der Kooperation von HSRW und der Blue-Deal-Partnerschaft zwischen den niederländischen Wasserbehörden mit dem Joint River Basin Authorities-Project Board und dem Eswatini Water and Agricultural Development Enterprise zu verdanken. Gastlehrende aus allen genannten Institutionen tragen zum Erfolg der Winter School bei. Ausgestattet mit theoretischem, methodischem und praktischem Input von den Professor*innen und externen Expert*innen analysieren die Studierenden lokale Probleme und entwickeln konkrete Lösungen. In diesem Jahr nahmen 26 Studierende aus 13 Ländern aus verschiedenen Kontinenten teil, seitens der HSRW als auch, dank des AGEP-Programms (Arbeitsgemeinschaft der Aufbaustudiengänge mit besonderem Bezug zu Entwicklungsländern), – den Universitäten Berlin, Bonn, Dortmund, Freiburg, Passau und Stuttgart.
The Research Colloquium on Triangular Cooperation was established in February 2024 as a monthly virtual platform for student presentations and science-policy exchanges on triangular cooperation, i.e. a development cooperation modality that includes at least three partners and combines established North-South and South-South cooperation formats. Colloquium participants have included Master’s and PhD students as well as more senior researchers and practitioners – including government officials and representatives from international organisations – from Australia, Brazil, Germany, Ghana, India, Indonesia, Mexico, the United Kingdom and Zambia. Participants have highlighted three Colloquium features as particularly valuable: (1) its interdisciplinary approach to academic research where political scientists regularly engage with colleagues from area studies, agronomy, nutrition studies or public health; (2) its transdisciplinary setup where students and their mentors create a space for exchange with government officials and representatives of international organisations; and (3) its cross-continental nature that has inspired participants to form a research-focused community beyond Colloquium sessions. The Colloquium is co-organised by four institutions: the German Institute of Development and Sustainability (IDOS, Germany), Instituto Mora (Mexico), Technische Universität Darmstadt (Germany), and the University of the Sunshine Coast (USC, Australia).
Im Rahmen des Aufbaumoduls "Politisches System der BRD" führen Studierende eine EU-Simulation durch, bei der sie als Minister*innen über die Effort-Sharing Verordnung zur europäischen Klimapolitik verhandelten. Die Simulation basiert auf echten Verhandlungsdaten und ermöglicht den Studierenden, den komplexen europäischen Rechtsetzungsprozess hautnah zu erleben. Durch das Einnehmen verschiedener Länderperspektiven und realitätsnahe Verhandlungen lernen die Studierenden die institutionellen Logiken der EU sowie typische Interessenkonflikte zwischen den Mitgliedstaaten kennen.
Das Seminarkonzept „Den Finanzplatz Frankfurt erforschen“ basiert auf dem didaktischen Ansatz des forschenden Lernens und soll Studierende anleiten, den Finanzplatz Frankfurt mithilfe eigener kleiner Forschungsprojekte „vor Ort“ zu erforschen. Durch Exkursionen zu Institutionen des Frankfurter Finanzplatzes und Interviews mit Akteuren aus der Praxis wird das komplexe Thema „Finanzmärkte“ für die Studierenden erfahrbar. Sie lernen in diesem Rahmen die erlernten Inhalte eigenständig zu vertiefen und Methodenkenntnisse fallbasiert anzuwenden.
Das Seminar vermittelte die theoretischen und methodischen Kenntnisse und Fähigkeiten, um Demonstrationen zu verstehen und zu erforschen. Dafür erlernten die Studierenden die Methode der systematischen Demonstrationsbefragung und wendeten diese beim Christopher Street Day in Marburg an. Im Anschluss unternahmen die Studierenden zudem qualitative Interviews mit Organisator*innen der Demonstration, um tiefergehende Erkenntnisse zu generieren. Die Ergebnisse wurden als Working Paper des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung veröffentlicht. Wesentlich für dieses Seminar war Teamwork: alle Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen, Schritte partizipativ geplant und umgesetzt und anschließend reflektiert.
Das Seminar „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ führte Studierende in zentrale theoretische und praktische Fragen der globalen Nuklearpolitik ein. Durch den Einsatz interaktiver Lernmethoden wurde gezielt kritisches Denken gefördert. Neben der Auseinandersetzung mit kritischen Perspektiven und aktuellen Herausforderungen – etwa dem russischen Angriffskrieg oder dem nordkoreanischen Atomprogramm - vermittelten Gastvorträge wertvolle Einblicke in die Praxis. Ein Exkursions- und Projektarbeitskonzept förderte eigenständige, problemorientierte Forschung zu Themen rund um Nuklearkrieg und nukleares Vergessen. Die positive Resonanz sowie die Publikation sehr guter Projektarbeiten unterstreichen den Erfolg des Lehrprojekts.
Die DVPW und die Schader-Stiftung haben in diesem Jahr bereits zum fünften Mal den „Lehrpreis Politikwissenschaft“ verliehen. Der Preis hat zum Ziel, die besondere Bedeutung der Hochschullehre in der Disziplin sichtbar zu machen und die Qualität der Lehre in der deutschen Politikwissenschaft zu stärken. Ausgezeichnet werden können Lehrprojekte, die inhaltlich und/oder methodisch innovativ sind und sich durch eine besonders gute Didaktik und herausragendes Engagement der Lehrenden auszeichnen. 2025 hat die Jury den Lehrpreis Dr. Carmen Wunderlich vom Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen für ihr Hauptseminar „Nukleare (Un-)Ordnung im Wandel: Herausforderungen bei der Kontrolle, Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen“ zuerkannt, das sie im Wintersemester 2024/2025 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg durchgeführt hat.
Bei der Analyse des Wahlverhaltens hat sich in den letzten Jahren vermehrt gezeigt, dass neben den klassischen Ansätzen (rational choice, makro-/mikrosoziologisch, langfristige Parteiidentifikation) auch psychologische Ansätze (z.B. Big Five) erklärungskräftig sind. Angesichts steigender Volatilität bei Wahlen überprüfen wir, basierend auf drei Wellen des Politikpanel Deutschland aus den Jahren 2022 und 2023, inwiefern bestimmte Persönlichkeitsmuster gemessen über die Big Five (a) mit dem Wechsel der Wahlabsicht generell und (b) mit der Populismusanfälligkeit, operationalisiert über den Wechsel hin zur AfD, zusammenhängen. Es zeigt sich, dass Offenheit und Gewissenhaftigkeit direkt die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die eigene Wahlabsicht zu wechseln. Ein direkter Effekt der Big Five auf den Wechsel zur AfD lässt sich nicht feststellen. Mediationsanalysen zeigen allerdings, dass die Persönlichkeitsstruktur über die politisch-ideologische Selbstverortung indirekt die Populismusanfälligkeit bedingen kann.
Emotionen prägen politische Themen und Debatten – und damit auch den Politikunterricht. Eine aktuelle Analyse von 1.500 Fortbildungen für Lehrkräfte zeigt jedoch, dass Emotionen in den Professionalisierungangeboten bislang kaum von Relevanz sind. Das ist problematisch, denn ohne den bewussten Umgang mit Wut, Angst oder Hoffnung laufen Lehrkräfte Gefahr, wichtige Diskussionen im Klassenzimmer zu vermeiden. Der Beitrag beleuchtet, wo die größten Lücken liegen und warum es dringend Zeit ist, emotionale Kompetenzen in der Lehrkräftebildung zu stärken.
Die Vermessung der Publikationslandschaft und Analyse von Publikationsnetzwerken ermöglichen Aussagen zu Reichweite und Einfluss von Forschung. Damit wird ein „Impact“ unterstellt, der auf quantitativen Daten beruht, aber zu qualitativen Aussagen führt. Der Blogbeitrag thematisiert diese Situation und berichtet von alternativen Wegen der Evaluation.
Die Frage, ob TikTok der AfD zu Stimmenzuwächsen unter jungen Wählenden verhilft, wird häufig in der öffentlichen Debatte diskutiert. Ergebnisse einer neuen Studie zur Social-Media-Nutzung während der Europawahl 2024 zeigen jedoch: Erhöhte TikTok-Nutzung führt nicht unbedingt zur Stimmabgabe für die AfD.
Die Minderpräsenz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen verschiedener Bereiche wie im Öffentlichen Dienst oder der Wirtschaft, die als eine Ursache für die im Osten Deutschlands größere Unzufriedenheit mit der Demokratie der Bundesrepublik Deutschland gilt, trifft nicht auf die Vertretung von Ostdeutschen in den Bundesvorständen der politischen Parteien zu. Vielmehr weisen die Parteien je nach Vergleichsmaßstab und Definitionskriterium für eine ostdeutsche Zugehörigkeit sogar häufig eine Überrepräsentation auf. Ein Blick auf die Parteien kann lohnend für die breitere Repräsentationsdebatte sein.
SOCIOS ist eine neue Open-Peer-Review-Plattform für Preprints aus den Sozialwissenschaften, die für die Politikwissenschaft spannende Möglichkeiten für frühe Diskussionen und transparentes Feedback aus der Fachcommunity bietet. Als gemeinsames Kooperationsprojekt mehrerer sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienste, darunter dem Pollux für die Politikwissenschaft, stärkt SOCIOS den disziplinübergreifenden Dialog und macht offene Wissenschaft sichtbar und anschlussfähig.
Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit Scharpf seine Theorie zur Asymmetrie zwischen negativer und positiver Integration in seinem Buch „Regieren in Europa: Effektiv und demokratisch?“ ausformulierte. Die Frage, inwieweit seine Diagnose noch zum Verständnis des Integrationsgeschehens beiträgt, wird in den letzten Jahren in Politik- und Rechtswissenschaften kritisch diskutiert. Wir haben unsere Sicht der Dinge in einem frisch erschienen Beitrag in der Politischen Vierteljahresschrift dargestellt, dessen Ergebnisse wir hier zusammenfassen. Wir bezweifeln, dass die europäische Wirtschafts- und Sozialintegration die von Scharpf diagnostizierten Probleme hat überwinden können.